Portrait

Leyla İmret aus Osterholz, Bürgermeisterin von Cizîr Foto: dpa

Die Unbeirrbare

Norddeutschlands mutigste Politikerin ist in Osterholz-Scharmbeck aufgewachsen. Vor zwei Jahren war Leyla İmret in ihre Geburtsstadt Cizîr am Tigris gezogen, die auf Türkisch Cizre genannt wird, und mit 81,6 Prozent der Stimmen zur Bürgermeisterin gewählt worden. Derzeit aber ist sie verschollen.

„Seit Anfang November hat niemand mehr Kontakt zu ihr“, sagt Mizgin Ciftci. „Keiner weiß, wo sie ist.“ An den Chef der Kreistags-Linken haben sich die Angehörigen İmrets gewandt: Das liegt nahe, er hat auch kurdische Vorfahren. Aber wie könnte er helfen? Gerade noch kann er der Sorge um die 29-Jährige zu Öffentlichkeit verhelfen. Also hat er einen Dringlichkeitsantrag formuliert, für die heutige Sitzung, der Kreistag möge beschließen … Vielleicht kann ja der Landrat beim Generalkonsul in Hannover vorsprechen. Ein Ohnmachtsantrag. „Aber das ist kein Grund, ihn nicht zu stellen“, sagt Ciftci.

Cizîr liegt im Südosten der Türkei, direkt an der Grenze zu Syrien. Gut 132.000 Einwohner hat die Stadt. İmrets Vater, ein PKK-Kämpfer, war dort 1992 auf offener Straße erschossen worden. Nach ihrer Flucht war sie in den Kreis nordöstlich von Bremen gekommen, zur Tante. In Osterholz sind die Kurden die größte Minderheit.

İmret absolviert die Realschule. Gerne hätte sie weiter gemacht, Abi, Studium, Politikwissenschaft, das ist ihr Traum. Aber um die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, muss sie einen Job haben. Sie lernt erst Friseurin, dann Kinderpflegerin – um am Ende doch in die Türkei zu ziehen, als sie 2013 erstmals wieder nach Cizîr gereist ist und das Grab ihres Vaters besucht hat. „Ich hatte Angst davor“, erzählt sie 2014 der Frankfurter Rundschau. Aber dann habe sie gespürt, „ich gehöre hierher.“ Und vieles sei ja besser geworden. Zur Wahl tritt sie an für die Partei des Friedens und der Demokratie.

Von den Verbesserungen ist heute nichts mehr übrig. Schon im Herbst 2015 enthebt der damalige Innenminister İmret des Amts. Man verhaftet sie, lässt sie laufen, verhaftet sie. Entlässt sie erneut. „Man kann davon reden, dass wir einen Bürgerkrieg haben in der Türkei“, hatte sie dem Vice-Magazin gesagt. Ein Aufruf zur Unterstützung einer terroristischen Vereinigung soll das gewesen sein. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Haft.

Seit Januar muss sich İmret wöchentlich bei der Polizei melden. Kein Gedanke an Ausreise, ihr deutscher Aufenthaltstitel ist längst verfallen. Anfang 2017 soll ihr der Prozess gemacht werden. Jetzt ist sie verschwunden. „Keiner weiß, was los ist“, sagt Ciftci, „ob sie untergetaucht ist, verhaftet – oder entführt.“ bes