Roman: Wem es den Kiel zerreißt

Schweiß, Schnaps und Ölschmiere: In "Gran Sol" beschwört Ignacio Aldecoa 1957 den Sehnsuchtsort Meer und schildert Männer auf großer Fahrt.

Ignacio Aldecoa (1925-1969) Bild: Nicholás Muller

Besonders für kleinere Verlage ist die Neuübersetzung vergessener Romane des 20. Jahrhunderts ein lohnendes Unterfangen. Mit "Gran Sol" hat der marebuchverlag ein Werk ausgegraben, das nicht besser ins Programm passen könnte: In jedem Atemzug dieses 1957 geschriebenen Romans geht es um das Meer. Raumgreifend, mit sinnlicher Intensität umschreibt Ignacio Aldecoa (1925-1969) die wechselnden Zustände der Naturgewalt, das Verlockende und latent Bedrohliche ihrer Anziehungskraft.

Warum sein Hauptwerk erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung, auf Deutsch erscheint, bleibt rätselhaft. Zwei der vier Romane, die der früh verstorbene Autor nebst Erzählungen und Essays verfasste, wurden in den Sechzigerjahren übersetzt; alle erzählen über Menschen, "die von der Arbeit ihrer Hände leben", wie Aldecoa seine Protagonisten programmatisch umschrieb: kleine Leute, Lastwagenfahrer, Zigeuner, Boxer oder eben Seemänner.

Der Plot ist schnell erzählt. Dreizehn baskische Fischer brechen auf, um den großen Fang zu machen. Auf der Fahrt nach "Gran Sol", einer berüchtigten Fischbank westlich von Irland, von den Engländern "Great Sole" genannt, geraten sie in einen Orkan, und als die Mannschaft vorzeitig die Heimreise antreten muss, ist sie nicht mehr vollzählig. In einem Ton, der unüberhörbar an Ernest Hemingway erinnert, erzählt Aldecoa über die abenteuerliche Maloche der Hochseefischer: "In der grünschwarzen Morgendämmerung trieb die Aril wie ein Schatten auf dem Meer. Die anhaltende Wucht der Brecher, die ungebrochene Sturmgewalt und der nicht nachlassende Wolkenbruch versperrten dem Schiff jeden Kurs. Der Fischkutter ritt im aufgewühlten Meer das Wetter ab, siebzig Meilen hoher See trennten ihn von den sicheren Häfen der Küste."

Eine Spur von Männerpathos schwingt mit in dieser Sprache, ein heroischer Hauch von Schweiß, Schnaps und Ölschmiere liegt über den minutiösen Schilderungen, in denen dem Leser nie gehörte Wörter in geballter Ladung entgegenfliegen. Abwettern, Achterpiek, Topmastlicht, Steert - die Ausdrücke der Seemannssprache eignete sich Aldecoa, der auch als Journalist und Reporter arbeitete und selbst aus bürgerlichem Milieu stammte, in der Praxis an.

Mit dem sozialen Anliegen, das hinter der realistischen Erzählweise steht, war es ihm so ernst, dass er mit den Fischern hinaus aufs Meer zog, um ihre Arbeitsweise zu studieren. Das schlägt sich in den dialogischen Passagen nieder: "Wenn du abschmierst, wenn es dir den Kiel zerreißt, wenn das Schiff gegen die Klippen geworfen wird", philosophiert der Steuermann, "was hilft es dir da, in Sichtweite des Kirchturms zu fischen? Ist doch egal, ob die Krebse von hier oder da oben im Norden dir die Augäpfel ausgraben ..."

Aldecoa stürzt den Leser mitten ins dauernde Geplänkel zwischen den raunzigen Seebären. Die lungern in den engen Kojen herum, maulen über den Kapitän, vertreiben sich die Zeit mit Westernheftchen, lassen die Gedanken zum Horizont schweifen und wieder zurück. Träumen davon, wie das Leben wäre, wenn man keine Kinder hätte, eine Hafenkneipe führen und die Mädels springen lassen könnte. Und wenn sich auch die Tagträume erschöpft haben, beginnt das Lästern und Provozieren. So ein Fischkutter funktioniert wie ein Labor, darin lässt sich das Versuchstier Mensch genau beobachten mit seinen Fiesitäten, dem Rangeln um Hierarchien, dem Nach-unten-Drücken und Nach-oben-Bücken, wenns drauf ankommt.

Reflektiert der Autor hier ganz allgemein über die Funktionsweise von Gesellschaft, oder verbirgt er Systemkritik? Aldecoa gehörte zur "enttäuschten Generation", wie der spanische Autor Rafael Chirbes im Vorwort schreibt, zu den Literaten, die nach dem Bürgerkrieg die Franco-Diktatur erlebten. Wie Ernest Hemingway mit seiner fünf Jahre früher erschienenen Erzählung "Der alte Mann und das Meer", für die er den Nobelpreis bekam, zeigt der Spanier den Menschen in einer archaischen Situation, ausgesetzt in einer übermächtigen Natur, im brutalen Kampf gegen Beute und Sturm.

Das Bestehen auf einem unbeständigen Meer als zeitlose Parabel - damit stellt sich Aldecoa in die lange Tradition der Seefahrtsliteratur. Der rhythmische Wellengang seiner Sprache, stimmig übersetzt von Willi Zurbrüggen, schaukelt den Leser zu seinen Ursehnsüchten zurück, in eine archetypische, von modernen Komplexitäten befreite Welt mit klaren Spielregeln. "Gran Sol" lässt sich als Abenteuerroman lesen, als lakonisch-humorvolle Sozialstudie über die kleinen Fische, die den großen ins Netz gehen, oder, und das ist vielleicht die schönste Seite dieses Romans: als elegische Beschwörung des Meeres.

Ignacio Aldecoa: "Gran Sol". Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Marebuchverlag 2007. 22,90 Euro

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de