Birma: Niedergeschlagen, nicht besiegt

In Birma leben über eine halbe Million Mönche in 50.000 Klöstern. Die taz hat einen Klostervorsteher in Myawadty im Osten des Landes besucht.

Wenn nötig, wollen die Möche in den Hungerstreik treten. Bild: dpa

Mit freier, nackter Schulter über der dunkelroten Robe betritt der Klostervorsteher die Meditationshalle. Ein Wink, schon erklingt dumpf und tief der alte eiserne Gong. Es ist acht Uhr, Zeit für die zweite Morgenmeditation der Mönche im Kloster von Myawadty, der Kleinstadt im Osten Birmas.

Der Klostervorsteher überschaut die Halle, erblickt den Reporter auf einem Meditationskissen in der letzten Reihe hinter vierzig Mönchen. Sofort tritt er auf ihn zu. Kein Grußwort. "Wer sind Sie?", herrscht er - und erhält Antwort. Er trägt eine altmodische, goldgerahmte Brille, im Gesicht schaut er aus wie 60, doch sein Körper, seine braune, kraftvolle Schulter wirkt zwanzig Jahre jünger. Sein Blick ruht für einen langen Augenblick auf dem Reporter. Er muss sich jetzt entscheiden - für oder gegen die Militärjunta.

Ausländische Reporter sind Feinde des Regimes. Sie werden in der birmesischen Presse als Lügner beschimpft, die Einreise nach Birma ist ihnen streng verboten. Kontakt mit solchen Leuten kann das ganze Kloster in Gefahr bringen. Doch der Vorsteher entscheidet sich gegen die Junta. "Gut", sagt er, "wir sehen uns nachher."

Er dreht sich um, schreitet an den Mönchen vorbei zur goldenen Kanzel vor dem goldenen Buddha mit dem elektrischen Heiligenschein. Er lässt sich im Lotussitz auf der mit rotem Teppich ausgelegten Kanzel nieder und beginnt mit dem Singen der Sutren, der Lehrreden des Buddha. Vierzig Mönche stimmen ein.

Nach einer Viertelstunde endet der Gesang. Einige Mönche erheben sich und schütteln die Gelenke, andere entblößen ihre muskulösen Oberkörper. Jeder bereitet sich auf die Meditation vor. Es wirkt, als mache sich eine Gruppe durchtrainierter Sportler bereit für den Wettkampf. Viele Mönche tragen Tattoos: Tiger, Drachen, Kobras. Das lässt sie kampfbereit aussehen - als wären sie eine schlagkräftige Männertruppe und kein Meditationszirkel.

Es müssen fitte Kerle wie die Mönche in Myawadty gewesen sein, die letzte Woche durch die Straßen von Rangun stürmten und Demokratie verlangten. Die zum Haus der seit Jahren von der Öffentlichkeit abgesperrten Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi vordrangen und damit symbolisch die Einheit zwischen buddhistischer Protestbewegung und demokratischer Opposition demonstrierten. Doch was machen die Mönche jetzt, nachdem die Junta ihre Bewegung blutig niederschlagen und viele von ihnen verhaften ließ? Nachdem Mönche ermordet wurden und die Klöster in Rangun geschlossen? Was tun die Mönche jetzt? Sie meditieren wieder, acht Stunden am Tag, so wie alle ihre Klosterbrüder, auch die in Myawadty.

Kerzengerade sitzen die Männer jetzt da. Ihre Köpfe sind erhoben, die Augen geschlossen. Die Zeit vergeht. Keine Bewegung, kein Geräusch stört die Klosterruhe.

Die Meditationshalle liegt am Stadtrand auf einer kleinen Anhöhe zwischen Reisfeldern. Ihre Seitenwände sind nach drei Seiten offen. Am westlichen Horizont sieht man den Dschungel, wo angeblich noch Tiger und Elefanten leben. Gen Norden schauen die Mönche auf das mit goldenen Pagoden und roten Tempeldächern übersäte Städtchen. Myawadty zählt 66.000 Einwohner, 72 Klöster und 1.500 Mönche. Daran ist nichts außergewöhnlich. In Birma leben mehr Mönche als Soldaten - auf 52 Millionen Birmesen kommen mehr als 500.000 Mönche. Sie leben in 50.000 Klöstern. Die Klöster fallen umso mehr auf, als es in dem bitterarmen Land - das Bruttosozialprodukt pro Kopf zählt mit 220 Dollar zu den niedrigsten der Welt - nur wenige repräsentative Bauten neben den vielen Bambushütten gibt. Überall dominieren deshalb die picobello gepflegten Mönchsbauten. Für deren Bau und Unterhalt zahlte bisher auch die Junta. Das sorgte lange Zeit für Frieden zwischen Mönchen und Militärs.

Doch dieser Frieden ist nun gestört. Sonst würde sich der Vorsteher nach der Meditation nicht auf einen Holzstuhl neben seine Kanzel hocken und um Fragen bitten.

Ob er heute schon für seine gefangen genommenen Glaubensbrüder in Rangun gebetet hat, will der Reporter wissen. Der Vorsteher überlegt lange, dann sagt er: "Haben Sie noch andere Fragen?"

Keiner der Mönche wagt es, direkt über Politik und die jüngsten Ereignisse zu sprechen. Das sei zu viel verlangt, raunt auch der Übersetzer. Der kleine dunkle Mann mit weißen Haaren spricht fließend Englisch. Er stammt aus einer Familie, die über Generationen hinweg für die britischen Kolonialherren tätig war. Nach der Unabhängigkeit 1948 wurde seine Familie deshalb immer wieder politisch diskriminiert. Er ist daher westlichen Gästen gegenüber umso aufgeschlossener und bietet seine Hilfe an. Er erklärt, warum die Mönche nicht über Politik sprechen: Myawadty sei eine Stadt voller Spitzel und Soldaten, sagt er, offene Gespräche ließen sich hier nur unter vier Augen führen, und zwar am besten mit Ausländern, die am nächsten Tag wieder verschwunden seien. Er verbeugt sich mit der Stirn bis auf den Boden vor dem Klostervorsteher, wie um die Aufdringlichkeit des Reporters zu entschuldigen.

Wie halten es die Mönche mit Mördern, will man trotzdem wissen. "Der Buddha sagt: Wenn du mich tötest, tötet dich ein anderer", entgegnet der Vorsteher. Diesmal antwortet er wie aus der Pistole geschossen. Es ist seine Reaktion auf das Morden in Rangun. Sie klingt furchtlos und entschlossen. Vor allem verheißt sie der Junta nichts Gutes.

Wie aber wehren sich die Mönche? Indem sie herumsitzen und meditieren? "Wir meditieren wie alle Birmesen", erklärt der Vorsteher. "Weil alle auf den Buddha hören, und alle - nach dem ersten, zweiten oder dritten Leben - das Nirvana erreichen." Das Nirvana, der Zustand völliger Auslöschung, ist das Ziel aller Buddhisten. Für die Anhänger des Theravada- Buddhismus in Birma, 87 Prozent der Bevölkerung, ist dieses Ziel besonders schwer zu erreichen: Jeder muss allein dorthin finden, kein weltlicher Gott - wie im tibetischen Buddhismus der Dalai Lama - hilft dem birmesischen Gläubigen.

Genau dies bildet den politischen, freiheitlichen Kern der buddhistischen Lehre in Birma. Jeder ist für seinen Weg ins Nirvana - und sein Glück auf Erden - selbst verantwortlich. Wie man beides am besten erreicht, zeigen aber nicht Politiker und Generäle, sondern Mönche. Sie erheben auch im Alltag den Anspruch, Vorbilder zu sein. Die Junta - nur deshalb ist sie seit über vierzig Jahren an der Macht - hütet sich davor.

"Alle Birmesen", wiederholt der Vorsteher. Wie selbstverständlich spricht er eine Politikersprache. Tatsächlich seien Buddhismus und Nationalismus vor und nach der Unabhängigkeit des Landes Hand in Hand gegangen. Die Mönche waren auch Vordenker der Demokratiebewegung. Nicht umsonst mischt Oppositionsführerin Suu Kyi ihre Reden immer wieder mit buddhistischen Themen auf. Ihr berühmtester Satz "Ich kann euch nur helfen, euch selbst zu befreien" steht ganz in der Tradition des Theravada- Buddhismus. War dann nicht auch die Junta auf ihre Art buddhahörig? Die völlige Isolation des Landes als Weg ins Nirvana?

Zumindest hatten sich die Mönche bislang nicht an der bitteren Armut des Landes gestört. Stolz erklärt der Vorsteher, wie einfach sie leben: Ab 12 Uhr bis zum nächsten Morgen nehmen sie kein Essen zu sich, und außer ihren Roben und Kissen besitzen sie nichts. Erst die bittere Armut, der Hunger, brachte die Mönche auf die Straße. Als sich die Reispreise in diesem Jahr noch einmal verdoppelt und die Bürger gar nichts mehr zum Spenden für die Klöster hatten, revoltierten die Mönche. Denn davon leben sie - von den Spenden, wie der Vorsteher betont. Regierungsgelder gebe es nur für Bauprojekte.

Doch vielleicht zahlt sich das tägliche Fasten nun aus. Hungerstreik lautet die neue Losung der Bewegung. Sie kommt aus dem General Technology Institute (GTI) in Rangun. Dort sind nach Informationen der taz aus zwei unabhängigen Quellen dreihundert Mönche eingesperrt, die den Protest angeführt hatten. Ihr Hungerstreik, heißt es, habe schon begonnen. Um ihn zu brechen, errichte die Regierung bereits kleine Hütten auf dem Gelände, um die Mönche voneinander zu isolieren. Zugleich hätten sich in vielen Klöstern, die von der Armee abgeriegelt seien, die Mönche geweigert, Lebensmittelspenden von der Regierung anzunehmen. Damit handelten sie in der buddhistischen Tradition, die Spenden nur von rechtgläubigen Buddhisten erlaubt. Mit diesem Boykott würden sie der Regierung den rechten Glauben absprechen.

Ob die Mönche tatsächlich geschlossen gegen die Junta auftreten, werden die nächsten Verlautbarungen des Sangha zeigen. Der Sangha ist der oberste Rat aller Mönche in Birma, er besteht aus 47 Mitgliedern und ist gespalten. Während der blutigen Auseinandersetzungen hat er die Regierung um eine Entschuldigung gegenüber der Protestbewegung gebeten und seither nichts mehr gesagt. Dieses Schweigen aber muss kein Zeichen der Unentschlossenheit sein. Genauso wenig wie das anfängliche Schweigen des Klostervorstehers in Myawadty.

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