Liebe Von den prekären Tugenden des Selbstschutzes: Lauren Groffs Paarroman „Licht und Zorn“

Kunst der Manipulation

In den USA gefeiert: Autorin Lauren Groff Foto: Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif

von Eva Behrendt

Auf einem Symposium über die Zukunft des Theaters entschlüpft dem charismatischen Dramatiker Lancelot Satterwhite, genannt Lotto, der Satz, die Frauen der meisten Künstler, die er kenne, seien „die weit besseren Menschen“. „Sie sind sanfter, großzügiger, in jeder Hinsicht achtbarer.“ Er preist die Arbeit der Ehefrauen, die ihren narzisstischen Männern den Rücken freihalten, indem sie für „einen reibungslosen, sauberen und komfortablen Alltag sorgen“. Er schwärmt von ihrer „körperlichen Genialität“, die sie „auf das Leben selbst verwenden“ können: „Ich liebe Frauen. Und nicht alle Frauen bekommen Kinder. Meine Frau zum Beispiel nicht.“ Als er im Publikum ihren Blick sucht, ist seine Frau Mathilde verschwunden.

Spätestens diese Stelle auf halber Strecke legt nahe, dass Lauren Groffs jetzt in deutscher Übersetzung von Stefanie Jacobs erschienener Roman „Licht und Zorn“ („Fates and Furies“) auf ein Klischee hinauswill: Er glaubt, sie ist glücklich; derweil kocht sie vor Wut. Doch die 1978 geborene, in den USA für ihren dritten Roman gefeierte Autorin wählt eine etwas andere Abfahrt als die große Tradition amerikanischer Eheromane wie Richard Yates’ „Revolutionary Road“ oder John Updikes „Ehepaare“, die die Gesellschaft ihrer Zeit im Paar zu spiegeln versuchten. Groff erledigt das quasi nebenbei, und doch ist ihre Stoßrichtung philosophischer, existenzieller.

Sie managt den Aufstieg

Bis zum Theatersymposium hat sie in großer atmosphärischer Dichte aus Lottos Perspektive erzählt: von seiner behüteten 70er-Jahre-Kindheit in Florida als Sohn eines reichen Selfmade-Geschäftsmann und der Meerjungfrauhostess Antoinette, vom plötzlichen Tod des Vaters, als der Junge zwölf ist, seinen dramatischen Teenagerexzessen mit Sex und Drogen, infolge deren ihn seine Mutter auf ein Internat verbannt – und ihn nie wiedersehen wird. Doch allen Brüchen und Verlusten zum Trotz bleibt Lotto sein Leben lang scheinbar auf der Siegerseite der Lebenslotterie.

Sein Hauptgewinn ist die schöne, gescheite Mathilde, der er Anfang der 90er Jahre auf dem Vasser-College an der Ostküste begegnet. Kurz darauf heiraten sie: „Lotto war lebhaft und voller Licht; Mathilde still, wachsam.“ Gleichwohl setzt vor allem Mathilde alle Hebel für das gemeinsame Glück in Bewegung. Sie verdient den gemeinsamen Unterhalt, bis sie den Dramatiker in Lotto entdeckt, der als erfolgloser Schauspieler zunächst in den Seilen hängt. Sie redigiert und vermittelt seine Texte, managt den sozialen Aufstieg der beiden. Sie sorgt dafür, dass ein Kreis von Freunden und Bekannten sich regelmäßig zu Partys im Haus der Satterwhites trifft. Als sie keine Kinder bekommen, tröstet sie Lotto mit einem Hund, als er gemeinsam mit einem jungen Komponisten eine Oper schreiben will, lässt sie ihn wochenlang in eine Künstlerkolonie ziehen. Und als Lotto die Podiumsdiskussion so peinlich versiebt, verzeiht sie ihm großmütig. Zu großmütig, argwöhnt man.

Doch der zweite, mit „Zorn“ überschriebene Teil – und das ist die größte Überraschung dieses erstaunlichen Romans – ist nicht das erwartbare Wutprotokoll der frustrierten Ehefrau, die alles ins gemeinsame Projekt investiert und zu wenig zurückbekommen hat. Mathilde, das enthüllt ihr Part in immer neuen Sprüngen und Volten, war nie Opfer ihres Mannes, ganz im Gegenteil – sie hat ihn, ohne ihm schaden zu wollen, permanent kunstvoll und quasi zu seinem (und ihrem) Besten manipuliert. Aber natürlich ist Manipulation ein Übergriff, eine aggressive Tat, die sich in Mathildes Fall aus sehr viel früheren Quellen speist. Als Vierjährige wurde sie von ihren Eltern für einen tragischen Unfall verantwortlich gemacht und zur Großmutter nach Paris verbannt. Von klein auf musste sie auf eigenen Füßen stehen, das war eine Überlebensfrage.

Lauren Groffs Kunstgriff, dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, scheint simpel, wird von ihr aber meisterlich umgesetzt. Ihr raffiniertes Wechselspiel von Symmetrie und Asymmetrie in den Biografien und Perspektiven ihrer beiden Protagonisten begreift man erst vom Ende her. Der epische Bericht aus Lottos Sicht endet mit seinem Tod; Mathildes Leben geht danach noch einmal so lange mit weiter, blendet aber immer wieder zurück. Groff kontrastiert zudem unterschiedliche Erzählformen: Lottos Lebensstrom fließt warm, breit und üppig dahin, auch wenn Groff einzelne Szenen indirekt oder in raffinierter Verknappung schildert; die später eingestreuten Ausschnitte aus Lottos Theaterstücken – Familienstücke, durchsetzt mit griechisch-tragischen Motiven – variieren Szenen aus seinem eigenen Leben. Mathilde dagegen ist eine heißkalte Problemlöserin und Pläneschmiederin von nahezu kriminellem Ausmaß. Entsprechend präsentiert sich ihr Part als analytischer Konstruktionsplan, der für verschiedene mit Lotto geteilte Schaltstellen den geheimen Schlüssel nachreicht. Und auch hier erinnert manche Enthüllung an antike Konstellationen.

Diese leise Vertrautheit

Warum hat Lotto so wenig über Mathilde gewusst und nicht darauf insistiert, mehr über sie zu erfahren? Aber auch: Hätte ihm dieses Wissen genützt? Offenbar haben hier zwei prekäre Tugenden des Selbstschutzes wie Zahnräder ineinandergegriffen und diese Liebe immer wieder neu ermöglicht: Lottos ignorante Ich-Bezogenheit und Mathildes Manipulationstalent, denen letztlich auch wir Leser erliegen. Dennoch lassen sich aus Lauren Groffs verwickelt lebensklugem Buch weder Genderpessimismus noch Schicksalsergebenheit ablesen. Schließlich hat diese Ehe zwei außergewöhnlichen Menschen nicht nur die Möglichkeitsräume erweitert, sondern ihnen etwas großartig Gewöhnliches geschenkt: „Tag für Tag nebeneinander aufwachen, dann ihr Mann, der ihr eine Tasse Kaffee ans Bett brachte, die Milch noch ein weißer Wirbel im Schwarz. […] Diese leise Vertrautheit war es, die ihre Ehe ausgemacht hatte, nicht die Zeremonien, die Partys, die Premierenabende, Festtage oder spektakulärer Sex.“

Lauren Groff: „Licht und Zorn“. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Berlin, Berlin 2016, 432 S., 24 Euro