Berliner Szenen

Menschen in der Stadt

Typ mit Tick

„Sauber! So was Schönes habe ich lange nicht gesehen!“

„2 Milliarden Tonnen. So viel wiegt Berlin – ohne Einwohner.“ So titelt eine Boulevardzeitung. Was gehört alles zu Berlin? Wo fängt die Stadt an, und wo hört sie auf?

Ich bringe mit der Tochter den Sohn zum Sporttraining. Wir betreten die Halle, und er sagt, wir sollen jetzt gehen und lieber kurz vor Ende wiederkommen, sie würden jetzt eh nur Aufwärmübungen machen. Die Tochter zieht mich in die Richtung, in der sie die Eisdiele vermutet. Auf dem nahe gelegenen Platz steht ein Springbrunnen, aus dem Wasser in einer Fontäne Richtung Schöneberger Firmament geschossen wird. Die Tochter steht fasziniert davor, und ich denke, ja klar, ich komme aus einer Zeit, in der aus allen Springbrunnen Wasser kam, und stehe nun in einer Zeit, in der die meisten Brunnen trockengelegt sind, Angestellte Mitarbeiter heißen und jeder Idiot das Weltgeschehen in Echtzeit kommentieren kann. Ein Mann mit weit geöffnetem Mund kommt auf uns zu. Er zwinkert uns zu. Er zwinkert so oft, dass es ein Tick sein könnte. Kurz bevor er uns erreicht, legt er seinen Kopf in den Nacken. Es ist ein Tick, der ganze Typ ist ein Tick. Wir, sein Publikum, sind nun bei ihm, und er sagt: „Gute Anordnung! Saubere Architektur! Sauber! So etwas Schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“

Meint er den Himmel, den Platz, seine Gedanken? Ich wünsche ihm einen Guten Tag, die Tochter sagt: „Tschüs!“ Wir holen den Sohn ab. Er sieht erschöpft aus. Auf der Rückfahrt isst eine Frau in der U-Bahn Studentenfutter. Sie hat eine Linie aus Rosinen und Nüssen auf dem Rucksack gebildet, der auf ihrem Schoß liegt. Sie beginnt, die Linie von außen her zu essen, Stück für Stück, einer Zündschnur gleich. Als sie sich die letzte Rosine in den Mund steckt und nicht explodiert, holt sie die Tüte aus dem Rucksack und legt sich eine neue Linie.

Als wir die nördliche Kante des Berliner Urstromtals erreichen, schläft die Tochter. Wo beginnt eine Stadt, und wo hört sie auf? Und warum wiegt jemand eine Stadt? Und warum ohne Menschen? Björn Kuhligk