Die gesellschaftsKritik

Foto: MIA

Ein guter Tag zum Sterben

Was sagt uns das? Die russische Regierung gab jüngst eine Broschüre heraus, die Bürger vor Gefahren beim Knipsen von Handyselbstporträts warnt

In Russland gibt es zahlreiche Arten, zu Tode zu kommen: Ob bei waghalsigen Überholmanövern auf mehrspurigen Straßen, im freiwilligen Urlaubseinsatz an der Ostfront in der Ukraine. Oder ganz schlicht durch exzessives Saufen, wobei - in Ermangelung anderer Flüssigkeiten – für den Rausch auf Nimmerwiedersehen mitunter auch Haar- und Rasierwasser herhalten müssen.

Offenbar sind die BürgerInnen im Reich von Präsident Wladimir Putin gerade dabei, sich weitere finale Betätigungsfelder zu erschließen. Wie sonst wäre eine ­Kampagne zu erklären, mit der das Innenministerium vor Handyselbstporträts warnt.

Im Ruderboot, auf Bahngleisen und Strommasten, mit geladener Knarre, auf Dächern sowie Treppen. „Ein cooles Selfie kann dich das Leben kosten“, heißt es in der dazugehörigen Broschüre. Dabei ist der Hintergrund der skurril anmutenden Aktion durchaus ein ernster und realer. Seit Beginn dieses Jahres verletzten sich über hundert Menschen beim fotografischen Selbstversuch.

Manchmal ging dieser auch tödlich aus wie im Fall zweier junger Männer im Ural. Diese sprengten sich unfreiwillig in die Luft, als sie sich für ein Selfie mit einer entsicherten Handgranate in Stellung brachten.

Nun ist es ja nicht so, dass nur in Russland Selfies für ein tragisches Frühableben verantwortlich wären. Auch in Portugal kam im vergangenen Jahr ein polnisches Paar zu Tode, als es bei der Erstellung eines Erinnerungsfotos eine Steilküste hinunterstürzte. Dass sich jedoch in ­Russland der­artige Vorkommnisse in jüngster Zeit häufen, könnte noch einen anderen Grund haben. Hier gilt immer noch der Grundsatz: Was zählt schon ein Leben, auch wenn es das eigene ist. An dieser fatalistischen Einstellung dürfte sich unter Wladimir Putin wohl auf absehbare Zeit nichts ändern.

Barbara Oertel