Überwältigung Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff ist mit ihrem neuen, doomigen Album „The Miraculous“ derzeit auf Tour

Eine Frau orgelt erhaben

Die Underground- und Punkszene explodiert hier gerade: Anna von Hausswolff Foto: Anders Nydam

von Jens Uthoff

Interessant, was man so erfährt, wenn man mit Anna von Hausswolff über ihre Musik spricht. Zum Beispiel, dass man im Inneren einer Orgel übernachten kann. Nicht in irgendeiner Orgel, sondern in der größten Kirchenorgel Skandinaviens, die in einer Konzerthalle im nordschwedischen Örtchen Piteå steht, mit 9.000 Pfeifen und diversem Zusatzschnickschnack wie Vibrafonen und Glockenspielen ausgestattet.

„Man kann sich verlieren in dieser riesigen Orgel“, erzählt von Hausswolff, die ihr neues Album dort aufgenommen hat. Einer aus ihrem Team habe in den fünf Produktionstagen inmitten der metallenen Röhren übernachtet. „Wir haben ihm auch einen Namen gegeben: das Phantom der Oper.“

Das Bild passt: eine überdimensionale Orgel, neben der dieses menschliche Phantom der Oper verschwindend klein wirkt. Denn der Sound der 29-jährigen Sängerin und Pianistin ist vereinnahmend, düster, mysteriös anmutend. „Das ist die künstlerische Seite von mir“, sagt die aus Göteborg stammende Künstlerin, „was ich im Alltagsleben nicht verarbeiten kann, das drücke ich mit der Musik aus.“

Genres zusammenbringen

Kürzlich hat Anna von Hausswolff, die während des Skype-Gesprächs in ihrer Wahlheimat Kopenhagen vor einem Rechner in einem Internetcafé sitzt, ihr drittes Album veröffentlicht. „The Miraculous“ heißt es, in Deutschland und Europa bringt City Slang, eines der größeren Indielabels, das knapp 50-minütige epische Werk mit den neun Tracks heraus.

Wenn man Anna von Hauss­wolff jetzt als neuen heißen Scheiß bezeichnen würde, so klänge das irgendwie schief angesichts ihrer derb unterkühlten Musik. Aber vielen gilt sie als bemerkenswerte zeitgenössische Künstlerin, weil sie Genres zusammenbringt, die auf den ersten Blick inkompatibel wirken. Indie-Pop, Minimal, Metal, Noise, Drone, Songwriter, Postklassik – all diese Stile klingen auf „The Miraculous“ an. Kein Wunder, dass man Behelfsetiketten wie „Funeral-Pop“ – das Vorgängeralbum handelte vom Tod ihres Großvaters – erfindet, um ihre Musik zu beschreiben. Das Gute ist, dass all diese Stile organisch ineinanderfließen. Heraus kommt alles andere als leicht verdauliche Radioware, aber die Musik bleibt zugänglich und hörbar.

Von Hausswolff, die am frühen Morgen während des Bildschirmgesprächs bereits quicklebendig wirkt, weiß, warum so viele Stile bei ihr anklingen. „Mein Musikgeschmack ist wohl ziemlich schizophren“, sagt sie.

Dies kann man auch an ihrem musikalischen Werdegang ablesen: Im Alter von zehn Jahren begann sie mit dem Klavierspielen, mit 17 hatte sie eine Pop-Band, die zwischen The Smiths und den Cocteau Twins angesiedelt war – damals wie heute arbeitete sie mit dem Gitarristen Karl Vento zusammen. Es folgte ein Singer-Songwriter-Projekt, gegenwärtig hat sie neben ihrer Hauptband noch eine meditativ-dreampoppige Band gemeinsam mit dem schwedischen Pianisten Matti Bye („Hydras Dream“). Und dann wäre da noch eine Noise-Band, die sie gerade gegründet hat – das sei der Szene in Kopenhagen geschuldet, wo sie seit dem Jahr 2010 lebt, sagt sie: „Die Underground- und Punkszene explodiert hier gerade. Vor ein paar Jahren gab es vielleicht ein, zwei Leute, die hier Noise oder Field Recordings gemacht haben, das ist jetzt komplett anders.“

In „The Miraculous“ kommen all diese Seiten zusammen. Es ist ein Konzeptalbum über einen Ort in Schweden, den Anna von Hausswolff als Kind oft mit ihrer Familie besucht hat. „Ein trauriger, mystischer, dunkler, und wirklich faszinierender Ort“, sagt sie, „die Natur dort ist überwältigend.“ Die Entfremdung von der Natur sei ein Thema des Albums – aber es gehe genauso darum, wie sich Menschen einander entfremden. „Musik war für mich immer ein Mittel, dem entgegenzuwirken.“

Es passt zum Thema, dass das Album – dank Orgelpfeifen, verzerrten Gitarren zwischen Rock und Metal, dank von Hausswolffs hohem Gesang, dem nur zeitweilig Hall hinzugefügt wird – von einem Sound der Überwältigung, des Erhabenen lebt. Das Tempo ist meist langsam, die Orgeltöne klingen lange aus. Von Hausswolff und ihre Band variieren in den bis zu zehnminütigen Tracks zwischen Laut und Leise, spielen mit Steigerungen und Abstufungen. Bei alldem erinnert das Album mal an PJ Harveys fantastisches jüngstes Album „Let England Shake“, mal an Drone-/Doom-Bands wie Swans oder Sunn o))). Dass sie diesen Klang bei Livekonzerten in der Regel nicht kreieren kann – ihr Keyboard orgelt natürlich nicht so los wie die Kirchenorgeln, mit denen sie aufnimmt – sieht sie eher aus Herausforderung.

Halle der 9.000 Pfeifen

In Schweden ist Anna von Hauss­wolff eine bekannte Persönlichkeit. Dafür sorgte nicht nur die Musik selbst. Auf dem Cover eines schwedischen Magazins hat sie sich mal mit einem T-Shirt der Band Burzum abbilden lassen – das ist die Black-Metal-Gruppe um den verurteilten Mörder, Nazi und Kirchenanzünder Varg Vigernes. Ein Skandal? „Für mich war das eher ein Witz“, sagt sie, „in dem Artikel, zu dem das Foto veröffentlicht wurde, ging es um meine Liebe zu Kirchen und Kirchenorgeln. Ich dachte, es wäre ein funny move“, sagt sie. Die Musik der Kirchenanzünder finde sie gar nicht übel, natürlich aber lehnt sie Vigernes’Ideologie ab. „Mit den Melodien und mit der Melancholie des Sounds hatte ich aber sofort eine Verbindung.“

Von Hausswolff kommt ein bisschen wie eine ständig Getriebene rüber; eine, der es schwerfällt, nichts zu machen: Nicht nur, dass sie gerade ein eigenes Label gegründet hat (Pomperipossa Records) und dort die ersten Releases anstehen, nein, bereits 2016 wird ein neues Album von ihr erscheinen. Auch dessen Stücke seien in der Halle mit den 9.000 Pfeifen aufgenommen. Zu „The Miraculous“ habe es nur nicht so gut gepasst. Vielleicht aber ist es ja ähnlich wunderbar.

Anna von Hausswolff: „The Miraculous“ (City Slang). Live am 6. 12., Sophiensæle, Berlin, Nordwind Festival