Überlieferung Aus der Zurückgezogenheit heraus will Botho Strauß ein Gespräch eröffnen: „Oniritti“

Vom Flügelschlag der Sprache

Wovon künden die Höhlenbilder? Traumgesichte und Graffiti sind im Wort Oniritti zusammengefasst Foto: Ramon Espelt/Westend61/plainpicture

von Eberhard Geisler

Im Titel dieses Buchs, „Oniritti“, sind das griechische Wort für Traumgesichte und die Vorstellung von Graffiti zusammengefasst, sodass den Lesern Bildschriften an Höhlenwänden angekündigt werden. Piranesis „Carceri“ und monumentale Architekturfantasien werden zitiert, und steter Hintergrund ist Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“, in der ein Mann Eintritt in das Gesetz begehrt, bereits einen durch die Tür brechenden, gleißenden Glanz wahrnimmt, ohne freilich je die Schwelle überschreiten zu können. Strauß berichtet von Menschen, die treppauf, treppab unterwegs sind, verschlossenen, türgrifflosen, aber auch verführerisch einladenden Türen begegnen und schließlich irgendwelche anderen Räume erreichen wollen.

Der Vernunft entzogene Bereiche sollen in seinen Texten aufgetan werden, um, wie der Autor sagt, das Sein selbst zum Sprechen zu bringen. Die Möglichkeit von Zeichen und Schrift ist für ihn bedroht, soll aber noch in Betracht gezogen werden. Dabei sind wunderbare Stücke entstanden, die an die Bibel, die platonische Philosophie, Klassiker wie Franz Kafka, Walter Benjamin, Jorge Luis Borges und andere anknüpfen, ein Gespräch mit den großen Vorgängern führen und nun der Ausdeutung durch uns Leser harren.

Der Band enthält kurze Skizzen, erzählende Passagen, aber auch Parabeln und Denkbilder, immer wieder imaginäre Szenen, wie sie einer Welt des zu seinem Recht gekommenen Träumens entsprechen. Eines der zentralen Themen ist die Bühne, das Agieren der Schauspieler, ihre Frage nach Identität, ihr Lauschen auf den Souffleurkasten. Ist es der verborgene Souffleur, der die Hoffnung hegen kann, auf dem bunten Brettergeschehen Anerkennung und Gedächtnis zu finden?

Strauß will Gott sei Dank völlig ­aufgeklärt, aber doch immer noch für Epiphanien offen sein

Antike Mythen werden aufgegriffen, Gerichtsszenen geschildert, Absurditäten entfaltet wie etwa die Idee, dass von einem Baum Bücher gepflückt werden können. Die Möglichkeit wird bedacht, dass Erkenntnis plötzlich in ein unvorstellbares Entsetzen mündet (klingen hier vielleicht die Schriften Edgar Allan Poes und Ernst Jüngers an, die ja eine Ästhetik des Schreckens betrieben?). Ein Schwerpunkt ist auch die Kritik der gesellschaftlichen Vermassung, die dem Autor wie ein gefährlicher Maelstrom erscheint, der Tadel der Schablonisierung aller Fantasie, die Verurteilung einer allzu leichtgewichtigen Kunst und der bloßen Ausrichtung der heutigen Gesellschaft auf zweckrationales Handeln – dies eine Stoßrichtung, für die Strauß ja allgemein bekannt ist. Viel Aufmerksamkeit gilt auch dem Verhältnis von Mann und Frau, der Möglichkeit von Liebe und um deren Vergänglichkeit; die früheren Theaterstücke des Autors haben erotische Spannungen ausgiebig behandelt. Er kommt zu dem Schluss, dass die poetische Intelligenz die einzig menschenwürdige ist. Und der Autor sucht den Dialog auch mit uns.

Strauß gehört in der aktuellen literarischen Szene zu den wenigen, für welche die Frage nach der Theologie eine bleibende Option ist. Er erwähnt frühchristliche Einsiedler und fragt, ob sich der Mensch in die Verborgenheit begeben oder nicht vielmehr in die Welt hinausgehen und sich der Säkularität aussetzen soll? Mitten in der Mediengesellschaft fordert er nach Orten, um fragen, wimmern und beten zu können. Einen verbindlichen Logos wie ehedem gibt es für ihn nicht mehr, aber er will gleichwohl die Sehnsucht nach ihm und kosmischen Zusammenhängen verspüren. „Jeder Mensch auf seinem Stuhl, so fest er sitzt, stürzt immer noch den Engeln nach.“

Noch einmal wird hier von einem gewaltigen Wort geträumt, das die Erde erbeben ließe. Ein solcher Traum soll auch im 21. Jahrhundert noch zitiert werden können. Pascal war davon überzeugt, dass die menschliche Suche nach Gott bereits ein schlagender Beweis für dessen Existenz sei. Strauß ist von derlei Gewissheiten fern und übt ein weit ausgreifendes Denken, das in alle Richtungen bis an die Grenzen heranzukommen bestrebt ist. Strauß will Gott sei Dank völlig aufgeklärt, aber doch immer noch für Epiphanien offen sein. Sie sind möglicherweise im Dunkel der Höhlen beschlossen. Er ist der Denker in der Grätsche.

Botho Strauß ist für seinen auch politisch geäußerten Konservativismus bekanntlich umstritten, aber wir müssen erkennen, dass er aus seiner Zurückgezogenheit in der Uckermark heraus ein größeres Gespräch zu eröffnen versucht. An einer Stelle seines Buchs bekennt er: „Am liebsten liefe ich über zu denen, die unbändig vor Freude, vor Schwärmen einer dem anderen in die Arme fallen, von einem Freund zum nächsten eilen, da jeder Mensch ihnen ein Festgenosse ist“. Das ist die Gastfreundlichkeit den Fremden gegenüber, die Hölderlin als Gut der soeben von feudaler Herrschaft befreiten Deutschen im „Empedokles“ beschwor.

An anderer Stelle erklärt der Autor, dass die Verneinung von Vielfalt auf der Leugnung von Vergangenheit beruhe. Er ist dabei nicht allein in der Beschwörung der Stimmen deutscher Tradition. Wir danken ihm, dass er für Treue zu unserer geistigen Überlieferung eintritt, und würden mit ihm gern in einen Diskurs darüber treten, welche Gestalt diese Treue annehmen könnte.

Botho Strauß: „Oniritti. Höhlenbilder“. Hanser, München 2016, 288 Seiten, 22 Euro