die wahrheit: Bangkok Blues

Mary hatte den Anruf erwartet. Allerdings nicht um vier Uhr nachts. Ihr Bruder Mick war am Telefon - aus Thailand...

Mary hatte den Anruf erwartet. Allerdings nicht um vier Uhr nachts. Ihr Bruder Mick war am Telefon - aus Thailand. "Mein Leben ist völlig aus den Fugen geraten", jammerte er. Mary, die auf einer Insel vor der irischen Westküste lebt, verkniff sich knapp ein "Siehste, ich hatte dich ja gewarnt".

Mick, Mitte 50, war in den Urlaub nach Bangkok gefahren. Nach zwei Wochen teilte er seiner überraschten Schwester mit, dass er sich verlobt habe. Seine Braut sei Ende 20 und geradezu verrückt nach ihm. Er werde nun in Thailand bleiben, seinen Job habe er bereits gekündigt, das Haus in Dublin werde verkauft. Mit dem Erlös wolle er sich und seiner Zukünftigen eine schöne, große Villa am Stadtrand von Bangkok kaufen. Mary warnte. Zwei Monate später meldete Mick Vollzug. Das Geld für das Dubliner Haus sei eingetroffen, man habe das Bangkoker Anwesen gekauft - der Einfachheit halber im Namen der Freundin, weil sonst eine Menge Papierkram notwendig gewesen wäre. Mary warnte dringlich.

Fortan meldete sie sich einmal in der Woche bei ihm. Mick hatte stets Neuigkeiten: Zuerst war der bisher unerwähnte achtjährige Sohn der Freundin zu ihnen ins neue Haus gezogen, eine Woche später kamen die Eltern und schließlich noch zwei Schwestern mit jeweils einem Kind. Das sei nun seine neue Familie, erklärte Mick. Mary gab es auf, zu warnen.

Dann kam der nächtliche Anruf. Seine Verlobte habe ihm erklärt, dass ihr Ehemann, von dem sie zwar getrennt, aber noch nicht geschieden sei, Anspruch auf das Haus erhebe, wenn man ihn nicht mit 20.000 Euro abfinde. Mick holte das Geld von der Bank, doch als er es in ihren Schreibtisch legen wollte, entdeckte er eine Scheidungsurkunde: Seine Braut war frisch von einem Schotten geschieden. Als er seine Freundin zur Rede stellte und sich weigerte, ihr die 20.000 Euro auszuhändigen, kramte sie eine Pistole aus dem Wäscheschrank und versicherte Mick, dass sie ihn erschießen werde, falls er das Geld nicht herausrückte. Mick gelang es, durch das Fenster zu springen, bevor sie ihre Drohung wahrmachen konnte.

Da es bereits dunkel war und er - außer den Leuten, die in seinem Haus wohnten - niemanden in Bangkok kannte, ging er zur thailändischen Version der Anonymen Alkoholiker. Zehn Männer zwischen 50 und 60 begrüßten ihn, darunter Österreicher, Deutsche, Engländer und ein Ire. Mick erzählte seine Geschichte und fragte die anderen dann, ob sie so etwas Abenteuerliches schon mal gehört hätten. Die Männer nickten: Sie hatten auf dieselbe Art ihr Hab und Gut verloren, und weil sie in der Heimat alle Brücken abgebrochen hatten, verfielen sie schnurstracks dem Alkohol. Der Ire gestand kleinlaut, dass er gleich dreimal hintereinander von Thailänderinnen hereingelegt worden sei.

"Irgendetwas passiert mit Männern, wenn sie 50 werden", sinnierte Mary. "Sie verlieren jeglichen Bezug zur Realität. Es legt sich bei ihnen offenbar ein juveniler Filter über die senile Netzhaut, wenn sie in den Spiegel schauen."

Neulich rief Mick erneut aus Thailand an und war guter Dinge: Er sei wieder verlobt. Doch diesmal sei alles anders.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

kari

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de