Soviel Kritik muss sein:Gareth Joswig überdie Ausstellung„Ein endliches Märchen“

Kein Entrinnen aus dem Kaninchenbau

Foto: Gareth Joswig

Seit sechs Jahren versucht Soe Sezuki aufzuwachen. Ohne Erfolg. Die japanische Künstlerin ist gefangen im kollektiven japanischen Alptraum, der Fukushima heißt. Ihre Ausstellung „Ein endliches Märchen“ bedient sich an Alices Kaninchenbau, aus dem sie zu entkommen versucht. Traurigerweise wird sie es, anders als Alice, jedoch niemals schaffen. Denn der Super-GAU von Fukushima bleibt Realität.

„Ein endliches Märchen“ ist eine Wunschvorstellung, die in collagierten Fotoschnipseln, Comic-Textboxen und mit Tinte gemalten Kleinformaten aus dieser Realität ausbrechen will und dabei scheitert. Sezukis wahnfantastische Bilder sind der Versuch einer Abrechnung mit der verharmlosenden japanischen Medienöffentlichkeit, einer hilflosen wie verantwortungslosen Regierung und dem Atomkonzern Tepco.

Als Fukushima passierte, saß Sezuki im Flugzeug nach Barcelona. Sie ist Tätowiererin, ihre Motive sind so gefragt, dass sie für Aufträge um die Welt reist. Sezuki hat Freunde, die in dem verstrahlten Gebiet wohnen. Sie selbst lebte damals in Tokyo, 240 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Auch wegen der Reaktorkatastrophe verließ sie Japan. Sie lebt seitdem in Bremen, arbeitet hier und in Hamburg jeweils in einem Tattoo-Studio. Ihre Arbeit wirkt sich auf ihre Bilder aus. Sie benutzt auf vielen ihrer Bilder Tinte und hat die Tätowiernadel durch eine Feder ersetzt, mit der sie in wenigen Farben umso detaillierter ihre Gefühlswelt post Fukushima abbildet.

Ein Leitmotiv ist dabei die Kyokujitsuki, die Flagge der aufgehenden Sonne der japanischen Armee im zweiten Weltkrieg. Sie verwebt sich symbiotisch mit dem internationalen Warnzeichen für Radioaktivität und thront als Himmel über allem. Und strahlt. Ebenso fliegt durch die Bilder der Ausstellung immer wieder ein Origami-Vogel. Mal liegt er siechend und verstrahlt am Boden, daneben steht der Satz: „Keine Sorge, ich kann noch kämpfen.“ Mal fliegt er durch einen blutbefleckten Himmel, von dem es yellostromig regnet.

Der Regen trifft alle und erinnert so daran, dass Fukushima alle angeht. Sezuki politisierte die Katastrophe: Sie hat Fotos von Demos in ihre Ausstellung gewoben („Wir laufen. Von den Massenmedien totgeschwiegen.“), aber auch Polizisten abgebildet, die wegen der Proteste Spalier stehen. Der auf die Fotos gemalte radioaktive Regen trifft sie alle gleichermaßen. Gleiches gilt für die eindrucksvolle Ausstellung: Man kann sich ihr nicht entziehen.

Ein Foto zeigt offenbar ein Fukushima-Opfer mit kaum noch erkennbaren Gliedmaßen und orangem Rest-Körper. Darunter, im selben Farbton mutierte Karotten, die gleichzeitig grausame Detailstudien des menschlichen Körpers darüber sind.

Soe Sezuki – Anti Nuke Shit „Ein endliches Märchen“: Noch bis 17. 3., Antiquariat und Kunst, Contrescarpe 45