Underground Deformierte, Versehrte – allen Figuren fehlt etwas bei Harry Crews. „Florida Forever“ ist genüsslicher Trash und klug gemacht

Vom Leben schwer gezeichnet

Warum steht er nicht auf einer Höhe mit Charles Bukowski? Harry Crews Foto: J. Sassier/Opale/Leemage/laif

von Jens Uthoff

Über den US-amerikanischen Autor Harry Crews ist hierzulande nahezu nichts bekannt. Das ist seltsam. Nicht nur weil Crews ein toller Autor ist, der es versteht, bizarre Storys zu erzählen. Es ist auch deshalb verwunderlich, weil viele US-Autoren, die man wie Crews dem Underground oder der Outsider-Literatur zurechnet, es auch in ­Europa zu Ruhm brachten. Charles Bukowski, Hubert Selby Jr., Ken Kesey, um nur einige zu nennen; Autoren – selten Autorinnen, muss man sagen –, die Fans auch diesseits des Atlantik hatten.

In den USA hatte dieser Harry Eugene Crews, der 1935 in einer Kleinstadt in Georgia geboren wurde, aus armen und einfachen Verhältnissen stammte und seit den 1970ern als Literaturprofessor in Ohio und in ­Florida wirkte, eine große Gefolgschaft im Pop-Underground. Sonic-Youth-Sängerin Kim Gordon und Punk-Pionierin ­Lydia Lunch benannten eine zugegebenermaßen kurzlebige gemeinsame Band nach ihm. Künstler wie Sean Penn oder Henry Rollins setzten sich dafür ein, dass man Crews’Werk mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Mit Erfolg. Immer öfter tauchte auch der Name Crews auf, wenn man die Great American Novelists des 20. Jahrhunderts aufführte – Crews galt dabei allerdings immer als typischer Südstaaten-Autor.

In Deutschland gibt es nun eine neuerliche Chance, Crews’Werk zu entdecken. Mit „Florida Forever“ hat der Metrolit Verlag einen Roman aus seinem späten Schaffen (1998) veröffentlicht – ein Werk, das alle Stärken dieses Autors zeigt: Crews schreibt böse bis ätzend, er überspitzt, wo er nur kann, und verbindet US-Realismus mit surreal-ob­skuren Elementen.

Ort des Geschehens ist eine Altenwohnanlage namens „For­ever and Forever“. Betrieben wird sie von Koreakriegsveteran Stump, der die alten Menschen aufnimmt, um „sie hier parken und sterben zu lassen“, wie er im Verlauf der Erzählung sagen wird. In dem XL-­Altenheim vegetieren die Hochbetagten vor sich hin. Jeder Tag ist gleich.

Stumps Sexualleben

In seinen kaputten, verstümmelten und versehrten Personen, die gesellschaftlich unsichtbar bleiben, lässt sich eine Rückschau des Autors auf das 20. Jahrhundert vermuten

Das ändert sich, als Too Much auftaucht, eine junge, hübsche Frau, über deren Herkunft wenig gesagt wird und die sich im Laufe der Handlung in einem Setting an schrägen Figuren als die schrägste erweist. Direkt nach ihrer Ankunft geht sie eine eigenwillige sexuelle Beziehung mit Stump ein, eine Badewanne und der amputierte Unterarm des Kriegsversehrten spielen darin eine Rolle.

Nachdem sie Stumps Sexualleben mit einigen „Zirkusnummern“, wie er sie nennt, wiederbelebt hat, reanimiert Too Much nach und nach die gesamte Seniorenwohnanlage. Das Ehepaar Mabel und Johnson – er hat zuvor einzig Befriedigung daraus gezogen, mit seiner .22er in den nahe gelegenen Sumpf zu ballern – entdeckt etwa eine spezielle Form von S/M; auch daran hat Too Much ihren Anteil.

Von Stump aber verlangt sie eine Gegenleistung für ihr Wirken: die Macht über die Wohnanlage. „Wenn ich hier fertig bin, dann funktioniert Forever and Forever womöglich so geschmiert wie die verfickte preußische Armee.“ – „Du meinst die russische Armee.“ – „Nein, die preußische Armee.“ Während Too Much die Herrschaft an sich reißt, kommt es zu ersten unnatürlichen Todesfällen.

Tradition der Freaks

Bei allem inhaltlichen Trash, den Crews genüsslich ausbreitet, ist „Florida Forever“ ein kluger und weitsichtiger Roman. Mit dem Ort und mit seinen Protagonisten persifliert er den Umgang mit einer Personengruppe ohne Lobby: den Alten. Werden sie anfangs als Figuren ohne Bedürfnisse und Persönlichkeit dargestellt, erlangen sie im Lauf der Handlung ihre Vitalität zurück.

Auch der Charakter Stump ist klug gesetzt. „Florida For­ever“ wurde 1998 veröffentlicht, man könnte in den kaputten, verstümmelten und versehrten Personen, die gleichsam gesellschaftlich unsichtbar bleiben, eine Rückschau des Autors auf das 20. Jahrhundert vermuten. Ästhetisch vielleicht in einer Tradition mit dem legendären Film „Freaks“ stehend, bildet er das scheinbar Unvollkommene ab, das für den Autor Norm ist: „Fast allen Leuten, die ich kannte, fehlte etwas; ein abgehackter Finger, ein zerquetschter Zeh, ein abgebissenes Ohr, ein von Blindheit verschattetes Auge, das von einem herumschnellenden Zaunkrampen herrührte“, schrieb Crews einmal in seinen Kindheitserinnerungen. Schon in dem Roman „Scar Lover“, der zuletzt von ihm auf Deutsch erschien, war die psychische und physische Deformation der Charaktere Grundthema, wie der Titel bereits nahelegt. Wenn man so will, setzt Crews den ganz ­normalen Kaputten, vom Leben Gezeichneten ein weiteres Denkmal mit „Florida Forever“.

Crews war selbst im Koreakrieg aktiv und versuchte sich später als Boxer. Er war sicher nicht erst im Alter vom Leben gezeichnet. „Florida Forever“, das er 63-jährig schrieb und das in Amerika unter dem Titel „Celebration“ erschien, wirkt dennoch wie ein bitterer, aber in ­keiner Sekunde lebensmüder Ausblick auf das richtig hohe Alter (im Übrigen ist der dialogreiche Roman großartig ins Deutsche übersetzt von Gunter Blank und Simone Salitter). Harry Crews starb im Jahre 2012. In Florida.

Harry Crews: „Florida For­ever“. Aus dem Amerikanischen v. Gunter Blank und Simone Salitter. Metrolit, Berlin 2015, 334 S., 22 Euro