Mail aus Manila: Grandioses Rehabilitationsballett

Auf YouTube tanzen 1.500 Insassen eines Gefängnisses in Manila das Video von Michael Jacksons "Thriller" nach.

Squaredance als Zeitvertreib im phillipinischen Gefängnis. Bild: screenshot YouTube

Sharon Cuneta. Vilma Santos. Nora Aunor - einen dieser Namen schon mal gehört? Das sind einige Superstars der Philippinen, die so hingebungsvolle Fans haben, dass diese sich sogar nach ihren Idolen benennen. Seit den Siebzigerjahren hassen sich zum Beispiel die "Noranians" (Nora-Aunor-Fans) und die "Vilmanians" (Vilma-Santos-Fans) mit Hingabe. Außerhalb der 7.000 Inseln der Philippinen sind diese lokalen Superstars freilich vollkommen unbekannt.

Ganz anders dagegen die Insassen des Gefängnisses von Cebu. Ein Video, das die über 1.500 Gefangenen in einer ausgefeilten Choreografie zu Michael Jacksons "Thriller" tanzend zeigt, haben bei YouTube inzwischen mehr als 2 Millionen Menschen gesehen. Von so viel internationaler Aufmerksamkeit können die philippinischen Film- und Fernsehstars nur träumen. Andere Gassenhauer, zu denen die Knackis tanzen, sind "Radio Gaga" von Queen und "I Will Follow Him" aus dem Film "Sister Act". Mit seiner roboterhaften Präzision wirkt das Knastballett wie eine Kombination aus Fritz Langs "Metropolis" und den Jugendfestspielen in Pjöngjang. Man findet es, wenn man bei YouTube nach "Prison Thriller" sucht.

Der Einfall zu der Knast-Revue kam dem Sicherheitsberater Byron Garcia, der die Videos auch auf YouTube veröffentlicht hat. Er hatte beobachtet, wie wenige der Gefängnisinsassen sich an der Morgengymnastik beteiligten. So besann er sich auf die allseits bekannte Liebe der Filipinos zu Sang und Tanz, um die Gefangenen zu etwas mehr sportlicher Betätigung zu motivieren. Um die Gefangenen, die zum Teil wegen Drogenhandel oder Mord einsitzen, nicht durch zu unmännliche Musik zu verschrecken, begann er mit Marschübungen zu Stücken wie "In The Navy" und "YMCA" von den Village People.

"Ich dachte, dass es einfacher wäre, mit ihnen durch Musik zu kommunizieren", sagte Garcia einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP. "Als die Märsche saßen, haben wir uns schwierigeren Choreografien zugewandt." Bis die Thriller-Version klappte, musste fast einen Monat geübt werden. "Das ist noch nicht die endgültige Version", schreibt Garcia auf der Website von YouTube, "und es ist keine Bestrafung."

Auch zu lokalen Hits schwingen die Gefangenen nun die Hüften. Wer genau hinsieht, entdeckt bei einigen der Aufführungen auch Frauen unter den Tänzern - oder sind das männliche Gefangene, die sich Perücken aufgesetzt haben? Der Effekt von über tausend Tänzern in orange Uniformen, die bei "Thriller" - wie Michael Jackson im Video - wie Zombies herumtaumeln, ist jedenfalls außerordentlich beeindruckend. Bei seiner Version von "Radio Gaga" hat Garcia sogar Ausschnitte aus dem Video von Queen eingeblendet, um zu betonen, wie nahe er und die Gefangenen am Original sind.

Für Garcia ist das Rehabilitation auf philippinisch, die durchaus erzieherischen Wert hat. "Sehen Sie die Koordination, die Synchronisation? Wenn man das Video ansieht, sieht man Disziplin", sagt er. "Die Gefangenen haben mir gesagt: Durch das Tanzen habe wir Rachegedanken, Fluchtpläne und den Wunsch, einer Gang beizutreten, vergessen." Die Gefangenen seien stolz, dass ihre Videos so populär seien. "Sie fragen immer, wie viele Leute sie schon auf YouTube gesehen haben." Als Nächstes will er mit seiner Knast-Companie eine Nummer zu Vanilla Ice "Ice Ice Baby" einstudieren.

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