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Bittere Pille für anthroposophische Ärzte: Die Bundesärztekammer lehnt den Methodenpluralismus ab – obwohl sich viele Patienten eine integrative Behandlung wünschen. Was fehlt, ist die Anerkennung einer Zusatzausbildung

Natürliche Heilstoffe bei Weleda im schweizerischen Arlesheim Foto: Gaetan Bally/Keystone/laif

Von Susanne Kretschmann

Chronische und lebensstilbedingte Erkrankungen, Antibiotikaresistenzen, eine steigende Kaiserschnittrate – die Medizin steht vor großen Herausforderungen. Viele Menschen erleben, dass ein rein naturwissenschaftlich basiertes biomedizinisches Modell ihre Bedürfnisse nicht abdeckt. Diese Einseitigkeit versucht die Anthroposophische Medizin zu kompensieren.

Sie versteht sich als integratives Medizinsystem, das konventionelle Medizin mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet, und wurde in den 1920er Jahren von Ita Wegmann und Rudolf Steiner begründet. Basis ihrer Lehre sind die vier Wesensglieder des Menschen: Geist (Ich-Organisation), Seele (astralische Organisation), Leben (ätherische Organisation) und Körper (physische Organisation), außerdem wird zwischen Denken, Fühlen und Wollen unterschieden. Schulmedizinische Diagnostik und Therapie gehören ebenso in das Behandlungsspektrum wie naturheilkundliche Arzneimittel, künstlerische Therapie, Eurythmietherapie und Körperarbeit, Heilpädagogik, Biografiearbeit, Sozial- und Psychotherapie sowie Ernährungsberatung und Gesundheitsaufklärung.

Anthroposophische Ärzte sind approbierte Allgemein- und Fachärzte aller Richtungen. Für ihre Zertifizierung zeichnet die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) verantwortlich. Laut ihrer Anerkennungsordnung durchlaufen Antragsteller ein Vierstufenprogramm, das unter anderem strukturierte Ausbildungskurse und eine mentorierte Praxiszeit beinhaltet.

Kritiker verweisen trotz der schulmedizinischen Kompetenz praktizierender Ärzte auf die Unvereinbarkeit von wissenschaftlich begründeter Information auf der einen Seite und philosophisch-weltanschaulichen Überzeugungen auf der anderen. Angeprangert werden auch fehlende Forschungsergebnisse, doch gerade auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland gibt auf www.damid.de einen Überblick über die Gesamtheit der anthroposophischen Medizin. Auch aktuelle Ethikdiskussionen zu Themen wie Impfdebatte und Sterbehilfe findet man dort.

Glöckler, Michaela: Was ist Anthroposophische Medizin? Erschienen im Verlag am Goetheanum (2017).

Digital Detox für jeden Tag: Im Rahmen der diesjährigen Woche der Seelischen Gesundheit geben Sabine Schäfer, (Fachärztin für Allgemeinmedizin, Anthroposophische Ärztin und Ernährungsmedizinerin) und Virginie Haddadène (Heil­eurythmistin) Anregungen und zeigen, welche Möglichkeiten die Anthroposophische Medizin zu bieten hat. 11. 10., 19.30 Uhr. Gesundheit Aktiv, Gneisenaustr. 42, 10961 Berlin. Eintritt frei.

Wege zum Selbst: Ein freies Wesen kann der Mensch nur aus sich selbst machen. Bei diesem Vortrag von Michaela Glöckler (ehem. Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum) geht es u. a. um die Fragen: Wie kann ich mich Ängsten stellen? Welche Instrumente helfen auf meinem Weg der Selbstschulung? 24. 11., 19:30 Uhr. Die Christengemeinschaft „Tenne“, Pfeifferstr. 4, 34121 Kassel. Eintritt 8 Euro (Abendkasse).

In der Schweiz hat vor gut zehn Jahren der Health Technology Assessment Report/HTA-Bericht zur Anerkennung der Anthroposophischen Medizin geführt. „Die gegenwärtigen Vertreter der Bundesärztekammer in Deutschland sind demgegenüber leider in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, indem sie dem Methodenpluralismus und der Therapiefreiheit der Ärzte und Patienten eine Absage erteilen“, sagt Michaela Glöckler, ehemalige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum und Autorin des Buchs „Was ist Anthroposophische Medizin?“.

Gabriela Stammer, Vorstand der GAÄD, meint: „Was fehlt, ist die Anerkennung einer Zusatzweiterbildung im Rahmen der Weiterbildungsordnung, die für Patienten und Ärzte vor allem eine größere Rechtssicherheit bedeuten würde.“ Bundesärztekammer-Sprecher Samir Rabbata erklärt: „Die Weiterbildungsgremien der Bundesärztekammer haben sich in den Beratungen zu der derzeit laufenden Novelle der Weiterbildungsordnung im September 2013 gegen die Einführung einer eigenen Bezeichnung ‚Anthroposophische Medizin‘ ausgesprochen, da die Etablierung einer Einzelqualifikation im Weiterbildungsrecht nicht mit der Philosophie der Anthroposophischen Medizin im Einklang steht; vielmehr können sämtliche Gebiete in der Weiterbildungsordnung und sämtliche Bereiche in der Medizin von einer anthroposophischen Grundhaltung tangiert sein.“

Wie sieht es bei der Kostenübernahme durch die Krankenkassen aus? Bei einer stationären Behandlung entstehen dem Patienten – mit Ausnahme der Aufwendungen für die Anreise – keine zusätzlichen Kosten. Eingeschränkt ist die Kostenübernahme allerdings bei der Heileurythmie, der Kunsttherapie und der Rhythmischen Massage, wenn sie ambulant verordnet werden.

„Eine Bezeichnung ‚Anthroposophische Medizin‘ wäre nicht sinnvoll“

Samir Rabbata, Bundesärztekammer

Gesetzlich Versicherte haben jedoch die Möglichkeit, an einem Vertrag zur Integrierten Versorgung teilzunehmen, der vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) entwickelt wurde und an dem sich inzwischen verschiedene Krankenkassen beteiligen. Dieser Vertrag garantiert, dass das gesamte Spektrum als Regelleistung in Anspruch genommen werden kann. Bei Ausnahmediagnosen werden auch anthroposophische Arzneimittel im Rahmen von Satzungsleistungen von den Krankenkassen übernommen.

Das Konzept der rund 1.520 ambulant und klinisch tätigen anthroposophischen Ärzte kommt gut an. In einer bundesweiten Befragung der Techniker Krankenkasse im Jahr 2013 zur stationären Versorgung schnitten vor allem die Anthroposophischen Akutkliniken Havelhöhe (Berlin), Herdecke (Nordrhein-Westfalen) und die Filderklinik (Baden-Württemberg) überdurchschnittlich gut ab.

Gabriela Stammer von der GAÄD fordert eine Stärkung des Pluralismus in der Medizin und ist überzeugt: „Integrative Medizin ist das Zukunftsparadigma – und anthroposophische Medizin ist dafür das Modell.“