Iphigenie-Premiere: Immer diese blöden Kriege

Soll der Fluch denn niemals enden? Nicolas Stemann entrümpelt "Iphigenie" nach Euripides und Goethe am Thalia Theater Hamburg und macht es weder dem Stück noch seiner Generation leicht.

Lisa Hagemeister und Alexander Simon beim Theaterkuss Bild: dpa

Bevor Iphigenie ihr Leben geschenkt wird, steht sie im Scheinwerferlicht und kommt über ein stotterndes "Ich, ich" nicht hinaus. Im wichtigsten Moment versagen ihr die Nerven. Was soll sie auch sagen angesichts des Schicksals, das ihr auferlegt ist? Zunächst soll sie geopfert werden, damit ein Heer in den Krieg ziehen kann. Dann wird sie gerettet durch göttliche Gnade und als Priesterin in einen Tempel verschickt, wo sie eine Fremde bleibt. Schicksal oder göttliche Macht kennt diese Iphigenie aber gar nicht. Zwischen irritierendem Desinteresse und Unwissen, wovon überhaupt die Rede ist, stolpert sie am Ende durch die Tür in die Freiheit hinaus. So sieht er in Nicolas Stemanns Inszenierung aus, der erlösende Schritt in die Menschlichkeit, die Überwindung blutgetränkter Gesetze: zufällig den richtigen Ausgang gefunden.

Durch dieselbe Tür kommt ganz am Anfang der Diener im grauen Kittel auf die Bühne, als sei er der Theaterhausmeister, der dem Hausherrn Agamemnon wie in einem Kantinengespräch vertraulich das Ohr leiht. Menelaos nahm Helena zur Frau? "Hätte er das mal lieber nicht gemacht", jammert Agamemnon. Er soll das Heer in den Krieg gegen Troja führen, um Helenas Raub zu vergelten. "Ja, könnte das nicht jemand anderes machen?" Schicksal, da muss er jetzt durch - und wir mit ihm.

In dieser Stimmung führt Stemann am Thalia Theater durch die "Iphigenie", im ersten Teil durch die des Euripides, im zweiten Teil durch Goethes Fortsetzung. Zwei Klassiker auf einmal - schon das wirkt wie ein kleine Parodie auf die Tendenz der Theater, sich landauf, landab in der Bedeutung der Klassiker zu sonnen. Aber worin eigentlich genau? Stemann kappt all das, was das Theater meint, auf der Bühne zeitgemäß verhandeln zu können, und was die Zeit in hiesigen Gefilden doch kaum kennt: göttliches Geheiß, Zahn-um-Zahn-Mechanismen, Opferbereitschaft. Entrümpelt ist auch die Bühne: eine karge schwarze Spielfläche. Mal sitzen Agamemnon (Alexander Simon) und Melenaos (Felix Knopp) an Tischen, zwei alerte Geschäftsleute, die Iphigenies Leben wie einen Aktientausch verhandeln. Mal taucht Iphigenie (Lisa Hagmeister) als nerviges Girlie mit Quietschstimme auf der Bühne auf: "Hallo, ich bins, Iphigenie." Sie hat so wenig zu sagen wie Strass tragende Mädchen von heute und willigt in den Tod ein, als sie erkennt, dass es "Ruhm gibt bis in ferne Zeiten". Eine Hülse auch die Klytaimnestra der Natali Seelig: dauerlächelnd mit Sonnenbrille, im perlenbestickten Abendkleid. Als sollten hier Perlen vor die Säue geworfen werden.

In Berlin gibt es am Deutschen Theater, in der Orestie von Michael Thalheimer, eine Klytaimnestra, die blutverschmiert vor einer Holzwand kauert und einen kalten Fatalismus ausstrahlt. Bei Stemann ist die Tochter dran. Seine Iphigenie steht einmal vor einer Wand, dem eisernen Vorhang. Doch wo die Elterngeneration noch Hass herausschleuderte, hält sich der Nachwuchs mit schlackernden Armen die Ohren zu und ruft: "Soll dieser Fluch denn niemals enden?"

Das Morden endet bekanntlich nicht. Der Lernfähigkeit des Menschen bereitet Stemann kurzen Prozess. "Nun, was ich damals verkehrt gemacht, das mach ich jetzt wieder gut." Mit diesem Satz beginnt und endet seine "Iphigenie". Dazwischen geht die Inszenierung einen Weg, der es sich nicht leicht macht und über drei Stunden ziemlich zäh gerät. Die Spurensuche im Klassiker führt ihn über die Selbstbefragung der eigenen Generation (Ohren zuhalten), zu den Mächtigen (Agamemnon als Sklave seiner Funktion) - und zum Theater selbst (allerlei Regiezitate), das seine Mythen pflegt und zur Weltlage wie unter Wiederholungszwang immer das passende Stück liefern will.

In diesen Gedanken verbeißt sich der Abend im zweiten Teil. Das Theater, das mit seinen eigenen Mitteln ausgetrieben werden soll, wirkt wie gefangen in seiner Selbstbezüglichkeit. Stemann zitiert sich selbst, leiht sich einen glubschäugigen Chor, wie man ihn mal woanders sah. Und die aufblitzende Zwanghaftigkeit, den Text wider alle Handlungslogik zu Ende zu bringen, wirkt nicht entlarvend, sondern ermüdend. Die bunkerartige Bühne erinnert jetzt an ein Tonstudio mit den vielen Mikrofonen. In eines spricht mit feiner Stimme Katharina Matz als gealterte Iphigenie, Priesterin bei den Taurern. Ihre Goethe-Verse klingen noch erlesener, wenn allen voran der Orest des Andreas Döhler seinen "Ich bin fertig mit allem"-Ton aufsetzt. Was wahrscheinlich als Rebellion gemeint ist, verendet als Wasser auf die Mühlen des Publikums, das hinterher klagt, die jungen Schauspieler könnten den Text nicht mehr sprechen und sollten sich ruhig mal ein Beispiel nehmen. So darf das "Von den Alten lernen" auch nicht gemeint sein. Die Inszenierung indes geht an ihrer eigenen Pointe ein: Man lernt nichts aus den alten Stücken. Oder nur das Falsche.

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