brüsseler spitzen

Der Puls ist schwach

die eu-parlaments-kolumne

von Eric Bonse

Es regnete in Strömen, als die Gründerväter der Europäischen Union vor 60 Jahren in Rom zusammenkamen. Sie setzten ihre Unterschriften auf leere Blätter, weil die „Römischen Verträge“ zu spät gedruckt worden waren. Aber das machte nichts, denn Konrad Adenauer und seine fünf Mitstreiter wussten den Zeitgeist hinter sich.

Ganz anders heute. Der Zeitgeist hat sich gegen die EU gewendet, der „Pulse of Europe“ ist kaum noch spürbar. Jedenfalls nicht in Brüssel. Hier, im Herzen Europas, arbeiten zwar ­Tausende EU-Beamte, Diplomaten und ­Lobbyisten am europäischen ­Projekt. Doch das Einzige, was pulsiert, ist der Autoverkehr im Europaviertel.

Kaum mehr als 250 Menschen kamen zum ersten Treffen von „Pulse of Europe“ in Brüssel. Bei sonnigem Frühlingswetter hätte man mehr erwarten können. Doch in Brüssel sind die Bürger nicht mehr von der EU überzeugt.

Hier herrscht eine andere Stimmung als in Berlin, München oder Düsseldorf. Hier wird die deutsche Europapolitik, die die Wähler von Kanzlerin Angela Merkel so schätzen, kritisch gesehen. Europa wird nicht mehr als „unser“ Projekt wahrgenommen – und der Populismus nicht als Gefahr, die von „den anderen“ ausgeht.

Denn in Brüssel ist der Populismus ganz nah – in Gestalt von flämischen Nationalisten, französischen Frontisten und niederländischen Islamgegnern. In Antwerpen, Maastricht und Lille blühen Ausländerfeindlichkeit und EU-Frust, dabei leben diese grenznahen Städte vom Austausch und von der Reisefreiheit im Schengen-Raum.

Wer für die EU arbeitet und Teil der Blase im Brüsseler Europaviertel ist, spürt davon allerdings wenig. Hier bleibt man unter sich. Man lebt und arbeitet unter Gleichgesinnten, am Wochenende geht es per TGV oder Flugzeug heim nach Paris, London oder Berlin. Was normale Bürger bewegt, ist weit weg.

Beim EU-Sondergipfel in Rom zum 60. Jahrestag der Gründungsverträge dürfte es kaum anders sein. Merkel und die übrigen EU-Chefs treffen sich auf dem Kapitolshügel, mit Bürgern kommen sie kaum in Berührung. Dass Rom von der EU-kritischen 5-Sterne-Bewegung regiert wird und Italien auf der Kippe steht, ist kein Thema.

Auch der „Marsch für Europa“, der für dieses Wochenende geplant ist, spielt offiziell keine Rolle. Merkel kommt nur, um ihre Unterschrift unter eine feierliche Erklärung zu setzen. Diesmal dürften es keine leeren Blätter sein, sondern leere Worte.