Auf einen Kaffee mit einem der Sprayer von "Homeland"

Kurzer Moment der Klarheit

Foto: privat

Globetrotter

von Elise Graton

Als ich Caram zum Kaffee treffe, sieht er gar nicht so müde aus, wie erwartet. Dabei sorgt er seit Tagen weltweit für Schlagzeilen: Er ist einer der drei KünstlerInnen, die im letzten Sommer den Auftrag erhielten, ein Filmset von „Homeland“ mit arabischen Graffiti zu dekorieren. Dabei haben sie die Gelegenheit ergriffen, um die gefeierte US-Serie über eine CIA-Agentin im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus subversiv für ihre Kritik zu kapern.

Es muss ein paar Tage nach der eigentlichen Aktion gewesen sein, als ich mit Caram und Don am Kanal in Kreuzberg saß und einer der beiden plötzlich losprustete: „Mann, bin ich auf die nächste Staffel von ‚Homeland‘gespannt!“, was beim anderen verschwörerische Zustimmung fand. Vielleicht fragte ich: „Wieso? Weil die in Berlin spielt?“ Eigentlich weiß ich nicht mehr, was ich gesagt habe. Jedenfalls erschloss sich mir ihr plötzlicher Enthusiasmus gar nicht, und da sie keine Anstalten machten, mir Genaueres zu erklären, wechselte ich das Thema. Hätte ich lieber mal nachgebohrt.

Nun aber weiß die ganze Welt Bescheid, dass Caram Kapp, Don Karl aka Stone und Heba Y. Amin ihren ursprünglichen Auftrag nutzten, um die TV-Serie zu hacken: Statt der von der Filmproduktion erwünschten apolitischen arabischen Graffiti, sprühten sie Sprüche wie „Home­land ist rassistisch“, „Diese Show entspricht nicht der Meinung der Künstler“ oder „Homeland ist ein Witz, aber wir lachen nicht“ – was wegen mangelnder Sprachkenntnisse und Unachtsamkeit der Produktion erst nach der Erstausstrahlung auffiel.

„Es sah wirklich wie im Libanon aus“, erinnert sich Caram an die Filmkulisse in einer ehemaligen Futterphosphatfabrik am Rande Berlins, die ein Flüchtlingslager darstellen sollte. „Der Straßenschutt, die Plakate, ja sogar die Wäscheklammern waren authentisch.“ Um dem Set den letzten Schliff zu geben, wurde Don engagiert: Nicht zuletzt durch sein Buch „Walls of Freedom“ gilt der Künstler als Experte der neuen arabischen Graffitiszene, die im Zuge der Aufstände 2011 aufblühte. Dass Don aber mit der Unterstützung von Heba und Caram seinem rebellischem Berufsethos entsprechend richtig gute Arbeit leisten würde, damit hatte wohl keiner gerechnet.

Große Aufregung

Jetzt ist die Aufregung groß, seit sie sich via Facebook und Hebas Blog zu ihrer Guerilla-Aktion bekannt haben. Doch auch wenn Carams Mutter zunächst besorgt war, er würde danach nie wieder einen Job bekommen, scheint es, als würden die drei erst mal keinen nennenswerten Ärger kriegen. Bisher gab es außergewöhnlich wenig negative Kritik: „Manche behaupten, dass alles von der Produktionsfirma geplant gewesen sei oder dass wir Isis-Anhänger seien“, zählt Caram auf. Oder: „Das ist doch bloß eine TV-Serie, was regt ihr euch mit eurer politischen Korrektheit so auf?“

Wenn Flüchtlingswellen und Terrorismus im gleichen Atemzug genannt werden, hat eine TV-Serie das Potenzial, diffuse Ängste zu schüren

Klar, wie jede internationale Fernsehunterhaltung bedient auch „Homeland“ Vorurteile, Plattitüden und Ressentiments, um Figurenzeichnung und Handlungsstränge voranzutreiben. Selbst wenn diese gelegentlich gebrochen werden, am Ende werden sie umso effektiver bestätigt. Gerade während in Nachrichten Flüchtlingswellen aus muslimischen Ländern und islamistischer Terrorismus im gleichen Atemzug erwähnt werden, hat eine Serie mit globalem Pop-Appeal das Potenzial, diffuse Ängste zu schüren.

Caram schlürft an seinem Cappuccino und gesteht, dass er längst den Überblick über die Anzahl der Interviews verloren hat, die er und seine Graffiti-Freunde in den letzten Tagen gegeben haben. Aber er freut sich über die Aufmerksamkeit und verfolgt eifrig, wie sich die Diskussion weiterentwickelt.

Einen kurzen Moment der Klarheit in einer immer lauter lärmenden Gegenwart haben sie der Welt geschenkt, und die wiederum bejubelt nun den Humor, den Mut und die Eleganz der Geste. Auch die Bedienung im Café bedankt sich zum Abschied bei Caram: „Danke, dass ihr gezeigt habt, dass so etwas noch möglich ist.“ Caram bedankt sich artig zurück.

Noch am Abend geht es für ihn zurück in den Alltag: Er fliegt in den Libanon, um dort einen Workshop für Kinder zu leiten.

Elise Graton ist freie Journalistin und Übersetzerin in Berlin