Maxim Gorki Theater: Mit heißer Nadel gestrickt

Das Maxim Gorki Theater in Berlin war hyperaktiv in der ersten Spielzeit mit dem Intendanten Arnim Petras. "Schließlich hört das Lernen nie auf", sagt Petras.

Armin Petras bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Intendant, 2005 Bild: ap

Kurz vor Ende der Spielzeit am Maxim Gorki Theater Berlin: Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" steht auf dem Programm. Der Geschäftsführende Direktor Klaus Dörr tritt auf die Bühne und erklärt, Kottwitz-Darsteller Andreas Haase sei kurzfristig erkrankt. Seinen Part werde der Intendant und Regisseur der Inszenierung, Armin Petras, übernehmen, man möge ihm nachsehen, dass er das Textbuch bei sich trägt. In den folgenden zwei Stunden lassen sich Regisseur und Ensemble von Katrin Bracks grandios sadistischem Bühnen-Dauerregen bis auf die Knochen durchweichen. Petras ist bleich und hellwach; sein Oberst Kottwitz ein preußischer Punk in Uniform, der über den nassen Kunststoffboden surft, ausrutscht, auf den Rücken knallt und sich trotzdem gleich wieder in die nächste Rauferei stürzt.

Sich selbst hat Armin Petras nie geschont, weder auf seinem fleißigen Weg als Regisseur von Hamburg über Leipzig bis München, als Oberspielleiter in Nordhausen, Schauspieldirektor in Kassel oder Leiter der "Schmidtstraße" am Schauspiel Frankfurt, noch als Autor Fritz Kater, der in seinen Stücken rau und sentimental den Osten seiner Kindheit und Jugend beschwört. Die Kottwitz-Aktion ist typisch: Auch jetzt, am Ende der ersten Spielzeit seiner ersten Intendanz am Gorki Theater, springt der 43-Jährige ein, wenn es brennt. Nicht nur von sich, auch von seinen 150 Mitarbeitern hat er viel verlangt. Nach 555 Veranstaltungen und 44 Premieren in nur einer Spielzeit kriecht das ganze Team auf dem Zahnfleisch.

Das ist der Preis dafür, dass sich das kleinste der fünf hauptstädtischen Ensembletheater in den vergangenen zehn Monaten zum Haus mit der höchsten Betriebstemperatur entwickelt hat. Besucher und Kritiker, die nicht schon während der zehn Premieren am Eröffnungswochenende den Überblick verloren hatten, fanden sich spätestens im Winter zwischen all den Uraufführungen, Utopiewerkstätten und Wiederaufnahmen älterer Petras-Inszenierungen nicht mehr zurecht. Sympathisch wuselig und jung wirkt das in der historischen Mitte gelegene Theater trotzdem, die Ausstrahlung nie arrogant wie sonst oft an Berliner Bühnen, vielleicht auch deshalb, weil sich die Nähe von Publikum, Technik und Künstlern im großen Garten und in der engen Kantine besonders leicht ergibt.

Auch Lorbeeren hat das neue Gorki Theater geerntet. Jan Bosses "Die Leiden des jungen Werthers" wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, das Stasi-Drama "Mala Zementbaum" von Thomas Lawinky und Armin Petras zum Mülheimer Stücke-Festival und zu den Autorentheatertagen in Hamburg. Dorthin reiste auch Christian Lollikes Studioproduktion "Das Wunderwerk", und Armin Petras Bearbeitung von Fatih Akins "Gegen die Wand" wurde beim Heidelberger Stückemarkt aufgeführt. Trotz all dem wird man den Eindruck nicht los, dass auch ziemlich viel Mittelmaß über die beiden Gorki-Bühnen gegangen ist, vom hyperaktiven Spielplan teils verursacht, teils kaschiert.

Gespräche mit Armin Petras verlaufen effizient. Auf der Kantinenterrasse resümiert er in freundlichen, aber straffen 30 Minuten die vergangene Spielzeit und erklärt, warum sein Überforderungskurs nötig und richtig war: Man habe sich schnell ein Repertoire verschaffen müssen, nachdem von Vorgänger Volker Hesse nur eine Inszenierung übernommen worden war, Andres Veiels "Der Kick". Jetzt kann das Theater zwölf Stücke aus der ersten Saison in der nächsten weiterspielen. Außerdem musste er mit anderen Theatern koproduzieren, also in Hamburg, Köln und Frankfurt proben, was für ihn und einige Schauspieler anstrengendes Pendeln bedeutet und doch unerlässlich ist, weil das Gorki immer noch 180.000 Euro weniger erhält als zuvor und bei einem Budget von insgesamt 9 Millionen Euro äußerst sparsam wirtschaften muss. Umso mehr wurmt es den Intendanten, dass trotz der vielen Veranstaltungen nur 5.000 Karten mehr verkauft wurden als in der letzten, allerdings einen Monat längeren Spielzeit. Hat das Überangebot doch zurückgeschlagen?

Tatsächlich wird das Haus in der kommenden Spielzeit seine Produktion auf 15 Premieren drosseln. Vielleicht kommt ja das maßvollere Pensum auch dem ungeduldigen Petras zugute. Zwar resultiert das Rohe, Fragmentarische, Grobgezimmerte seiner Inszenierungen nicht nur aus hohem Zeitdruck, sondern hat auch mit dem ernsthaft sozialen Anliegen und antibürgerlichen Impuls zu tun, aus dem heraus Petras Theater macht. Trotzdem besteht manche Arbeit einfach nur aus einer knalligen These, der, stünden nicht zumeist erstklassige Schauspieler auf der Bühne, schnell die Luft ausginge. Der "Prinz von Homburg" zum Beispiel, der dank Nieselregen und effektvoller Lichtregie ungewohnt ästhetisiert wirkt, behauptet schlicht, dass vom Großen Kurfürst zum kleinen Neonazi eine direkte Linie führt. Darum tragen alle Figuren historische Kostüme, nur der arme Homburg (Robert Kuchenbuch) gleicht mit Kahlrasur und Bomberjacke einem Skinhead aus der brandenburgischen Provinz. Dass es sich dagegen durchaus lohnt, Kleists Preußen in seiner Ambivalenz auszuloten, konnte man in dieser Spielzeit bei Johan Simons in München sehen: Er steckte den Prinzen in eine verspiegelte Traumzelle, wo der Militarismus mit der Utopie eines aufgeklärten Rechtsstaat kollidieren.

Auf der Terrasse räumt Petras ein, dass die konzeptionelle Bandbreite etwas zu groß gedacht war: Der Osten sollte vorkommen, die Freie Szene, die experimentierfreudige Jugend natürlich und sogar der Boulevard. Doch auch Milan Peschels Inszenierung des Stasi-Dramas "Mala Zementbaum", das einen differenzierten Gegenentwurf zu Vergangenheitsaufarbeitung à la "Das Leben der Anderen" versprach, war mit heißer Nadel genäht und blieb ziemlich schwammig in der Behauptung, dass die "mind control"-Programme des Westens der Stasi um nichts nachgestanden haben. Vielversprechende Freie-Szene-Künstler wie der Musiktheaterregisseur David Marton, der eine "Café Vaterland"-Revue beisteuerte, oder die Regienachwuchshoffnung Tilmann Köhler ("Separatisten") erreichten (noch) nicht ihre Bestform, und die Boulevard-Ecke hat den Sexappeal des Gorki mehr gefährdet als befördert, genau wie die Uraufführung von Maxim Billers "Menschen in falschen Zusammenhängen", zu der Hausregisseur Peter Kastenmüller schon im vergangenen Herbst wenig einfiel.

Dafür gab es den "Werther"-Coup von Jan Bosse, der in der kommenden Spielzeit Kastenmüller ablöst. Mit den Schauspielern Hans Löw, Fritzi Haberlandt und Roland Kukulies, die sich mitten aus dem Zuschauerraum erheben, verwandelte der bekennende Klassikerfreund Goethes Briefroman in eine Dreiecksgeschichte zwischen Schnöseln von heute, von denen einer sich in einen maßlos narzisstischen Empfindsamkeitsüberschwang hineinschraubt. Ganz ohne platte Aktualisierungszeichen, mittels genauer Lektüre und einer zeitgenössischen Haltung: Hans Löws Werther spricht Goethe wie eine Fremdsprache, tastet, prüft und schmeckt lustvoll den Text, lauscht ihm nach, wirft sich jubelnd in sein Pathos.

Auf der Terrasse gesteht Petras uneitel, dass er sich den Abend gleich vier Mal angesehen hat: "Schließlich hört das Lernen nie auf."

Und dann wagte das Gorki Theater sich auch noch, ermutigt von seiner Chefdramaturgin Andrea Koschwitz, an ein echtes Monstrum, die fünfeinhalbstündige deutsche Erstaufführung von Paul Claudels (1868-1955) Trilogie "Die Gottlosen". Der katholische Dichter und Diplomat zeichnet darin ein gewaltiges Porträt Frankreichs im 19. Jahrhundert, voller Misstrauen gegen Aufklärung, Revolution und Kapitalismus. Auf Michael Simons schwarzer, altarflügelförmiger Bühne schafft es der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann, in strengen Bildern die schwärmerischen und reaktionären Töne zu neutralisieren, ohne ihnen deshalb das Pathos (und im zweiten Teil den Witz) zu nehmen. Erst im letzten Teil wird es quälend. Dass man sich im Publikum auf Claudels ausufernde Herzens- und Weltanschauungsdebatten einlässt, liegt aber auch an so starken Schauspielern wie Anja Schneider, die frommen Adelsfräuleins wie polnischen Freiheitskämpferinnen ordentlich Gefühlsdampf macht. Und natürlich an Peter Kurth, der sich am Gorki definitiv zum charismatischsten Wampenträger des deutschen Theaters entwickelt hat.

Zu Beginn der Spielzeit hatte Petras verkündet, "Stadttheater für Berlin" machen zu wollen. In einer Stadt voller Theater mit ausdifferenzierten Profilen klang das zunächst nach kokettem Tiefgestapel. Zwischendurch konnte einen in dieser Spielzeit schon mal das Gefühl beschlichen, dass es sich dabei um eine ernstzunehmende Drohung handelt, um den Wunsch, etwas für jeden Geschmack im Programm zu haben. Mit einem ausgeruhteren Petras, dem Klassikerversteher Bosse, Mut zu erratischen Blöcken und einer ökonomisch entspannteren Situation dürfte sich jedoch verhindern lassen, dass diese Drohung auch wahr wird.

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