Zeitungsaufkäufer Montgomery über Rendite: "Journalisten werden von Lesern bezahlt"

David Montgomery, Eigner der "Berliner Zeitung", vor seinem Treffen mit der Belegschaft über die Kritik an seinen Renditeplänen und sein Interesse an deutschen Zeitungen.

Versteht seinen Konzern als "creative content provider": David Montgomery. Bild: dpa

taz: Warum wollen Sie persönlich mit der Belegschaft der Berliner Zeitung sprechen?

Der 59-jährige Nordire gilt als Sanierer, manchen als Heuschrecke - jedenfalls als Schreckgespenst der deutschen Zeitungslandschaft. Er leitet den britischen Mecom-Konzern. 2005 übernahm er den Berliner Verlag mit der Berliner Zeitung und dem Berliner Kurier, wogegen sich die Belegschaft damals heftig wehrte. Er installierte Josef Depenbrock zugleich als Chefredakteur der Berliner Zeitung und Geschäftsführer der Mecom-Deutschland-Tochter, die mittlerweile auch die Hamburger Morgenpost und die Netzeitung hält. Die Redaktion der Berliner Zeitung kritisiert, diese Doppelrolle verstoße gegen die im Redaktionsstatut festgelegte Trennung von Verlag und Redaktion. Zu Mecom gehören unter anderem auch Zeitungen in Norwegen, Dänemark und Polen. Montgomerys Geschäftsmodell und seine Renditevorstellungen sind unter anderem auch in Norwegen sehr umstritten. TAZ

Montgomery: Ich habe das Gefühl, dass vieles von dem, was über unsere Pläne und Visionen zu lesen ist, aus dritter Hand kommt und nicht korrekt ist. Daher ziehe ich es vor, direkt zur Belegschaft zu sprechen und ihr die Möglichkeit zu geben, mir Fragen zu stellen. Ich erwarte harte Fragen, aber das ist ihr Recht.

Die Belegschaft der Berliner Zeitung beklagt die Doppelrolle, die Josef Depenbrock einnimmt - als Chefredakteur und Geschäftsführer. Das beeinträchtige ihre redaktionelle Integrität. Stimmen Sie zu?

Nein. Josef Depenbrock ist ein sehr erfahrener Journalist und sehr erfahrener Geschäftsführer. Der Zeitung geht es besser als je zuvor und hat gerade einige Preise gewonnen, darunter einen, der den exzellenten investigativen Journalismus würdigt.

Noch einmal: Bedroht es die redaktionelle Unabhängigkeit, dass Depenbrock für Redaktion und Verlag zugleich arbeitet?

Nein. Journalisten müssen erkennen, dass sie von den Lesern bezahlt werden, die ihre Zeitung kaufen, und von Werbekunden. Es heißt immer, Journalismus würde vom Kommerz verdorben - aber ich habe keine einzige Beschwerde über den Journalismus der Berliner Zeitung vernommen, seit wir übernommen haben. Wir haben die Redaktion nicht gebeten, Schleichwerbung für Produkte zu machen, das würde auch weder von ihr noch von uns toleriert.

Sind Sie interessiert an Zeitungen oder an Renditen?

Meine Karriere zeigt, dass ich mich für Zeitungen interessiere. Ich habe einige am Leben gehalten. Ich lege Wert darauf, dass Journalisten an Schlüsselposition sitzen, weil sie Zeitungen lieben und verstehen. Drei von fünf Mecom-Chefs in Europa waren früher Journalisten, und wer einmal Journalist war, bleibt Journalist. Aber wenn man die verlegerische Seite nicht ernst nimmt, funktioniert das Geschäft nicht. Und wenn das nicht funktioniert, kann man überhaupt keine Zeitung mehr herausbringen.

Sowohl in Deutschland als auch in den anderen europäischen Ländern, in denen Sie tätig sind, haben sie Kosten reduziert, um hohe Rendite zu erwirtschaften.

Unser Ansatz ist nicht Kostenverringerung, sondern wir denken darüber nach, wie wir unser Business modernisieren können.

Die Modernisierung hat eine Menge Jobs gekostet.

Die meisten Leute, die das Unternehmen verließen, waren im mittleren Management und in der Verwaltung. Es gibt aber auch andere Entwicklungen: Im Top-Management arbeiten heute zum Beispiel viel mehr Frauen als vorher.

Die Mitarbeiter in Norwegen empfinden die Modernisierung als Destabilisierung ihrer Zeitungen, zum Beispiel dadurch, dass Mecom Büros der Zeitungen verkaufte - und nun müssen sie diese Räume selbst zurückmieten.

Wir sind ein creative content provider. Wir sind nicht im Immobiliengeschäft.

Ein norwegischer Gewerkschaftsvertreter sagt, die Journalisten, die in Norwegen für Mecom arbeiten, fühlten sich betrogen - denn Sie hätten versprochen, niemanden zu entlassen und keine Unternehmen zu schließen oder zusammenzuschließen.

Gewerkschaftsvertreter sind Gewerkschaftsvertreter, sie sagen, was sie sagen wollen. Aber wir haben keine Versprechen gebrochen. Unser norwegisches Medienunternehmen wurde letztes Jahr modernisiert.

Warum, glauben Sie, sind Sie in Deutschland so unbeliebt?

Die Medien tendieren zur Einseitigkeit, wenn sie über die Angelegenheiten eines Konkurrenzunternehmens berichten.

Hat Matthias Onken, der Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, die zu Ihrem Konzern gehört, gekündigt, um gegen Ihre Pläne zu protestieren - Stichwort Zusammenführung von Redaktion und Marketingabteilung?

Soweit ich weiß, ging er nicht deshalb, aber das müssen Sie ihn selbst fragen.

Wollen Sie die Financial Times Deutschland kaufen?

Wir prüfen immer Vermögenswerte in unserem Bereich, aber ich werde keine Spekulationen kommentieren, weder was die FTD noch was die Süddeutsche Zeitung angeht. Was ich sagen kann, ist, dass wir uns nach Zeitungen mit hoher Abonnentenzahl umsehen und generell, aber nicht ausschließlich, nach regionalen Zeitungen, nicht nach überregionalen.

Wollen Sie in weiteren Ländern investieren?

Wir haben in begrenztem Rahmen Interesse daran, zu expandieren, aber jedes neue Business muss in unser Modell passen.

Besonders in Norwegen geht man davon aus, dass Sie nur kurzfristig investieren, um wieder zu verkaufen. Das wäre die Heuschreckentaktik.

Wir sind kein Finanzinvestor. Wir sind im creative content business. Und ich werde notfalls so lange wiederholen, dass wir unsere Zeitungen nicht verkaufen wollen, bis ich schwarz werde. Wir wollen sie entwickeln.

INTERVIEW: HELEN PIDD

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