Ulrike Herrmann über den Pendler-Rekord in Deutschland

Von wegen Home Office

Es zeigt sich eine erstaunliche Kontinuität im menschlichen Leben: Pro Tag legen wir im Durchschnitt 3,3 Wege zurück. Wahrscheinlich war dies schon in der Steinzeit so, als noch alle zu Fuß gingen. Auto, Zug und Flugzeug haben nicht die Zahl der Wege erhöht – sondern nur ihre Länge. Heute liegt Augsburg, gefühlt, direkt neben München, und Düsseldorf ist ein Vorort von Köln – oder umgekehrt. Deutschland wird (fast) zum Dorf.

Dieses Phänomen spiegelt sich auch statistisch wider – bei den Pendlern. Im Jahr 2000 arbeiteten 53 Prozent aller Arbeitnehmer in einer Gemeinde, die nicht ihr Wohnort war. Heute sind es schon 60 Prozent. Die Gründe sind vielfältig: Viele Innenstädte sind so teuer geworden, dass sich Normalverdiener die Mieten nicht mehr leisten können. Zudem sind nun auch viele Frauen berufstätig – aber es ist oft schwierig, dass beide Partner am gemeinsamen Wohnort eine Stelle finden.

Dieser ungebrochene Trend zum Pendeln ist überraschend, denn die Prognosen für das Internetzeitalter sahen völlig anders aus: Das „Home Office“ sollte die Bürotürme ersetzen und die total vernetzte „Industrie 4.0“ Menschen und sogar Fabriken überflüssig machen. Doch stattdessen ist persönliche Anwesenheit in den Betrieben derart gefragt, dass fast alle Arbeitnehmer morgens im Stau stehen oder sich in überfüllte U-Bahnen quetschen müssen.

Aber vielleicht ist dies nur eine Momentaufnahme, und die Prognosen werden doch noch wahr? Dies ist eher unwahrscheinlich. Schon jetzt könnten 46 Prozent aller Arbeitnehmer Home Office betreiben, aber nur ganze 12 Prozent tun es auch. Längst sind Videokonferenzen möglich, trotzdem wurden die Dienstreisen nicht weniger.

Der Mensch scheint gern unterwegs zu sein – eben 3,3-mal am Tag. Die Frage ist daher nicht, wie man die Mobilität reduzieren könnte, sondern wie man sie möglichst umweltneutral gestaltet.

Wirtschaft + Umwelt