DIE NIEDERLANDE WAREN SCHON VOR DEM VAN-GOGH-MORD GESPALTEN

Ausgrenzung à la hollandaise

Vor einem Jahr wurde der Filmemacher Theo van Gogh ermordet – von einem 27-jährigen Muslim, der in Amsterdam aufgewachsen war. Seither beobachten Einheimische und Zuwanderer besorgt, ob und wie sich ihr Zusammenleben verschlechtert. Haben sich die Niederlande verändert? Die Antworten sind widersprüchlich.

Der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen konstatiert, dass „die Polarisierung zugenommen“ habe. Der Bestsellerautor Geert Mak wirft den Politikern vor, sie würden vorsätzlich Fremdenangst schüren. Andere Stimmen geben Entwarnung: Erleichtert zitierte das NRC Handelsblad vor zwei Tagen eine Studie, die nicht erkennen kann, dass die Medien einseitig negativ über Muslime berichten würden. Im Gegenteil. Gerade nach dem Mord an van Gogh sei vor allem darüber geschrieben worden, dass „nichtwestliche Zuwanderer“ in den Niederlanden nicht genug Chancen erhielten.

In den Niederlanden scheinen sich Parallelwelten zwischen den Meinungsführern aufzutun. Und doch liegen die Einschätzungen gar nicht so weit auseinander. Die niederländische Form der Ausgrenzung funktioniert subtiler, als dass die Leitmedien den muslimischen Zuwanderern pauschal vorwerfen würden, die Integration zu verweigern. Nicht nur die Qualität der Artikel entscheidet – sondern auch ihre schiere Quantität. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Einwanderer nicht ein wichtiges Medienthema wären. Dies signalisiert den Niederländern automatisch: Eine derart dichte Berichterstattung kann nur bedeuten, dass die Zuwanderer ein immenses Problem darstellen.

Dieses Gefühl wird durch eine durchaus eigenwillige Statistik unterstützt: In den Niederlanden gilt jeder als Zuwanderer, der ein Elternteil hat, das jenseits der Grenzen geboren wurde. Daran ändert auch die offizielle Staatsangehörigkeit nichts. Entsprechend alarmierend geraten die Prognosen: Schon jetzt soll die Mehrheit der Amsterdamer Jugendlichen aus dem Ausland stammen. Die einheimischen Niederländer reagieren erwartungsgemäß: Sie fühlen sich enteignet. Der Mord an Theo van Gogh hat die Beziehungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern nicht verschlechtert. Sie waren schon schlecht. ULRIKE HERRMANN