Multikulti-Fussballverein preisgekrönt: Halbmond überm Bären

Der Berliner Fußballverein Türkiyemspor wird vom Deutschen Fußballbund mit dem "Integrationspreis" ausgezeichnet. Wie der Kreuzberger Klub wurde, was er heute ist.

Multikultiverein mit sozialem Engagement: Mitglieder von Türkiyemspor mit Klaus Wowereit. Bild: dpa

Eigentlich kann Murat Dogan, Trainer der C-Mädchen von Türkiyemspor und Mitglied des Fördervereins, das Wort "Integration" nicht ausstehen. Hierzulande wird darunter oft eine einseitige Anpassung verstanden, ohne eigene kulturelle Werte einbringen zu dürfen. "Dabei ist es unmöglich, sich einen Teil abzuhacken und zu sagen: Ich bin jetzt Deutscher." Fällt ihm eine bessere Bezeichnung ein? "Interkulturelle Kommunikation", sagt er, jede Silbe betonend, während er den Rauch lachend an die Decke des Büros pustet.

Das Vereinshaus in der Admiralsstraße, direkt im Herzen Kreuzbergs, ist eine dieser verqualmten Kaschemmen, in denen die Männer Karten spielen, sich Sportübertragungen anschauen und aus kleinen Caj-Gläsern schwarzen Tee mit viel Zucker trinken. Der dreißigjährige Trainer Dogan, selbst mal Libero bei Türkiyemspor, bis ein Kreuzbandriss seine Sportlerkarriere abrupt beendete, bezeichnet sich gern als den "Rest der zweiten Generation". Soll heißen: Er rutscht da gerade noch so rein. Die von der dritten sind alle schon in Deutschland geboren: "Wir sind inzwischen ein Teil beider Kulturen, und das will der Verein nach außen bringen", sagt der Trainer munter.

Der Name des Vereins verrät dieses Ansinnen nicht gerade: Türkiyemspor heißt so viel wie "meine Türkei". Er entstand eher zufällig. Ganz am Anfang, als sich die erste Generation Ende der 70er kickend auf den Westberliner Straßen traf, waren das lauter Leute aus der türkischen Stadt Izmir. Deshalb nannte man sich später beim Eintritt in die Kreisklasse C einfach BFC Izmirspor. Gleich in der ersten Saison stieg die Mannschaft auf. Und so ging das weiter. Saison um Saison. Mit dem Erfolg wuchs das Interesse am Verein. Einwanderer aus allen türkischen Regionen wollten plötzlich mitspielen. Der Name musste geändert werden. Bei einer Vereinssitzung gewann "Türkiyemspor" ganz knapp vor "Kreuzbergspor". Mit "Türkiyem" trafen sich die türkischen Familien bei Wochenendausflügen im Katzbachstadion und erlebten den plötzlichen Senkrechtflug ihrer Mannschaft.

Der Höhepunkt war das Spitzenspiel gegen Hertha BSC vor 12.000 Zuschauern. Als Türkiyem um den Aufstieg in die zweite Bundesliga spielte, führte der DFB den "Fußballdeutschen" ein. Eine Regel, die es erlaubt, auch ohne deutsche Staatsangehörigkeit zu spielen, wenn man fünf Jahre in deutschen Vereinen aktiv war. Bis zu diesem Zeitpunkt durften nur zwei Ausländer in einer Bundesligamannschaft spielen. Doch das entscheidende Spiel wurde eine Tragödie für den Verein: "Wer weiß, was aus uns geworden wäre, wenn wir in die Bundesliga aufgestiegen wären. Dann hätten wir ganz andere Möglichkeiten gehabt", sinniert der Ex-Libero, während er klappernd in seinem Teeglas rührt.

In der Oberliga-Saison 1990/91 wechselte ein polnischer Spieler zum Verein. Eine Freigabe des Berliner Fußballverbandes lag vor. Nachdem er schon einige Spiele mitgespielt hatte, entschied das Verbandsgericht jedoch, dass die Freigabe unrechtmäßig war. Türkiyem musste innerhalb von zehn Tagen drei Spiele wiederholen. Als es um den Bundesligaaufstieg ging, war die Mannschaft ausgelaugt und unterlag mit 0:5 gegen die starke Elf von Tennis Borussia. Der Frust war groß, und noch heute sagen viele, das sei nur passiert, weil sie ein türkischer Verein seien. Ein Verein, den der Vorstandsvorsitzende Armahan Sahin mal als einen "Flucht- und Identifikationspunkt" für die erste Generation, die kaum Deutsch spricht, bezeichnet hat.

Heute, da Türkiyem nur noch in der Oberliga spielt und es gemütlicher ist, sich mittels Satellit türkischen Fußball in die warmen Teestuben zu holen, als bei Wind und Wetter im kalten Stadion zu stehen, ist der Verein kein Identifikationsobjekt mehr. Und er ist schon lange nicht mehr nur türkisch.

In der ersten Mannschaft, die von einem Deutschen trainiert wird, spielen Fußballer sieben unterschiedlicher Nationalitäten zusammen. Der Jugendbereich ist bunt gemischt, insbesondere der der Mädchen. Es gibt nur wenige türkische Frauen und Mädchen, die Fußball spielen. In den drei Mannschaften kicken türkische, kurdische, deutsche Spielerinnen und andere aus multiethnischen Elternhäusern französischer, iranischer oder italienischer Herkunft.

Murat Dogan ist überzeugt davon, dass das Vorurteil "Fußball sei unweiblich" in der türkischen Community noch weit verbreitet ist. Oft bleiben die Mädchen weg, und dann bekommt er die Ausreden der Eltern zu hören. Meistens muss die Schule herhalten. Dabei haben fast alle gute Noten und auch noch viele andere Hobbys. Die Eltern, die zweite Generation der Einwanderer, würden es nie zugeben, dass es sie stört, wenn sich ihre Töchter in einer Männerdomäne betätigen. Dass man nicht offen darüber reden kann, macht die Nachwuchsarbeit für die drei Trainer extrem schwierig. Doch es ist dem Verein seit 2004 gelungen, einen B-, C- und D-Mädchenbereich aufzubauen. Und am liebsten hätte Murat Doran auch noch eine Spielerin mit Kopftuch, um allen zu zeigen, dass im Fußball alles möglich ist.

Der Multi-Kulti-Verein, einstiger Bundesligaanwärter, leistet inzwischen Aufgaben, die weit über die eines gewöhnlichen Fußballklubs hinausgehen. In Kooperation mit der Polizei startet dieses Jahr das Aufklärungsprojekt "Tokat", auf Deutsch "abziehen". Damit wird den 350 jungen Kickern von Türkiyemspor nahe gebracht, mit welchen polizeilichen Maßnahmen sie nach einem Handy- und Klamottenklau zu rechnen haben. Mit den Bezirksämtern Neukölln und Kreuzberg veranstaltete der Verein Aktionen gegen Gewalt in der Familie. Der Fußballklub ist mit Schulen, Verbänden wie dem Schwulen- und Lesbenverband sowie unzähligen sozialen Projekten vernetzt. Der Sportverein verkörpert Autorität, sagt Dogan: "Als Trainer kannst du den Kids sagen, wir haben morgen einen Termin. Weil sie sich verpflichtet fühlen, kommen sie hin. Freiwillig hätten sie das nie getan."

Aber auch die Trainer erhalten zu Saisonbeginn Unterricht in Sachen Soziales: Bei Auswärtsspielen im Osten sind rassistische Anfeindungen durch Fans an der Tagesordnung. Schiedsrichter werden eingeschüchtert und der Verband schaut häufig weg. Dem begegnet der Verein mit Verhaltensschulungen, um Streitigkeiten auf dem Rasen zu deeskalieren. Diese Arbeit honoriert der DFB nun mit dem erstmals ausgelobten Integrationspreis. Er entstand im Rahmen des so genannten nationalen Integrationsplans, der im Sommer 2007 beim "Zweiten Integrationsgipfel" beschlossen wurde. Der Verband gab eine Selbstverpflichtungserklärung ab, "Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund" sowie die "soziale Integration von Mädchen" im Fußballbereich zu fördern. Den ersten Preis in der Kategorie Verein gewann der Club aus Kreuzberg. Die Jury, u. a. bestehend aus DFB-Präsident Theo Zwanziger und Oliver Bierhoff, begründete ihre Entscheidung mit der multiethnischen Mitgliederstruktur des Vereins, der Teilnahme an vielen sozialen Projekten und der Förderung des Mädchenfußballs. Bei Türkiyem ist man nicht wenig stolz darauf. Besonders freut man sich auf den Transporter mit neun Sitzen, den jede Mannschaft dann mal fahren darf. Und obwohl Murat Dogan dem Wort "Integration" äußerst kritisch gegenübersteht, würde er sich doch freuen, wenn auf dem Bus "Integrationspreis 2007" draufstehen würde. Denn eigentlich bedeutet Integration ja ein Verschmelzen der Kulturen - auch wenn "Türkiyemspor" da nicht so richtig passt, so stimmt wenigsten das Wappen: Der türkische Halbmond trifft auf den Berliner Bären.

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