Debatte: Familienbild mit Terroristen

Die RAF-Debatten sind von einem Wiederholungszwang geprägt. Um ihn zu begreifen, muss man die Geschichte der RAF als Generationenroman lesen.

Die RAF-Debatte der letzten Monate ist ein Rätsel. Warum erregte sich die halbe Republik plötzlich über die Frage, ob ein RAF-Täter, der seit 24 Jahren im Gefängnis sitzt, noch 20 Monate weiter in Haft bleiben sollte oder nicht? Die RAF hat sich vor fast zehn Jahren aufgelöst - doch 2007 scheint sie präsent wie lange nicht mehr. Wie erklärt sich das?

Zum einen durch die Tatsache, dass die Chefredakteure dieser Republik allesamt zwischen 45 und 60 Jahre alt sind. Die RAF ist Teil ihrer Jugend - so wie der WM-Titel 1974, Willy Brandts Sturz, der erste Kuss und die Beatles. Das hallt bis heute nach. Würden in den Chefetagen von Spiegel & Focus heute 30-Jährige sitzen: Es gäbe diesen vergangenheitsverliebten RAF-Diskurs kaum. Zudem verkaufen sich (auch in der taz) RAF-Titel erstaunlich gut. RAF sells. Leute, die für eine (totalitäre) Idee zu sterben und zu töten bereit waren, besitzen eben mehr Thrill als Gesundheitsreform oder Unternehmensteuer. Die RAF-Konjunkturen sind stets auch eine Kompensation für den Mangel an Unbedingtheit und an existenziellem Pathos, der in Konsensdemokratien wie der Bundesrepublik vorherrscht.

Vor allem aber ist die RAF-Debatte eine exklusiv westdeutsche Diskussion - kaum ein Migrant oder Ostdeutscher fühlt sich berufen, etwas beizusteuern. Sie ist ein westdeutscher Familienstreit, in dem offene Rechnungen beglichen werden. Warum er nicht endet, versteht man nur, wenn man die RAF als Teil des westdeutschen Generationsromans sieht.

Dies hat jüngst der Fall der Exterroristin Susanne Albrecht gezeigt. Albrecht war 1977 an der Ermordung von Jürgen Ponto beteiligt, einem Freund ihrer Eltern. Sie war der door opener bei "Onkel Jürgen", der von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt getötet wurde. Albrecht ging 1980 in die DDR, 1990 wurde sie verhaftet, verurteilt und saß, weil sie als Kronzeugin auftrat, nur sechs Jahre im Knast. Seit 14 Jahren arbeitet sie als Lehrerin in Bremen und bringt Migrantenkindern Deutsch bei. Ein Skandal, befanden CDU und Bild-Zeitung. Eine Exterroristin, die "unsere Kinder" unterrichtet, durfte es für Wolfgang Bosbach, Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag, und die Bremer CDU nicht geben. Dass Albrecht seit 14 Jahren ohne Beanstandung Kinder unterrichtet, zählte nichts mehr, das alte Feindbild alles. Die RAF ist in diesem Blick das Böse - und das Böse hält ewig.

Die Botschaft war klar: Keine Gnade mit RAFlern, nie. Exterroristen sollen nicht in Talkshows sitzen (obwohl deren graumelierte Auftritte meist den aufklärerischen Effekt haben, jeden Hauch von Robin-Hood-Image zu zerstören). Anonym leben dürfen sie aber auch nicht. Die Albrecht-Episode hat Ablagerungen bundesdeutscher Gefühlsgeschichte emporgewirbelt. Sie zeigt - ebenso wie Umfragen, in denen mehr als 90 Prozent keine Gnade für RAF-Häftlinge wollen -, dass der Treibstoff der Debatte ein fast ansatzlos mobilisierbarer Hass auf die RAF ist. Hätte die CDU - oder sonst jemand - eine solche unsägliche Kampagne inszeniert, wenn Albrecht früher Neonazi gewesen wäre? Wohl kaum. Doch der Affekt gegen die RAF ist betonfest und offenbar auch durch die Selbstauflösung der RAF vor neun Jahren nicht im Geringsten zu erschüttern.

Die RAFler, schrieb in den 70er-Jahren eine britische Autorin, waren "Hitlers Kinder". In Wirklichkeit waren die RAF-Täter vor allem Kinder des westdeutschen Bürgertums - von hohen Beamten Christian Klar, erfolgreichen Anwälten Susanne Albrecht, Pastoren Gudrun Ensslin, Professoren Rolf Pohle. Nach dem Mord am Bankier Jürgen Ponto verstiegen sich BKA-Chef Herold und der liberale Innenminister Maihofer zu der These, dass "in Deutschland jeder Kapitalist einen Terroristen in seinem Bekannten oder Verwandtenkreis" habe. Das war eine groteske Überschätzung der RAF, die nicht aus zehntausenden, sondern eher aus zehn Aktivisten bestand. Und doch war dies eine sprechende Fantasie: der Alptraum der Bonner Republik. Die Sprösslinge der westdeutschen Elite, so das Angstbild, hätten sich zu Tausenden in Terroristen verwandelt, die die Demokratie abschaffen, die Republik beseitigen und ihre Väter und Onkel töten wollten. Die RAF war in den Augen der westdeutschen Elite, faktisch und symbolisch, der Frontalangriff auf alles, was sie geschaffen hatte. Auf den Wiederaufbau nach 1945, die erste stabile Demokratie in Deutschland, die sie, wenn nicht gegründet hatten, so doch verwalteten, und den friedlichen Ausgleich der Interessen. Und, natürlich, auf das Familiengeheimnis der Republik: nämlich dass die gesellschaftliche Elite der Republik weitenteils auch die Elite des NS-Staates gewesen war.

Die RAF war ein eisernes, nach außen abgeriegelten und auch nach innen terroristisch agierendes Kollektiv. Der westdeutschen Elite erschien sie viel größer und mächtiger, als sie in Wirklichkeit war. Vor allem aber kamen die RAF-Terroristen nicht vom Mars, sondern aus den eigenen Kinderzimmern. Diese Kränkung und die fassungslos Wut darüber wirken bis heute nach. Deshalb mussten vor allem die Konservativen die RAF exterritorialisieren: Sie mussten so tun, als wäre die RAF das absolut Böse, das möglichst für immer hinter Schloss und Riegel gehört. Daran hat sich, trotz der mutigen Begnadigungen, die Richard von Weizsäcker und Bernhard Vogel in den 80ern gewährten, im Kern nicht viel geändert. Deshalb kann Wolfgang Bosbach es auch 2007 völlig unverständlich finden, dass Susanne Albrecht Lehrerin sein darf - womit er indirekt an die 70er-Angstfantasie anknüpft, dass ohne Berufsverbote Ulrike Meinhof als Lehrerin und Andreas Baader als Polizist Anstellung gefunden hätten.

Zum Glück ist die Bremer CDU mit ihrer Strategie in Bremen auf ganzer Linie gescheitert. Der Elternbeirat hat ihren Racheversuch entschieden zurückgewiesen, ein Dutzend Pastoren haben den unchristlichen Agitprop scharf verurteilt - und die Wahl hat die CDU auch noch verloren.

Doch um das RAF-Gespenst endgültig zu erlösen und den Wiederholungszwang der RAF-Debatten zu brechen, wären zwei Dinge nötig: Die Konservativen müssten anerkennen, das der Kampf vorbei ist, dass die RAF sich aufgelöst hat und Geschichte ist. Sie müsste aufhören, immer noch mal siegen zu wollen, und erkennen, dass die RAF nicht aus der Hölle, sondern aus der Mitte der Bundesrepublik kam.

Für die Täter hingegen, die bis auf ein paar Unbelehrbare heute begriffen haben, dass die RAF ein Fehler war, wäre zu wünschen, dass sie die RAF endgültig auflösen würden. Das bedeutet: Sagen, wer geschossen hat, und sich zur individuellen Schuld zu bekennen, um so das Korsett des "Gruppen-Wir", des virtuellen RAF-Kollektivs, durch ein Ich zu ersetzen. Dies wäre die richtige Konsequenz aus der Erkenntnis, dass die RAF vom ersten Moment an nichts als Zerstörung bewirkt hat. Man kann vermuten, dass den RAF-Tätern dieses Eingeständnis leichter fiele, wenn der Hasspegel der Debatte sinkt. Wenn beides ausbleibt, werden wir weiterhin Zuschauer in einer Zeitschleife bleiben.

STEFAN REINECKE

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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