WALTRAUD SCHWAB LEKTIONEN

Den Schweinehund reiten

Mutprobe mit Meer: Wer im eiskalten Wasser badet, wächst über sich hinaus

Für diese Lektion braucht es Vorbilder, keine Schule, keine Lehrbücher. Wozu auch? Um die Tücken der Durchblutung zu studieren?

Nein, diese Lektion ist eine Mutprobe. Sie beginnt im Winter am Meer. Null Grad. Sie beginnt mit einem Besuch bei Freundinnen. Die eine war mal Sportlerin, die andere beschäftigt sich mit Körperpolitik. Deshalb verstehen sich die beiden einigermaßen – der Körper verbindet.

Die Ex-Sportlerin ist resolut, mit klaren Vorstellungen, was so ein Körper braucht. Die Politikerin auch. Gut essen zum Beispiel, aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um Ertüchtigung, körperliche, die sie täglich ans Meer führt. Mit zunehmendem Alter haben die Damen vom Joggen auf Nordic Walking gewechselt. In höchsten Tönen loben sie die Luft, die Bewegung, die Sicht auf das Wasser. Mir würde das auch gut tun. „Du mit deinem Husten! Du mit deinen Augen!“

So passiert es, dass ich eine Lektion in Nordic Walking erhalte, Wintermeerluft einatmend und – die Stöcke immer schön hinter mir einstechend – durch den Sand marschiere. Vorne die beiden Freundinnen, dann ich. Rechts das Meer, links die Dünen. Einzig die Buhnen sind Zäsur. Strammes Gehen sei gefordert, deutet die Sportlerin an. Ins Schwitzen soll ich kommen. Wenn ich ins Schwitzen gekommen bin, so die Instruktion, soll ich die Hosenbeine hochkrempeln. Das sei gut, das sei gesund.

Bei der letzten Buhne warten die Freundinnen auf mich. Sie haben die Stöcke in den Sand gelegt. „Hier ist eine gute Stelle zum Baden“, sagt die Ex-Sportlerin. „Baden“, sage ich entsetzt. „Kein Zwang“, sagt die Körperpolitikerin. Meine Freundinnen ziehen sich aus. Kein Zwang, nur Gruppenzwang.

An der Stelle könnte ich meine Schwäche eingestehen und das wär’s. „Überleg nicht lange“, sagt die Ex-Sportlerin. Und dann sagt sie noch: „Schön ist es erst hinterher.“

„Schön ist es erst hinterher“, oh hätte sie doch den Mund gehalten. Wer will das Schöne nicht? Also mach ich’s. Ungeachtet der Strandgänger, die weitergehen, als wären wir nicht da, ziehe ich mich aus und renne den beiden hinterher. Kaum berührt mein Fuß das Wasser, stockt mir der Atem. „Nein“, schreie ich, „los weiter“, schreien sie, sie tauchen schon ein, ich nur noch Wille, mach einen Schritt im Wasser, noch einen – die Füße stechen – und noch einen – nicht denken, nicht fühlen – der Atem stockt – jetzt kannst du nicht umkehren – also doch gedacht – los, geh in die Hocke – ich tu’s – in die Hocke, das Wasser, die kleine Welle – atmen, atmen – die zwei lachen – „Scheiße, Mist“ – die zwei lachen weiter, rennen raus – ich hinterher.

Sie hatten mir ein Handtuch mitgebracht. Schnell abtrocknen, in die Kleider und dann spüre ich es – die Wärme, wie elektrisiert. Und dann sehe ich ihn – den überwundenen Schweinehund – vorne Rüsselschnauze und Dackelohren, in der Mitte Windhundbeine, hinten Ringelschwanz. Ich setze mich auf ihn und fliege zurück.

Die Autorin ist sonntaz-Redakteurin auf lebenslanger Lernmission Foto: Isabel Lott