Ramadan-TV: Tagsüber Fasten, abends Fernsehen

Während des Fastenmonats sitzt die arabische Welt vor dem Fernseher. Extra produzierte Soaps über Vergewaltigung, Terror und Monarchie zetteln Kontroversen an.

Wer keinen Fernseher hat, kann nicht mitreden. Bild: dpa

Es ist eine Vergewaltigungsszene, die im diesjährigen Ramadan in der arabischen Welt für Gesprächsstoff sorgt. In der Ramadan-Fernsehserie "Qadaiyat Ray Aam - eine öffentliche Angelegenheit - es geht alle an", wird die Universitätsprofessorin Abla Abdel Rahman, die mit zwei Frauen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause ist, entführt und vergewaltigt. Gespielt von der ägyptischen Filmdiva Yousra, ist sie die Einzige unter den Frauen, die das Verbrechen anzeigt. Die weiteren Folgen beschäftigen sich damit, wie die Vergewaltigungsopfer auf eine Mauer aus Scham stoßen. Von ihren Familien bis hin zu den Behörden, die den Fall aufklären sollen, werden sie wie Aussätzige behandelt.

Im Ramadan wird nicht nur gefastet, er ist auch der Monat, in dem die gesamte arabische Welt vor dem Fernseher sitzt. Tagsüber macht es das Fasten leichter, nachts wird vor der Mattscheibe verdaut. Jedes Jahr wetteifern aufwändige, eigens für den Ramadan produzierte und täglich ausgestrahlte "Musalsalaat" (arabische Telenovelas) um die Gunst der Zuschauer. Arabische Filmemacher und Fernsehstationen wissen, dass sie diesen Kampf nur für sich entscheiden können, wenn sie gesellschaftlich und politisch kontroverse Themen aufgreifen. Über fünfzig Serien loten in diesem Ramadan die gesellschaftlichen und politischen Grenzen aus. Ob Vergewaltigung, Terror und Islam, politische Satiren oder politisch so sensible Themen wie die Vererbung der Herrschermacht vom Vater zum Sohn - die Serien machen vor keinem gesellschaftlichen und politischen Tabu Halt.

Das löst Kontroversen aus, die nicht nur vor und nach jeder Folge in den Medien ausgetragen werden, sondern zum Teil noch Monate nach Ende des Ramadan und der Ausstrahlung der letzten Folge diskutiert werden. Und auch im Falle der realistisch nachgestellten Vergewaltigungsszene, bei der sich die Schauspielerin Yousra laut Medienberichten tatsächlich verletzt haben soll, blieb die Reaktion nicht aus. In der Presse wird darüber debattiert, ob eine gewalttätige Sexszene dem spirituellen Geist des Ramadan entspricht. "Die Vergewaltigungsszene ruiniert den Ruf Ägyptens und vertreibt Touristen", lautet der Einwand von Ahlam Hanafi, Mitglied des halbstaatlichen ägyptischen "Rates für Kinder und Frauenrechte". Es sei natürlich, dass die Zuschauer von dem Thema aufgewühlt seien, entgegnet der ägyptische Filmkritiker Tarek al-Schinnawy. "Aber auch das amerikanische Kino greift schließlich immer wieder Themen wie Korruption, Drogenmissbrauch und Vergewaltigung auf, ohne dem Tourismus oder dem Image der USA zu schaden", argumentiert er.

"Bisher begegnet die arabische Gesellschaft dem Verbrechen der Vergewaltigung mit der Vogelstrauß-Technik - Kopf in den Sand", schreibt die Wochenzeitung Al-Ahram Weekly dazu. "Unsere Gesellschaft verwandelt Vergewaltigungsopfer in Prostituierte", erklärt auch Yousra, die Hauptdarstellerin in zahlreichen Interviews: "Es ist immer die Schuld der Frau, entweder wegen der Art, wie sie angezogen ist, oder weil sie zu spät unterwegs war." Die ägyptische Psychologin Abeer al-Barbary ist voll des Lobes für den Eisbrecher-Effekt der Serie: "Yousra wird als Idol für viele arabische Frauen mit dieser Serie die gesellschaftliche Mauer des Schweigens zum Thema Gewalt gegen Frauen einreißen", hofft sie.

Vielleicht noch klassischer für den arabischen Umgang mit Vergewaltigungsopfern ist die zweite Hauptdarstellerin, die junge Assistenzärztin Hanan, die aus dem ländlichen Oberägypten stammt. Ihre Familie zwingt sie dazu, den ganzen Fall zu verschweigen - aus Angst, ihre Ehre zu verlieren. Ihr Bruder fasst das mit einem "es wäre besser gewesen, sie hätten dich umgebracht" zusammen. Und auch der Vater resigniert vor dem gesellschaftlichen Ehrbegriff und zitiert ein ägyptisches Sprichwort: "Wenn das Huhn zum Schlachten festgehalten wird, kann es nichts mehr machen".

Manchmal bringen die Ramadan-Telenovelas gesellschaftliche Verschlusssachen in die öffentliche Diskussion. In anderen Fällen passen sie auffällig gut, um das Volk auf potenzielle Pläne der arabischen Regime vorzubereiten. Die wohl beliebteste Ramadan-Serie Ägyptens, "König Faruk", erzählt die Lebensgeschichte des letzten Königs am Nil, der 1952 von den freien Offizieren unter der Führung des ersten ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser gestürzt wurde. Bisher war Faruk in der offiziellen republikanischen ägyptischen Geschichtsschreibung immer als fett, dumm und dekadent porträtiert worden. Die Serie zeichnet erstmals ein menschliches und sympathisches Bild von Ägyptens Monarchie. Kein Zufall, glaubt der ägyptische Internetblogger Wael Abbas. "Manchmal werden die Serien produziert, um die öffentliche Meinung zu einem Thema auszuloten", sagt er. "Das heutige Ägypten erlebt gerade eine Phase, in der die Vererbung der Macht ein durchaus wahrscheinliches Szenario ist, ganz wie zu Zeiten der Monarchie." Tatsächlich wird nun seit Monaten in Kairo heftig darüber debattiert, ob der 79-jährige ägyptische Präsident Hosni Mubarak versuchen wird, sein Amt an seinen Sohn Gamal zu vererben. Damit wäre Ägypten nach Syrien, in dem Baschar al-Assad seinem Vater Hafez al-Assad gefolgt ist, die zweite arabische Republik, die eine präsidiale Familienthronfolge einführt. Nach der Assad- könnte die Mubarak-Dynastie vor der Tür stehen. Da könnte eine royal wohlwollende Serie zur Primetime schon mal den Boden bereiten.

Doch es gibt auch Fälle, in denen die arabischen Autoritäten allzu kontroverse Serien ausbremsen. So geschehen dieses Jahr mit der 30 Folgen umfassenden kuwaitischen Produktion "Sünden haben ihren Preis". Dort sollte eigentlich so manche heuchlerische Doppelmoral der Gesellschaften am Arabischen Golf, besonders in Kuwait, aufgegriffen werden. Eines der Themen war die in der schiitischen Religion institutionalisierte kontroverse Heiratsform der "Mutaa". Eine Art "Ehe auf Zeit", erlaubt sie dem Paar, für nur einige Stunden bis hin zu einigen Jahren, aber auf jeden Fall begrenzt den Bund zu schließen. Eine ganze Litanei von Beschwerden kuwaitischer Geistlicher und Parlamentsabgeordneter führte dazu, dass der in Dubai ansässige Satellitensender MBC die Serie nur drei Tage vor Beginn aus dem Programm nahm. "Sie porträtieren unsere Mädchen als Prostituierte", lautete etwa der Vorwurf von Abdul Wahid Khalfan von der "Schiitischen Allianz für Gerechtigkeit und Frieden". Andere warfen ein, dass die Serie zu Zeiten der gegenwärtigen sunnitisch-schiitischen Spannungen noch mehr Öl ins Feuer gieße. "In der Serie geht es um Menschen, die die Religion falsch interpretieren. Es geht nicht um die Institution der Mutaa-Ehe als solches, sondern darum, wie sie ausgenutzt wird", hieß es in einer Erklärung des Senders. Dann verschwand "Sünden haben ihren Preis" in der Versenkung.

Im Irak wollen die Fernsehzuschauer alles andere als Reality-Shows. Offensichtlich haben sie genug von den mörderischen sunnitisch-schiitischen Spannungen, die sie jeden Tag auf der Straße erleben. In Bagdad sind Ramadan-Komödien hoch im Kurs, oder besser gesagt politische Satire. "Anba al-Watan - Nachrichten aus der Heimat" lautet der Titel von Iraks beliebtester Serie. Die Hauptperson ist der Präsident eines nicht namentlich genannten arabischen Landes, das dem Irak so ähnelt wie der Held dem irakischen Präsidenten Dschalal Talabani. Der Staatschef, bewacht von kokettierenden weiblichen Bodyguards, erlässt ein blödsinniges Dekret nach dem anderen, etwa die Order, dass die Iraker nun Visa benötigen, um ihre Angehörigen ein paar Häuser weiter zu besuchen. Das ist der Realität näher, als es zunächst aussieht. Tatsächlich werden neuerdings schiitische und sunnitische Viertel in Bagdad aus Sicherheitsgründen mit hohen Betonwällen getrennt. Alle, ob Sunniten, Schiiten und Kurden, bekommen gleichermaßen ihr Fett ab. Übrigens wurde der ausstrahlende Sender al-Scharkija bereits letzten Januar im Irak verboten, nicht zuletzt wegen seines respektlosen Umgangs mit irakischen Autoritäten. Er sendet seitdem per Satellit aus Dubai. Das staatliche irakische Fernsehen hingegen meidet Unterhaltung und besinnt sich auf die eigentlichen Grundsätze des Ramadan. Im Programm: ein tägliches Interview mit einem Arzt über gesundheitliche Vorzüge des Fastens.

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