Wirtschaftsmagazine: Pariser Presse im Sturm

Die wichtigsten französischen Wirtschaftsblätter "Les Echos" und "La Tribune" sollen verkauft werden. Seitdem wird gestreikt und demonstriert.

Zeitungshändler in Paris Bild: dpa

PARIS taz Gewöhnlich bemühen sich Wirtschaftszeitungen um Gelassenheit, die BörsianerInnen für ihre Geschäfte wünschen. Doch bei Les Echos und bei La Tribune in Frankreich stehen gegenwärtig die Zeichen auf Sturm. Die beiden wichtigsten französischen Wirtschaftsblätter sollen verkauft werden. Beide Belegschaften fürchten um ihre journalistische Unabhängigkeit. Und in beiden Betrieben bestimmen Streiks, Demonstrationen und Vollversammlungen den Alltag.

Die großen Manöver begannen bei Les Echos. Als die britische Pearson-Gruppe ankündigte, sie wolle das Blatt nach 19 Jahren verkaufen, meldete der Eigentümer des weltgrößten Luxusunternehmens LVMH sein Interesse an: Bernard Arnault, dessen Konzern im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als 15 Millarden Euro machte, erklärt: "diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen." Arnault bietet 250 Millionen Euro für Les Echos und versichert, daß er in den Ausbau des Blattes investieren werde. Sein bisheriges Wirtschaftsblatt, La Tribune, das seit 14 Jahren der LVMH- Gruppe gehört, will Arnault aus Kartellrechtlichen Gründen verkaufen.

Les Echos geht es ausgezeichnet. Es ist die größte Wirtschaftszeitung Frankeichs. Ein Traditionsblatt, dass im letzten Jahr einen Gewinn in Höhe von zehn Millionen Euro erwirtschaftete, während die meisten französischen Printmedien derzeit rote Zahlen schreiben.

Die als Herausfordererin für Les Echos gegründete La Tribune hingegen hat im letzten Jahrzehnt nur zwei Mal schwarze Zahlen geschrieben: in den Rekordjahren 1999 und 2000. Während in der großen Les Echos die wirtschaftlichen und auch die personnellen Verhältnisse stabil waren, geht es bei La Tribune seit Jahren drunter und drüber. In nur 14 Jahren wurden dort fünf Chefredakteure und fünf Geschäftsführer verschlissen.

Seit dem Bekanntwerden der Manöver drängen die Beschäftigten der großen Zeitung Les Echos auf "Garantien" für ihre Arbeitsplätze und für ihre journalistische Unabhängigkeit. Sie wollen sicher sein, dass mit Arnault nicht auch dessen unberechenbares Management und seine Einflußnahmeversuche auf die Redaktion in ihr Medium überschwappen. Unter anderem wollen die JournalistInnen von Les Echos ein Veto-Recht bei der Bestimmung ihres Chefredakteurs haben.

Gleichzeitig protestierten gestern Vormittag die Beschäftigten von La Tribune gegen ihren geplanten Verkauf. Ihnen droht eine Übernahme durch Vincent Bolloré. Und auch sie wollen vorab Garantien für ihre Arbeitsplätze und ihre journalistische Unabhängigkeit haben. Und drohen nun ebenfalls mit Streik.

Sowohl Arnault, als auch Bolloré sind Kumpel des gegenwärtigen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. LVMH-Chef Arnault war Sarkozys Trauzeuge. Bolloré ist jener Mann, der den frisch gewählten Präsidenten in seinem Privatjet zu seiner Privatjacht nach Malta fliegen ließ. Bolloré gehört unter anderem das TV-Studio, in dem das Duell zwischen Sarkozy und der sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal stattfand, sowie die Gratis-Tageszeitung Direct Soir. Arnault und Bolloré sind nicht die einzigen Sarkozy-nahen Großunternehmer, die Einfluß auf die französische Medienlandschaft haben. Drei Viertel der französischen Printmedien gehören den Rüstungskonzernen Dassault und Lagardère. Deren größter Kunde: Frankreich.

Als lachende Dritte könnte die britische Zeitung Financial Times von diesen Turbulenzen profitieren. Sie gehört der Pearson-Gruppe, die sich jetzt aus Frankreich zurückzieht. Im Augenblick strahlt die FT jenes britische Phlegma aus, das BörsianerInnen schätzen, während es bei Les Echos und La Tribune brodelt. Zudem kann sie in der innenpolitischen französischen Gemengelage keiner Kumpanei verdächtigt werden.

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