Pop in Peking: Hungrig nach dem Westen

Beim Beijing Pop Festival pilgerten 30.000 zu Alt-Stars wie den New York Dolls und Marky Ramone. Es herrscht Punk-Nachholbedarf im Reich der Mitte.

Bei Marky Ramone flippten die Fans richtig aus. Bild: bejing pop festival

PEKING taz Schon drei Tage vor dem Beginn des Beijing Pop Festivals ging ein ehrfürchtiges Raunen durch die Szene. Die New York Dolls seien bereits gelandet, hieß es in Pekings Underground. Wenig später stolperte ein völlig aufgelöster Sänger einer stadtbekannten Band in die beliebteste Bar Pekings - und hatte tatsächlich den Mittfünfziger Syl Sylvain im Schlepptau, den Mann, der seit 1972 bei den New York Dolls die Gitarre spielt. "Es ist wie im Traum", sagte Bian Yuan von der Gruppe Joyside. "Die größte Punkband aller Zeiten trinkt in Peking mit uns Bier." Für Bian Yuan grenzt es wie für viele hier an ein Wunder, dass es die New York Dolls nach Peking verschlagen hat. Dass die Band es bei einem Konzert in Berlin vor kurzem auf kaum mehr als hundert Besucher gebracht hat, das mag man an diesem Abend im D22 kaum laut aussprechen.

Denn tatsächlich hat das diesjährige Programm des Beijing Pop Festivals weniger mit einem Wunder zu tun als damit, zu nehmen, was man kriegen kann. Alternde Stars, nach denen im Westen nur noch vereinzelt Hähne krähen, kosten weniger - also sind alternde Stars besser als gar keine. Nach wie vor haben hungrige chinesische Fans im eigenen Land selten die Chance, Bands aus dem Westen live zu sehen: In Peking gibt es höchstens einmal im Monat ein Konzert einer bekannten Band aus Europa oder Amerika, und neben dem Beijing Pop Festival, das in diesem Jahr mit erneut 30.000 Besuchern zum dritten Mal stattfand, kann sich nur das Midi-Festival als größeres Pop-Event seit mehreren Jahren halten.

Manche Konzerte sind in China so teuer, dass sich nur westliche Botschaftsmitarbeiter und reiche chinesische Geschäftsleute die Eintrittskarten leisten können. Sogar das zweitägige Beijing Pop Festival am vergangenen Wochenende war mit 20 Euro pro Tageskarte teuer genug, dass trotz der viel beschworenen wachsenden Mittelschicht des Landes viele junge Leute über den Zaun kletterten. Gerüchtehalber erzählte man sich, dass die Headliner trotz Sponsoren wie Master Card und Hennessy mit kaum mehr als 15.000 Euro Gage zu rechnen hätten - das ist natürlich wenig für eine Reise um die Welt. Für höchst eigenwillige lokale chinesische Bands wie Joyside, Hedgehog und PK14, die auf der Nebenbühne häufig mit hundert Euro abgespeist wurden, stellen Gagen wie diese dennoch eine Kränkung dar.

Weniger war es also Berechnung als Zufall, dass an diesem heißen Wochenende in Peking neben den New York Dolls Acts wie Marky Ramone von den Ramones mit seiner Freakshow, die Nine Inch Nails und Public Enemy auftraten. Zwar sprachen die Veranstalter im Vorfeld viel von den Zugeständnissen, die es zu machen galt: Beim Kulturministerium mussten detaillierte Biografien aller Bands eingereicht werden, wobei Public Enemy, weniger verfänglich nur "P.E." genannt, ein "großes gesellschaftliches Verantwortungsgefühl" und ein Status als Sprachrohr der schwarzen Unterschicht Amerikas bescheinigt wurde.

Auf der anderen Seite dürfte keinem chinesischen Beamten jemals der Name "Public Enemy" untergekommen sein - und schon die Anzahl der Fans wird er als ungefährlich eingestuft haben. Fans von hartem Hiphop und Rock sind in China nach wie vor eine Minderheit, die außerhalb einer Handvoll Bars und Clubs selten sichtbar werden und kaum eine Bedrohung darstellen. Daran änderte auch der erste Open-Air-Auftritt von Cui Jian, dem Paten des chinesischen Rock, auf dem Festival wenig. Sein 12-jähriges Auftrittsverbot, das vor wenigen Jahren endete, hatte weniger mit seinen kaum expliziten Songs über die Schattenseiten der boomenden Wirtschaft zu tun als mit seinen Fans. Diese hatten 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens für mehr Freiheit demonstriert. Deren Träume und Forderungen sind unter Chinas Jugend von heute, auch wenn sie wie Bian Yuan für eine Revolution der Lebensstile eintritt und nicht wie der breite Mainstream natreensüßen Mandapop hört, komplett in Vergessenheit geraten.

Tatsächlich gehörte das Konzert von Cui Jian wie das von Public Enemy zu den lahmsten des letzten Wochenendes. Cui Jian und Chuck D. turnten beide höchst leidenschaftslos auf der Bühne herum. Nur wenige sangen vor der Bühne mit oder hoben die Hände. "Hiphop ist den meisten Chinesen zu unflätig", erzählte eine Freundin, die derweil weiter hinten auf der Wiese ihr Picknick auspackte und eher wegen des Schnulzensängers Brett Anderson gekommen war, der vor vielen Jahren mit seiner Band Suede zwei oder drei nette Songs geschrieben hat. "Chinesen sind die schlimmsten Rassisten der Welt. Das liegt auch daran, dass China eine sehr homogene Gesellschaft ist. Die meisten Chinesen in der Provinz haben bis heute keinen Schwarzen in echt gesehen." Dementsprechend munter wurde das Publikum erst, als Chuck D. auf sehr eigene Art und Weise "Blitzkrieg Pop" zum Besten gab und dazu Marky Ramone auf die Bühne bat.

Warum dann anderntags ausgerechnet dessen Konzert das lustigste des Festivals wurde, wird wohl mit den sonderbaren Wegen zu tun haben, die die Entwicklung des chinesischen Musikgeschmacks genommen hat. Ob es am Einfluss des Internets liegt oder daran, dass die Ankunft von mehr als fünfzig Jahren westlicher Rockgeschichte in weniger als einem Jahrzehnt einen ulkigen Eklektizismus möglich macht: Plötzlich schien die Masse derer, die scheinbar hauptsächlich deshalb gekommen war, um endlich einmal das ausgewaschene Einstürzende-Neubauten- oder Kurt-Cobain-T-Shirt auszuführen, wie mit Eiswasser übergossen. Enthusiastische Fans kletterten auf die vorderen Absperrungen und warfen sich beherzt in die Menge. Sogar die zahlreich platzierten Sicherheitskräfte wurden attackiert und ihrer schicken, grauen Mützen beraubt, die dann im hohen Bogen Richtung Bühne flogen. Man muss es leider zugeben: Selbst die New York Dolls reichten nicht an Marky Ramone heran. Auch wenn in der allerersten Reihe die eine oder andere Träne der Rührung vergossen wurde.

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