Rock over Billstedt: Herz für Hartes

Im „Bambi Galore“ in Hamburg-Billstedt trifft sich regelmäßig die Metalszene. Nun wird der neue Konzertsaal eingeweiht – mit heftigem Death-Metal-Geballer.

Keine Berührungsängste: der neue „Kronensaal“ im „Bambi Galore“. Foto: Miguel Ferraz

Hamburg | TAZ Am Anfang stand die pure Ironie: 1980 gründete eine Gruppe engagierter BillstedterInnen die „Initiative für den Aufbau und die Weiterführung eines Stadtteilkulturzentrums“. Zehn Jahre später, nach zahlreichen Anträgen und unermüdlicher Überzeugungsarbeit gegenüber Bezirk und Bürgerschaft, wurden dem Verein die Räumlichkeiten eines stillgelegten Wasserwerks zugesprochen. 1993 erfolgte schließlich der Einzug ins neue Domizil im Öjendorfer Weg. Die Ladenfläche des humorvoll „Kulturpalast“ benannten Zentrums maß damals gerade einmal 70 Quadratmeter. Sein gastronomischer Bereich, ein kleiner Tresen und ein paar Sitzplätze, erhielt den dazu passenden Namen „Größenwahn“.

Damals hat wohl keiner der GründerInnen und BetreiberInnen zu träumen gewagt, was in den folgenden 30 Jahren passieren würde. Mit Umsicht erweiterte das Zentrum seine Angebotspalette, etwa um Musik-, Theater- und Filmveranstaltungen, Förder- und Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche, aber auch um Events, die die kulturell vielfältige Bevölkerungsstruktur Billstedts berücksichtigten. Heute ist der „Kulturpalast“ deshalb eine feste und unverzichtbare Größe in einem als „sozial schwach“ verrufenen Stadtteil. Seit 1993 kann das mittlerweile von der „Stiftung Kultur Palast Hamburg“ getragene Zentrum stetig steigende Besucherzahlen vorweisen.

Permanent Platzmangel

Wegen des enormen Zuspruchs sahen sich die BetreiberInnen in der Vergangenheit aber immer wieder mit akutem Platzmangel konfrontiert. Deswegen musste am 1912 errichteten und teils denkmalgeschützten Gebäude, in dem der Kulturpalast residierte (und von dem aus früher die ganze Gegend mit Trinkwasser versorgt wurde), ein ums andere Mal angebaut werden.

Umfangreiche Baumaßnahmen erforderte zum Beispiel die 1996 ins Leben gerufene Aktion „Wasserbunker“. Ihr Ziel war es, die bisherige Mini-Gastronomie zu vergrößern und einen veritablen Musikklub im Kellergewölbe einzurichten. 2001 waren dafür die nötigen Gelder eingesammelt und alle Genehmigungen eingeholt. Drei Jahre danach öffnete ein stattliches Esslokal im gläsernen Foyer seine Pforten, während im Keller ein kleiner Live-Musik-Klub von sich reden zu machen begann. Das „Bambi Galore“ war geboren. Die Erfolgsgeschichte des Klubs mit dem bekloppt-einprägsamen Namen mutet ein bisschen bizarr an.

Zu Beginn war das Musikprogramm im „Bambi Galore“ noch reichlich gemischt. Es ging durch alle Genres. Und alle zwei Monate fanden Konzerte aus dem Metal-Bereich statt, nach denen ein gewisser DJ Ayhan Maiden für weitere Riff-Beschallung sorgte. Unerwarteterweise erfreuten sich diese unter dem Motto „Revolt!“ stehenden Abende mit internationalen Live-Acts zunehmender Beliebtheit – auch unter Zentral-Hamburgern, die zum Ausgehen nur ungern ihre Stadtteile verlassen.

Nische für Metalfans

Dieser Trend hielt über die Jahre ungebrochen an und führte schließlich dazu, dass Metal-Konzerte im „Bambi“ heute die Regel sind. Als dessen kurioser Nebeneffekt treffen sich nun Thrash-, Death- und Black-Metalheads aus ganz Hamburg regelmäßig in Billstedt. Ebenfalls amüsant: Im Programm des „Kulturpalast“ stehen die Ankündigungen für „Heidi“-Film und „HipHop Academy“, „Gipfeltreffen der Klangstrolche“ und „Clownszirkus Pulcinella“ neben dunklen Flyern mit grimmig-verzackten Schriftzügen von Bands, die Cryptopsy, Sadism oder Kill Ritual heißen.

Die vorerst letzte Etappe im ständigen Wachstum des Kulturzentrums stellt der in diesem Jahr fertiggestellte Neubau dar. Mit einer Nutzfläche von nunmehr 3.500 Quadratmetern kann sich der „Kulturpalast“ seitdem das größte Stadtteilkulturzentrum Hamburgs nennen. Darin ist jetzt auch die geräumigste Halle des Hauses, der „Kronensaal“, untergebracht. Wieder so ein selbstironischer Name? Nur bedingt: Die Halle strahlt nicht gerade eine festliche Stimmung aus. Dafür ist sie aber technisch tipptopp ausgestattet und multifunktional nutzbar. Sie verfügt über verstellbare Wände und eine Galerie, sie kann komplett bestuhlt werden und bietet im Konzertbetrieb bis zu 800 Stehplätze.

Eingeweiht wird der „Kronensaal“ am 17. Juni. Dann werden die niederländische Band Asphyx und andere Gruppen die brandneue Verstärkeranlage einem ausgiebigem Belastungstest unterziehen. Mit heftig ballerndem Death Metal natürlich.

„Revolt!“ mit Asphyx, Shirenc plays Pungent Stench, Fäulnis, Cryptic Brood, Phantom Corporation und Soul Conqueror: Sa, 17. 6., 18 Uhr, Bambi Galore, Öjendorfer Weg 30

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de