Punk-Doku: Sechs Clubs für 500 Bands

Punk ist in China echte Subkultur. Die Doku "Beijing Bubbles" zeigt die Szene rund um den durchgeknallten Sänger Bian Yuan.

Kreeeiiiiisch!!!! So klingt Punk auch in China Bild: Promo

Da hocken die beiden, mit hochgezogenen Beinen, in dieser winzigen Wohnung in Peking, wo der Putz sich von der Decke löst und "Get the fuck up!" an die Wand gepinselt steht. Bian Yuan raucht Kette, während seine Freundin eine babygroße Mickymaus in den Armen wiegt und ein bekifftes Lächeln im Gesicht trägt. Bian Yuan philosophiert: "Die Leute sind seltsam. Das ist auf der ganzen Welt so. Aber in China gibt es noch mehr seltsame Leute."

Dann kriegt er einen Lachanfall. Er schüttelt sich über seinem rosafarbenen Hemd, das mit schwarzen Herzchen bedruckt ist. "Die meisten hier verstehen nicht, was ich mache. Das werden sie nie." Er geht in die Küche. Die Handkamera tastet die schäbigen Möbel ab, und Bian Yuan sagt, aus dem Off erst und nicht wenig stolz: "Hier gibt es nichts zu kochen. Nur ein paar Erbsen. Ich koche aber auch nicht gern. Das Einzige, was ich wirklich mag, ist Rock n Roll."

Die Anfangssequenz von "Beijing Bubbles" ist programmatisch - in zweierlei Hinsicht. Denn: Einfach nur Rock n Roll, einfach nur Musik machen, das ist es, was alle der fünf Pekinger Bands, die in "Beijing Bubbles" porträtiert werden, wollen - auf der einen Seite. Auf der anderen Seite wollen die beiden Berliner Filmemacher George Lindt und Susanne Messmer nichts anderes so sehr als nah dran sein an ihren Protagonisten, diese kleinen, verwackelten Momente abpassen, wo irgendetwas deep wird, persönlich. Es geht ihnen nicht darum, viel zu erklären, die Geschichte der Rockmusik in China etwa oder die ökonomische Struktur des chinesischen Musikmarkts. Vielmehr lassen sie ein paar Leute reden, darüber, worüber sie so reden wollen - über Hanfpflanzen, Einsamkeit, Neureiche, mongolisches Obertonsingen, den Platz des Himmlischen Friedens. Mit den Bands Joyside, Hang On The Box, Sha Zi, New Pants und T9 wandern sie abwechselnd durch die Stadt, gehen mit ihnen nach Hause und auf ihre Konzerte, treffen ihre Eltern, beim lustigen Karaokesingen zum Beispiel. Messmer und Lindt haben aus Gesprächen, Konzerten und Stadtbildern einen Kaleidoskopfilm montiert, der einen bewusst subjektiven Ausschnitt dessen zeigt, was in Pekings alternativer Musikszene so gemacht, gelebt und gedacht wird.

2004 waren Messmer und Lindt das erste Mal da und haben sich in der Musikszene der Stadt umgeschaut. Später im selben Jahr kamen sie zurück, mit Handkameras im Gepäck, und drehten "Beijing Bubbles" - begeistert von der Offenheit dieser Menschen, die so dezidiert nichts mit dem chinesischen Mainstream zu tun haben wollen und es schaffen, aus der alten Tante Punkrock irgendwie einen neuen Sinn herauszuquetschen. Weil sie eben nicht so schnell wie möglich ihr Studium beenden, heiraten und sich einen gut bezahlten Job suchen. Weil sie nur scharf sind auf billige Rolex-Imitate. Weil sie Secondhandshirts super finden und nicht in einen der mittlerweile 17 Louis-Vuitton-Shops wollen. Weil sie sich dazu bekennen, faul zu sein, sich von den Eltern aushalten zu lassen, am liebsten zu Hause zu sitzen und Bass zu üben. Bian Yuan von Pekings wohl bekanntester Rock-n-Roll-Band Joyside bringt sein Lebenskonzept prägnant auf den Punkt: "Ich möchte singen, trinken und ficken." Nicht ohne danach einen seiner Lachanfälle zu haben.

"Beijing Bubbles" ist ein Film über junge Leute, die man eigentlich ganz gut verstehen kann, auch wenn ihr Englisch oft so holprig ist wie ihr musikalisches Konzept retro. Sie leben in dieser 15-Millionen-Metropole, die zwar 500 Bands, aber bis heute nicht mehr als sechs Live-Clubs mit sehr sporadischem Programm vorweisen kann. Sie sind aus guten Gründen offensiv gelangweilt von ihrer Stadt und holen sich ihre Leidenschaft beim Selbermachen und ihren Idolen ab. Peaches ist es im Fall der Rrriot-Girl-nahen Elektropunkband Hang On The Box, die Ramones sind es für die New Pants. Bian Yuans größtes Vorbild ist Jim Morrison.

Das ist unverkennbar, wenn man ihn auf einer Bühne sieht. Dann steht er da in seiner engen schwarzen Lederhose, ein weißes Hemd weit aufgeknöpft, den Oberkörper fast im Neunzig-Grad-Winkel Richtung Mikrofon gebeugt. Wie er seine Lippen beim Singen schürzt, um anschließend mit der Whiskyflasche in der Hand über die Bühne zu taumeln, das ist so perfekt nachgemacht und trotzdem so ernsthaft echt, dass einem davon ganz schwindlig werden kann.

Bian Yuan ist ein ganz gutes Beispiel für die Subkultur, die Messmer und Lindt in "Beijing Bubbles" stichprobenartig einzufangen versuchen. Sie ist gleichzeitig extrem epigonal und extrem unverbraucht. Sie ist keine Subkultur, die den Geheimdienst provoziert oder Mitbürger in Rage bringt, aber sie formuliert einen Lifestyle, der mit seiner Absage an den Goldrausch-Karrierismus im heutigen China auf ein stummes Schulterzucken stößt. Was schlimm ist für Leute, die es gern laut mögen. Zwar ist es mittelfristig absehbar, dass auch Chinas Märkte und Menschen die Freuden und das Lukrative der Differenzkultur entdecken, aber noch ist es tatsächlich so, dass es außerhalb einer hysterisierten Konsumkultur, die das Teure für das Gute hält, kein besonders großes Bedürfnis nach Anders-Sein und Anderes-Hören gibt.

Das lässt neben all der Aufbruchsstimmung, die "Beijing Bubbles" noch abstrahlt, bei einigen mittlerweile auch Frustration aufkommen. Hang On The Box zum Beispiel haben sich aufgelöst. Für Joyside hat sich aber eine kleine Zukunftsperspektive als Musiker aufgetan: Messmer und Lindt lassen es nicht beim Film bewenden; sie haben ein Label gegründet, auf dem sie ihre asiatischen Entdeckungen für den europäischen Markt herausbringen wollen. Den Anfang machen jetzt zeitgleich der Soundtrack zum Film und das neue Album von Joyside. Noch in dieser Woche starten sie eine mehrwöchige Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz - und kommen damit ihrem Traum, um die Welt zu touren, einen Schritt näher. Kurz vor der Abreise aus Peking quälten die vier Jungs um Bian Yuan auch nur noch drei Sorgen: Wie teuer ist das Bier in Deutschland? Gibt es da wirklich noch Nazis? Und: Stimmt es etwa, dass die Deutschen außer Rammstein nur Techno hören?

"Beijing Bubbles". Regie: Susanne Messmer, George Lindt. D 2005, 80 Min. Joyside: "Booze At Neptunes Dawn" (Fly Fast Records); "Beijing Bubbles - A Soundtrack And A Trip To Beijings Underground" (Fly Fast Records). http://www.beijing-bubbles.com

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