Entschleunigung im Trend: Langsamkeit im kollektiven Rythmus

Als individuelle Lebenskunst ist "Entschleunigung" heute angesagt. Als politisches Konzept kommt sie nicht vor.

Der Bürgermeister von Peine, Michael Kessler, bei der Mittagsruhe Bild: dpa

Slow Food ist das bekannteste Beispiel: Die Beschleunigungsdynamik, die alles Handeln im Kontext der Globalisierung erfasst hat, ist begleitet von Gegenströmungen, die in der Entdeckung der Langsamkeit eine Alternative sehen.

Als gesellschaftspolitische Alternative jedoch ist Entschleunigung in der Programmatik politischer AkteurInnen nicht explizit verankert. Nicht einmal die leicht umsetzbare Entschleunigungsoption eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen ist mehrheitsfähig - obwohl ein solches nachweisbar die Verkehrssicherheit erhöhen und die CO2-Emissionen senken würde.

Möglich wird Beschleunigung durch neue Transport- und Produktionstechnologien im Zuge der industriellen Revolution - mit dem revolutionären Wechsel der energetischen Grundlagen der Gesellschaft vom agrarischen Solarenergiesystem zum fossilen Energiesystem. Die durch die Verbrennung von fossilen Energien angefeuerten Antriebssysteme der neuen Technologien übertreffen die Schnelligkeit menschlicher oder animalischer Körper um ein Vielfaches und erlauben so enorme Produktivitätssteigerungen und sensationelle Wachstumsprozesse.

Eine in vielerlei Hinsicht neue Qualität der Beschleunigung als einer Kompression von Raum und Zeit ermöglichen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Möglichkeit der Kommunikation in Echtzeit liefert die technische Voraussetzung für einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel. Sie sind die Grundlage dafür, dass die internationalen Finanzmärkte enorm an Bedeutung gewonnen haben, Unternehmen sich netzwertförmig strukturieren können und neue Formen der Kriegsführung entwickelt werden.

Beschleunigung als Ausdruck von Zeitökonomie bringt es mit sich, das Innovationstempo ebenso wie Arbeits- und Produktionsprozesse extrem zu verdichten. Um Zeitökonomie und Effizienzstreben umzusetzen, werden immer neue Methoden der Arbeitsgestaltung - vom Taylorismus über die Flexibilisierung bis hin zur Arbeitszeitfreiheit - entwickelt. Sie prägen im Zuge der Subjektivierung von Arbeit zunehmend individualisierte Anforderungen der Selbstführung und die Mikro-Ökonomik der Gefühle.

Im Wettlauf der Zeit mitzuhalten, erfordert ein Tempo, das an Grenzen stoßen kann. In ökologischer Hinsicht ist die Beschleunigungskrise im gesellschaftlichen Naturverhältnis offensichtlich: Der Verbrauch von Ressourcen hat einen Umfang und eine Geschwindigkeit erreicht, die weit über die Zeitdauer von Neubildung oder Absorption hinausgehen. Wenn Arbeitsprozesse zu dicht werden, leiden Regeneration und Gesundheit von Menschen ebenso wie Sicherheit und Qualität der Arbeit. Wenn ein Diktat der Kurzfristigkeit dem "flexiblen Menschen" - wie der Soziologe Richard Sennett ihn nennt - den Verzicht auf langfristige Lebensplanungen und soziale Bindungen abverlangt, steht Lebensqualität in Frage.

Auch soziale Rhythmen der Pflege, Erziehung und Versorgung geraten im Zuge ihrer Ökonomisierung in Konflikt mit dem Tempo-Diktat. So haben die Risiken der Beschleunigung längst dazu geführt, dass der Zeitmanagement-Diskurs einer Entschleunigung das Wort redet und die Abstimmung des Tempos auf physiologische und psychologische Rhythmen zur Kunst der Lebensführung erklärt.

In diesem Sinne wird Entschleunigung aber zu einem Element der Zeitkontrolle, das im Sinne der Ökonomisierung von Zeit eingesetzt werden soll, letztlich aber den Individuen überantwortet wird.

Slogans wie Slow down. Pleasure up sind zum Bestandteil des Zeitgeists geworden. Sie dethematisieren jedoch Machtunterschiede zwischen ZeitgeberInnen und ZeitnehmerInnen sowie gesellschaftlich unterschiedlich verteilte Potenziale der Gestaltungsmacht von Zeit. Besonders deutlich polarisierend wirken dabei Globalisierungsprozesse. Sie verstärken die Spaltung in eine globale und hochmobile Elite und den Rest, der zwangsweise entschleunigt an den lokalen Raum gebunden bleibt.

Sozial-ökologische Zeitpolitik erfordert es daher zum einen, die Gestaltung kollektiver Rhythmen und sozial verträglicher Zeiten als öffentliches Gut und Feld politischer Gestaltung anzuerkennen. Zum anderen besteht die Herausforderung der Entschleunigung darin, die sozial-metabolische Basis von Ökonomie und Gesellschaft langfristig wieder auf ein Solarenergiesystem zu orientieren.

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