Rassismus gegen Roma in Italien eskaliert

"Rumänen-Notstand" in Rom

Nach einem Überfall eines Rumänen auf eine Römerin werden in Italien Roma-Camps geräumt. Politiker rufen den "Rumänen-Notstand" aus - die Volksseele kocht.

In Rom und anderen italienischen Großstädten rücken derzeit Tag für Tag Polizeistaffeln aus, um Lager von Roma zu räumen. Bild: dpa

ROM taz "Mach zu, meine Geduld ist gleich zu Ende!" Unwirsch treibt der Polizist die Roma-Frau zur Eile. Sie versucht gerade, ihrem vielleicht dreijährigen Sohn ein Hemdchen über den Kopf zu ziehen; sein größerer Bruder schaut durch das Fenster der Baracke nach draußen, doch sein Blick ist leer, alle paar Sekunden schlägt er mit der Stirn gegen die Plastikscheibe. Nein, außer ihren drei Kindern darf die Frau nichts mitnehmen aus ihrer Sperrholzbaracke. "Deine Sachen kannst du später holen", treibt der Beamte sie an und weist ihr den Weg zu der Gruppe von 20 Erwachsenen und 40 Kindern, die schon am Straßenrand auf der Bordsteinkante hocken, umstellt von zahlreichen Polizisten.

Die eingeschüchterten, verängstigten Menschen wollen wissen, was mit ihnen passiert. "Nichts", lügt einer der Uniformierten, "bloß eine Kontrolle, und du da hinten, setz dich wieder hin und bleib an deinem Platz." Frei bewegen darf sich dagegen der extra einbestellte Kameramann des Staatssenders RAI, der die Kinder mit den verklebten Haaren abfilmt, die Elendsbaracken und verrosteten Wohnwagen, die da im Schlamm stehen, draußen vor Rom, schon fast am Flughafen Fiumicino. Der Einsatzleiter ist prächtiger Laune. Aus seinem Mund hört sich das mit der "bloßen Kontrolle" ganz anders an. "Die Fahrzeuge werden alle beschlagnahmt, die sind teils gestohlen, teils ohne Versicherung. Und dann wird das Lager abgerissen." Ein Lächeln umspielt seinen Mund. "Wir lassen die in Unterhosen stehen."

Vahid sagt, er ist 14 Jahre alt. "Ich bin in Italien geboren, wir alle hier haben eine Aufenthaltserlaubnis." Aus Bosnien stammt die Sippe der Osmanovics und Sulejmanovics. "Wir sammeln Alteisen, wir haben niemandem etwas zu Leide getan." Sein Cousin Zarko zeigt seine Aufenthaltserlaubnis, gültig auch für den fünfjährigen Sohn Adriano. Der braucht medizinische Behandlung und darf deshalb in Italien bleiben. Der Sippenälteste holt Kopien hervor, von einem Prozess, den die Familie gegen den italienischen Staat vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg gewonnen hat. Es ging um eine Ausweisungsverfügung aus dem Jahr 2001. "Wir sind doch gar keine Rumänen", sagt er.

Aber sie sind Roma, "Rom" auf italienisch, das klingt fast so wie "romeni", und den Bürgern wie den Politikern sind derzeit in Italien alle Unterscheidungen recht egal. Schließlich herrscht "Rumänen-Notstand" in der Stadt, im ganzen Land. Begonnen hatte es mit einem Mord am letzten Dienstag: Ein 24-jähriger rumänischer Rom hatte eine 47-jährige Römerin überfallen, vergewaltigt und dann immer wieder mit einem Stein auf sie eingeschlagen; nach zwei Tagen Koma starb das Opfer.

Der Täter wurde sofort gefasst, er hat einen Namen, er sitzt in Haft. Doch eigentlich ist er völlig zweitrangig. Roms Bürgermeister und frisch gekürter Vorsitzender der neu gegründeten Demokratischen Partei Walter Veltroni war es, der sofort den "Notstand" ausrief, der "die Rumänen" zum Problem erklärte. Veltroni griff zum Telefon, rief erst einmal den rumänischen Ministerpräsidenten an und stauchte ihn zusammen, "Europa kann nicht bedeuten, dass Rumänien einfach die Schleusen öffnet", tönte er. Der nächste Anruf ging an Italiens Innenminister Giuliano Amato. Umgehend trat am Mittwochabend Romano Prodis Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen und beschloss in aller Eile ein sofort wirksames Gesetzesdekret, das die umstandslose Ausweisung nicht bloß krimineller EU-Bürger erlaubt, sondern auch derer, die den Behörden als "Gefahr für die öffentliche Sicherheit" gelten - selbst wenn sie gar nichts verbrochen haben.

Sofort meldeten Präfekten im ganzen Land Vollzug, 4 Ausweisungen in Mailand, 3 in Rom, 17 in Florenz. Durch die Presse geistern Zahlen, wonach allein in Rom am Ende 20.000 Menschen vor allem aus Rumänien betroffen sein könnten. "Vor dem 1. Januar 2007, vor Rumäniens Eintritt in die EU, war Rom die sicherste Stadt der Welt", klagt Veltroni. Aber damit sei es jetzt vor, 75 Prozent aller Festgenommenen in der Stadt seien Rumänen. Selbst die linke Tageszeitung LUnità greift zu einem ebenso schiefen wie rassistischen Bild, um dem Bürgermeister recht zu geben. Italiens Großstädte seien "wie der Honig für einen unkontrollierten Fliegenschwarm, der aus Osteuropa kommt".

Nun rücken in Rom und anderen italienischen Großstädten Tag für Tag Polizeistaffeln aus, um Zigeunerlager zu räumen. Dutzende dieser Camps gibt es in den Peripherien, manchmal aber auch mitten im Stadtzentrum. Am Freitag etwa wurden in Rom am Tiber-Ufer, direkt gegenüber dem Aventin mit seinen Barockkirchen, eines geräumt. 28 Baracken wurden eingerissen, 20 Personen aus Ungarn, der Ukraine, Russland und Polen aufs Polizeipräsidium verfrachtet.

Am Rande der Szene steht tatenlos ein großer, breiter Mann in schwarzer Lederjacke. Als rumänischer Polizist stellt er sich vor, extra am Donnerstag mit einigen Kollegen aus Bukarest eingeflogen, "um den italienischen Kollegen zu helfen". Am nächsten Tag ist er dann wieder dabei, steht sich bei der Räumung des Bosnier-Lagers die Beine in den Bauch, aber zur Bebilderung des "Notstands" taugt die internationale Amtshilfe allemal.

Notstand. Dieses Wort wird Italiens Bürgern in jeder Nachrichtensendung mit Frontberichterstattung von den Räumungsaktionen eingehämmert. Oder auch damit, dass jetzt die Nachrichtenagenturen selbst einen Schokoladendiebstahl über den Ticker laufen lassen - wenn der Langfinger ein Rumäne war. Am Samstag ließen die Carabinieri gleich einen Hubschrauber über dem größten Zigeunerlager von Rom kreisen, während unten dutzende Beamte Baracken durchsuchten. Der Anlass: Die Fahnder "vermuteten", dass sich im Lager ein Handtaschendieb aufhalten könne. Schließlich hatte das Opfer gesagt, der Täter sei, na was wohl, "vielleicht ein Rumäne" gewesen.

Mehr als 600.000 Rumänen leben mittlerweile legal in Italien, sie stellen die größte Immigranten-Community. Kaum eine Baustelle gibt es mehr, auf der nicht Arbeiter aus Rumänien schaffen. In tausenden Haushalten arbeiten rumänische Frauen als Putzfrauen oder Altenpflegerinnen. Als größte Immigrantengruppe verüben Rumänen auch die meisten Straftaten: 2006 stellten sie etwa 15 Prozent der Ausländer - und verübten zum Beispiel auch 15 Prozent der von Ausländern begangenen Morde. Deutlich überrepräsentiert sind sie dagegen bei Autodiebstählen und Wohnungseinbrüchen - und oft sind die Täter tatsächlich Roma. Roma, die - ob aus Rumänien, Bosnien oder Montenegro - seit Jahren relativ problemlos nach Italien einreisen konnten, um dort ihrem Elend überlassen zu bleiben.

Jetzt aber ist es mit der "Laxheit" (so die Politiker aller Lager) vorbei. Die Baracken werden niedergewalzt, und die Roma genauso wie die Rumänen dürfen sich als Staatsfeinde fühlen.

Angst habe er, sagt Mihaj. "Ich bin Rumäne", presst er hervor, "soll ich etwa sagen, ich wäre Pole?" Als Tagelöhner auf dem Bau schlägt er sich durch, abends bleibt er jetzt lieber zu Hause. Der Grund: Am Freitagabend rückte ein Rollkommando von zehn vermummten, mit Knüppeln und Messern bewaffneten Jugendlichen aus und schlug auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Stadtrandviertel Tor Bella Monaca vier Rumänen zusammen. Einer wurde schwer verletzt. Bürgermeister Veltroni zeigte sich entsetzt; die "Kultur des Hasses" sei der Stadt Rom fremd. In Tor Bella Monaca sehen die Menschen das anders. Sie sagen in die Fernsehkameras, der Überfall sei doch "nur zu verständlich". Schließlich könne es mit "den Rumänen" so nicht weitergehen.

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