Kennedy-Adaption im Theater Essen: Trinken macht frei

In Essen bringt ein junger Regisseur "Paradies" nach A. L. Kennedy auf die Bühne. Ein Stück über das Innenleben einer Trinkerin - etwas allzu verhalten gegenüber dem alkoholischen Exzess.

Alkoholismus: Zwischen Rausch und Absturz, Delirium und Entziehungskur. Bild: dpa

Ist es morgens oder abends? Im Hotel oder in der Klinik? Die Trinkerin Hannah Luckraft hat Reisetasche und Apfelsafttüte in der Hand und erwacht aus einem Filmriss. Nur in Bruchstücken kommen die Erinnerungen zurück - Sex mit einem widerwärtigen Fremden muss dabei gewesen sein.

In der "Box" des Theaters Essen hat dieser ungewisse Raum aseptisch weiße Wände und ist auch eine Metapher für Hannahs Kopf. Der Mann von gestern Nacht taucht darin auf als Erinnerung an eine lüsterne Witzfigur, bis er von Hannah resolut wieder zur Schranktür hinausgeschoben wird. Der Roman "Paradies" von der 43-jährigen schottischen Autorin A. L. Kennedy diente als Vorlage für das gleichnamige Stück im Theater Essen: Es folgt dem inneren Monolog einer Alkoholikerin, die zwischen Rausch und Absturz, Delirium und Entziehungskur schwankt, auf der Suche nach dem idealen Grad der Trunkenheit. Die psychologischen Ursprünge und Familienhintergründe werden nur angedeutet und sind weiter nicht auffällig: Hannah sieht gut aus, hat Liebhaber und mehr oder weniger einen Job. Speziell scheint nur ihre Liebesbeziehung zum Zahnarzt und Alkoholiker Robert.

Kennedys Meisterschaft besteht darin, Hannahs Trunksucht ohne Selbstmitleid zu erzählen - ironisch distanziert und rauschhaft nah, lyrisch, profan und zynisch zugleich. Aufsehen erregend ist das, weil man hilflos der Unberechenbarkeit von Hannahs Selbstzerstörung ausgeliefert ist und dabei tief in ihren alkoholischen Kopf gezogen wird, in dem man es kaum aushält vor gequältem, atemlosen Verständnis. Ein Roman, so disparat wie der Zustand seiner Hauptfigur und eine Herausforderung für ein Kammerspiel: immer stärker verschwimmen Zeitgefühl, Realität, Krankheit und Wahn, bis man zum Schluss nicht mehr weiß, ob Hannah im Delirium Tremens gestorben ist oder mit Robert, der sich doch schon von ihr getrennt zu haben schien, doch immer noch weitertrinkt.

In Essen spielt die 39-jährige Hannah eine ordentlich in ein hellblaues Herrenhemd gekleidete Judith van der Werff mit himmelblau aufgerissenen Augen, der man keinen Exzess ansieht. Und Schwierigkeiten hat, ihn ihr zu glauben. Das ist wohl das größte Problem dabei, den 360-Seiten-Roman auf die Bühne zu bringen: Wie das Innenleben einer Trinkerin darstellen, ohne in Klischees von Alkoholismus zu verfallen?

Der 26-jährige Regisseur Fabian Alder hat weitgehend vermieden, die körperlichen Auswirkungen darzustellen. Hannahs Haare sind zusammengebunden, ihre Kleidung fleckenfrei, sie lallt nie, sondern lächelt. Zwar trinkt sie ständig - aber es ist ziemlich eindeutig braun gefärbtes Wasser.

Nur Robert (Fritz Fenne), ein wuscheliger, schlaksiger junger Mann in Cordjackett, imitiert einmal einen Betrunkenen und fängt den Rückfall in ein greinendes, geiles Kleinkindstadium gut ein, bevor er und Hannah sich zärtlich aufeinanderlegen. Ansonsten werden weder Hannahs Paradiessehnsucht, noch ihr Selbstekel, noch das Entsetzen der anderen vor ihr gezeigt - Bruder, Vater und die übrige Außenwelt werden von einem einzigen Schauspieler gestemmt. Christoph Finger gelingt dabei der Übergang von lüsterner Zufallsbekanntschaft zu fürsorglichem Vater zu demenzkrankem Mitpatienten sehr gut.

Wie das geht? Trinken gegen Kopfschmerz, gegen die detailgenaue Betrachtung der Lebenseinzelheiten, um die harten Kanten verschwimmen zu lassen und sich nicht daran zu verletzen, merkt man nicht. Wie der Idealzustand der "Süßtrunkenheit" in Taubtrunkenheit kippt, wie zunehmend auch Hannahs Körper leidet, anschwillt, sich deformiert, sieht man in Essen auch nicht.

Hannah und Robert scheinen erst wie ein normales Paar, das flirtet, mit keuscher Freude viel trinkt und wild tanzt. Dass irgendwas nicht stimmt, merkt man anfangs höchstens daran, dass Hannahs Blowjob gleich beim Kennenlernen vielleicht etwas übertrieben war. Aber im Nachhinein mehren sich die Zeichen der Verunsicherung, wenn Hannah verständnislos und naiv vom Rausschmiss aus der Kneipe erzählt oder von der Frau im Rollstuhl, die sie einfach fallenließ.

Manchmal fängt die Inszenierung Brüche in Hannahs Erinnerung gut ein, indem sie Situationen umwertet: Ein Sofa wird in den Raum geschoben, ist erst das in einer Kneipe und auf einmal das in ihrem Elternhaus. Die Flucht aus der Entzugsklinik in Kanada, in der sie acht Tage trocken bleibt, mündet auf einmal in die gleiche Szene wie die vom Anfang und wird auch am Ende wieder gezeigt, als Hannah auf ihre letzte Reise geht: Reisetasche und Apfelsaft.

Während im Buch ungewiss bleibt, was mit Hannah passiert, taucht sie in Essen recht eindeutig in ein Reich des Todes ein, wo ein warmherziger Barmann sie zu einem Ginger Ale einlädt. Zum Schluss sitzt Hannah auf einem Barhocker und spricht ins Weite. Während Judith van der Werff die Tränen aus den Augen rinnen, sehnt sie sich nach Robert, danach, wieder lebendig zu sein und das Leben nochmals neu anfangen zu können. Das ist sehr intensiv und bewegend. Aber letztlich erzählt es eine ganz andere Geschichte als der Roman, und das ist schade.

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