Kommentar Obama & Clinton: Der Neuanfang und der Zauber

Ob Barak Obama mal Hermann Hesse gelesen hat? Möglich. Er weiß vom Zauber des Anfangs. Hillary Clinton wartet eher mit ollen Sprüchen auf. Über Literatur und Wahlkampf

Manche Dichterworte sind so abgenudelt, die kann man gar nicht mehr hören. Als der Theaterkünstler Christoph Marthaler einmal den "Faust" inszenierte, hat er von einigen allzu bekannten Textzeilen nur die Vokale sprechen lassen: "a-e-u-a-i-o-o-i". Man hat manchen Gerüchten vom allgemeinen Bildungsverlust zum Trotz eh gewusst, woran man dabei ist. Bei der Zeile "Habe nun ach Philosophie …" nämlich. Dass sie auf ein "Und bin so klug als wie zuvor" hinausläuft, konnte man sich denken.

Von Hermann Hesse gibt es auch so einen Spruch. Man braucht nur das Wort Anfang zu hören, schon assoziiert man Zauber. Anfang, Zauber, Anfang, Zauber, das geht automatisch. Das kommt natürlich von den unzähligen Poesiealben, Werbemaßnahmen und politischen Leitartikeln, die Hesses Gedicht "Stufen" ausschlachten - beziehungsweise, so viel Bildungsskepsis darf sein, den Vers "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" voneinander abschreiben, ohne das ganze Gedicht zu kennen. Dabei ist der Schluss auch so ein Hammer: "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!" - aber das ist eine andere Geschichte.

Diese Geschichte ist: Ob der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama den guten alten Hesse kennt, weiß man nicht; smart genug dazu wirkt er immerhin. Jedenfalls, denkt man seit dem Vorwahlsieg in Iowa: Anfang, Zauber, das haut bei dem Mann offenbar ganz gut hin. Medientheoretisch etwas elaborierter ließe sich formulieren: Obama bedient mediale Muster von Unbekümmertheit und Frische, die im Zusammenspiel von Sendern und Rezipienten seit John F. Kennedys Zeiten gut eingeübt und zudem vom amerikanischen Kollektivgedächtnis gut abgesichert sind - mit einer birth of a nation ist es ja nicht getan; so ein riesiges Land bedarf pünktlich alle vier Jahre einer Wiedergeburtsrhetorik. Ob der Leser sich dabei Hesses vertrauensseligen Bildungsgedanken - "der Weltgeist […] will uns Stuf um Stufe heben, weiten" - als Hintergrund hinzudenkt oder aber Nietzsches desillusionierenden Spruch von der "e-i-e-ie-e-e-e-ei-e" (der "ewigen Wiederkehr des Gleichen"), kann er sich ja selbst überlegen.

Und was fällt einem zu Hillary Clintons Punkt der "Erfahrung" ein, mit dem sie Obama als Frischling dastehen lassen wollte? Doch, da war was. "Erfahrung macht klug." Auch kein schlechter Spruch! Höchstens ein wenig altväterlich. Ach, das Rennen hat gerade erst begonnen, und man wird ja sehen, welches geflügelte Wort im US-Wahlkampf das Rennen macht - der Anfang, dem ein Zauber innewohnt, oder die Erfahrung, die klug macht. Auf jeden Fall dürfte das hier der Text mit den meisten abgenudelten Dichtersprüchen im heutigen deutschsprachigen Pressewesen sein. Wollen wir es wenigstens hoffen!

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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