Kolumne Schlagloch: Noch zu viel Heuchelei

Afrika muss sich auf eigene Traditionen besinnen, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Es gibt Menschen, die betrachtet man genussvoll, denen hört man beseelt zu, deren Gesellschaft genießt man. Kaum hat man sich - voller Wertschätzung - von ihnen verabschiedet, spürt man ein Bedauern, dass es von solchen Menschen nicht mehr auf der Welt gibt. So ein Mensch ist Alamine Ousmane Mey, Generaldirektor der ersten einheimischen Privatbank in Kamerun und Vorsitzender einer Bildungsstiftung.

Er antwortet einem jeden fließend in der Sprache, in der er angesprochen wurde, auch auf Deutsch; er spricht überlegt und zugleich leidenschaftlich, ist nachsichtig gläubig und großzügig humorvoll. So ein Mann hat viel über Afrika zu sagen, und wenn er spricht, hört man ihm zu, so auch letztes Wochenende bei einem Treffen von Politikern, Unternehmern und Intellektuellen, zu dem Bundespräsident Köhler eingeladen hatte, um die Partnerschaft zwischen Afrika und Europa zu vertiefen - erst einmal in offenen Gesprächen.

Alamine Ousmane Mey, der zu der einen Diskussionsrunde in einem farbenreichen, wallenden Gewand, zu einer anderen in einem modischen Anzug kam, schien besonders befähigt, über Tradition und Moderne in Afrika zu reden - einem scheinbar abgedroschenen Thema, dem dieses Treffen aber doch einige neue Aspekte abzugewinnen vermochte.

Die afrikanischen Traditionen wurden lange Zeit als Hemmnisse für die Entwicklung nach westlichem Vorbild betrachtet. Doch diese überhebliche Haltung übersah, dass Traditionen immer wieder neu konstruiert werden, allerdings nur in einem offenen System, in dem eine gewisse kritische Masse an Vielfalt bewahrt worden ist. Eine kreative und dynamische Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit sei nötig, so Mey, um sich eine Position der Würde zu erkämpfen, um ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen. Um also "afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme zu finden", wie es einer der anderen Anwesenden formulierte, wobei sich die Frage stellt, ob solche Einengungen in einer globalisierten Welt überhaupt noch sinnvoll sind.

Afrika könnte schließlich von erfolgreichen Beispielen aus anderen Regionen lernen. Etwa aus Indien, wo eine starke kulturelle Kontinuität nicht nur immer wieder in konkurrenzfähige kulturelle Produkte und Techniken verwandelt wird, sondern auch Selbstgewissheit fördert. So wird Ayurveda von zunehmend mehr Ärzten parallel zur westlichen Medizin praktiziert. Leider sind gerade die afrikanischen Eliten im Großen und Ganzen von ihrem eigenen kulturellen Vermächtnis entfremdet. Wie der König der Ashanti, der Asanteheni, in einer kraftvollen Rede in Erinnerung rief, ist das Afrikanische lange Zeit ignoriert und verachtet worden. Eine Renaissance könne nicht auf eine stolze, aber auch selektive Rückbesinnung auf die Vergangenheit verzichten, worauf sich der König zum Beweis in eine bemerkenswerte Aufzählung seiner Aktivitäten stürzte, die von ziviler Rechtsprechung über Schulwesen und soziale Netzwerke bis hin zu Konfliktlösungen in benachbarten Provinzen reichte. Die ghanaische Journalistin an meinem Tisch bemerkte stolz lächelnd, der König sei respektierter als jede andere öffentliche Figur des Landes, ein vertrauenserweckender Gegenpol zu dem Auf und vor allem Ab der Politik.

Eine einst sehr einflussreiche Idee, die in letzter Zeit ziemlich aus dem Blickfeld geraten war, erfuhr eine Reanimierung: der panafrikanische Gedanke. Etwa durch den Schriftsteller Nuruddin Farah, einst aus Somalia vertrieben und seitdem ein innerafrikanischer Nomade, der ein leidenschaftliches Plädoyer für das notwendige Zusammenwachsen Afrikas hielt. Nur auf diesem Wege schaffe es der Kontinent selbst aus der Krise. Wenn es eine Überraschung gab, dann war es gerade die Beschwörung der eigenen Handlungsmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten seitens der afrikanischen Gäste.

Das Klischee von Afrika als passivem oder lethargischem Hilfsempfänger wurde zertrümmert. Es sei an Afrika, sich besser zu organisieren, auf dem eigenen Kontinent zu investieren und eigene Unternehmen zu gründen, aufzubauen und global mitzuspielen. Gerade die Lösungsansätze von Entrepreneurs, von einem Glauben an Privatinitiative und unbegrenzte Machbarkeit getrieben, standen oft in einem eklatanten Widerspruch zu der lähmenden und erniedrigenden Chancenlosigkeit, die viele Menschen auf dem Land und in den Slums empfinden. Zwar wurden erfolgreiche Ausnahmen bis zum letzten Tropfen Optimismus gemolken und dabei manch ein Wolkenkuckucksheim eingerichtet, aber das neue Selbstbewusstsein, das sich darin äußerte, war trotzdem erfrischend.

Die konkrete Umsetzung blieb - gerade bei dem Thema Tradition und Moderne - überwiegend unbedacht. Wo in Afrika werden die traditionellen Ältestenräte sinnvoll in den politischen Prozess eingebunden? Wo erfährt die orale Geschichte Wertschätzung? In welchen Schulsystemen wird althergebrachtes Wissen sinnvoll vermittelt? Wo wird gelehrt, dass die Kontrolle von "governance" einst Teil jener afrikanischen Basisdemokratie war, wie sie vielerorts von dem Kolonialismus existiert und funktioniert hat? Und wo in Afrika wird, wie die junge Verfassungsrichterin Unity Dow aus Botswana forderte, Tradition gemäß dem Willen des Volkes neu verhandelt?

Leider waren auch eine Reihe von Staatschefs eingeladen, denen man nicht so gern zuhörte, zumal sie so viel Redezeit einforderten, wie sie wenig zu sagen hatten: Der erste Bürger Benins etwa, Dr. Thomas Boni Yayi, bestand darauf, eine völlig unsinnige Frage über die "Spiritualität der Globalisierung" über die vorgesehene Zeit hinaus zu stellen, weil er "der Präsident" sei. Und der neue nigerianische Präsident, dem nachgesagt wird, er sei von seinem mächtigen Vorgänger Olesegun Obesanjo unterstützt worden, weil er als schwach und manipulierbar eingeschätzt wurde, nuschelte sich durch eine Abschlussrede, die keine Einziger der Anregungen aus den vielen Beiträgen zuvor aufnahm.

Manch einer Aussage von Politikern und Diplomaten war nicht anzumerken, dass sich die Welt in einem Ausnahmezustand befindet, bei dem wenige am reich gedeckten Tisch sitzen, während die große Mehrheit die Reste vom Fußboden leckt. Bei allen schönen Überlegungen und Ermutigungen, es bleibt nämlich die große ungelöste Frage: Wie soll der Graben überbrückt werden zwischen einer Globalisierungselite, die sich einer unbegrenzten Mobilität bedient, und der großen Mehrheit der Menschheit, die gefangen ist in engen Strukturen, die vieles von dem, was zu Recht angeregt wurde, gar nicht erlauben?

Bundespräsident Horst Köhler sprach von dem notwendigen Ende der Heuchelei Europas und der internationalen Institutionen - wirkliche Partnerschaft entstünde nur dort, wo nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Damit hat er völlig recht. Aber bis wir bereit sind, auf Privilegien zu verzichten, die Afrika schaden, ist es ein langer Weg.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de