Kommentar Krach um Pisa: Verteidigung der Klassenunterschiede

Bei den Querelen um die jüngste Pisa-Studie geht es den Kultusministern der Länder gar nicht darum, Pisa-Chef Schleicher zu demontieren. Sie wollen raus aus einer Evaluation, die Deutschland als Ständegesellschaft enttarnt.

Was in den letzten beiden Tagen mit "Mr. Pisa" geschehen ist, kann einen schon verwundern. Man wusste gar nicht, wie viel Schmutz der feine Lehrerpräsident Josef Kraus in seiner Aktentasche herum trägt, um den Koordinator der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, damit zu bewerfen. Und was die Vizeministerpräsidentin aus Hessen, Karin Wolff, an Unwahrheiten verbreiten kann. Gar kein gutes Vorbild, das die beiden LehrerInnen Kraus und Wolff, da für junge Leute abgeben. Du sollst nicht falsch Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen - das ist eine der wichtigsten abendländischen Regeln. Also, nicht lügen!

Herr Schleicher hat nicht etwa - wie es ihm Krauss und Wolff vorwerfen - eine Sperrfrist gebrochen, als er das Ranking für Pisa 2006 vorab veröffentlichte. Der Pisa-Chef hatte den Anstand, die Bürger Europas auf den gleichen Stand zu bringen und allen Journalisten die Informationen zukommen zu lassen. Er hat dies getan, nach der Vorabveröffentlichung durch eine Zeitung im fernen Spanien. Das ist nur fair.

Karin Wolff dagegen bedient stets nur einen Teil der Öffentlichkeit. Ihr letzter Coup war, den Journalisten die Iglu-Ergebnisse so spät zu präsentieren, dass sie praktisch nur noch eines drucken konnten: Die Iglu-Tabelle, bei der die deutschen Grundschüler weit oben stehen. Die Hintergrundinformation, dass der Übergang aufs Gymnasium für Arbeiter- und Migrantenkinder geradezu mittelalterlich ungerecht ist, fiel hinten herunter.

Um den Pisa-Chef Schleicher geht es also gar nicht. Die Kultusminister wollen raus aus Pisa. Längst sind alle Weichen dafür gestellt. Weiterverkünden will man das Angenehme an Pisa: dass die Schüler im Lesen und in den Naturwissenschaften vorankommen. Nicht erwähnen will man die bittere Wahrheit: dass es ein ständisches Bildungssystem gibt, das bestimmte Gruppen gezielt in niedere Schulen steckt. Die wird unter den Teppich gekehrt. Deswegen soll auf mittlere Sicht ein nationales Institut mit einem willfährigen Chef gute Nachrichten verbreiten - ohne die unbequemen internationalen Vergleiche.

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