Warenkunde: Kunstkauf im Bioladen

Statt über Überflutung zu klagen, sind Konsumbürger froh, dass sie differenziert wählen können. Zum Beispiel beim Kunstkauf im Biosupermarkt.

Warum nach Madrid fahren, wenns Cranachs Werke jetzt bei Alnatura im Nachdruck gibt? Bild: ap

Dass es Menschen gibt, die sich bei Museumsbesuchen am liebsten und am längsten im dazugehörigen Shop aufhalten, ist schon seit längerem bekannt. Kunst und Einkauf lassen sich neuerdings aber auch in anderer Weise miteinander verbinden. Wer einen Laden von Alnatura, einer der führenden Biosupermarktketten betritt, kann dort zugleich Bilder anschauen: zwar keine Originale, aber dafür Reproduktionen großer Meister.

Waren es zuerst Gemälde von Claude Monet, so füllt der Kunde seit dem letzten Herbst begleitet von Motiven Lucas Cranachs seinen Korb. Ausschnittvergrößerungen von dessen Torgauer Altar (1509) schmücken Fenster und Wände, und in einer ausliegenden Broschüre wird das Gemälde detailliert vorgestellt und interpretiert. Die Broschüre stammt vom Städel-Museum in Frankfurt, wo noch bis Mitte Februar eine große Cranach-Ausstellung stattfindet. Das Museum und der Supermarkt sind also Geschäftspartner: Alnatura engagiert sich als Unterstützer des Städel, das dafür mit Bild- und Informationsmaterial hilft.

Auf der Website begründet der Gründer und Geschäftsführer von Alnatura, Götz Rehn, diese Aktion damit, dass die "Sehnsucht der Menschen wächst, sich durch Kunst weitere Dimensionen von der Welt zu erschließen, als über den Verstand möglich". Statt nur ihre alltäglichen Besorgungen zu erledigen, können die Kunden also in ganz andere - geistige - Sphären vordringen. Bloß weil sie im Supermarkt auftaucht, soll die Kunst nicht etwa profanisiert werden; im Gegenteil wird sie zum Symbol dafür, dass das Einkaufen inzwischen für viele Menschen eine höhere, mit Sinnsuche und Selbsterkenntnis verbundene Angelegenheit ist. Vor allem aber ist das Joint Venture zwischen dem Städel und Alnatura ein Indiz dafür, dass das gute alte Bildungsbürgertum heutzutage am virulentesten in einem Konsumbürgertum fortlebt. Bildung und Identität sind zu einer Sache geworden, die sich wesentlich am Point of Sale abspielt.

Wie sich ein Bildungsbürger diverser Formen der Hochkultur - vom Theater über Musik bis zur Lyrik - annahm, um sich einen intellektuellen Habitus anzueignen, ja um eine bestimmte Welthaltung und ein klares Werteprofil auszuprägen, so sind Konsumbürger ebenfalls sehr wertbewusste Menschen. Doch bei ihnen zählt vor allem, wo und was man einkauft: Niveau beweist man noch stärker als mit dem häuslichen Bücherregal am Supermarktregal. Das aber ist natürlich nur deshalb möglich, weil die Produkte ähnlich ideell aufgeladen sind wie Bildungsgüter. Sie verheißen nicht allein Energie, Glück, Stimulation und Spiritualität - also Qualitäten, die traditionell ebenso der Kunst attestiert werden -, sondern über ihren Konsum verrät man - gerade in einem Biosupermarkt - auch, wie viel soziale und ökologische Verantwortung man zu übernehmen gewillt ist, ja ob einem Werte wie Gesundheit, Humanität oder Nachhaltigkeit wichtig sind. Heute hat man die Chance, Produkte nach vielen verschiedenen Kriterien zu beurteilen, geben die Hersteller doch mehr als früher über ihre Rohstoffe, Produktionsverfahren und Vertriebswege preis.

War ehedem das Bildungsbürgertum eine Geschmackselite, nämlich die soziale Schicht, die sich darüber definierte, kulturelle Codes am besten handhaben zu können, so ist das Konsumbürgertum ebenfalls durch eine spezifische Lesefähigkeit gekennzeichnet. Statt angesichts großer Auswahl zu kapitulieren und über Überflutung zu klagen, sind Konsumbürger froh, dass sie differenziert wählen können und ihre Werte in einzelnen Produkten wiederfinden. Für sie ist Konsum nicht nur Bedürfnisbefriedigung, sondern die beste Möglichkeit, um Präferenzen darzustellen - um sich als Personen mit ästhetischem und moralischem Bewusstsein zu behaupten. Ihre Konsumbiografie ist jeweils eine Geschichte der Identitätsfindung, ja ein Bildungsroman.

Reproduktionen von Meisterwerken der Kunst im Supermarkt dürften auch noch dem letzten klarmachen, dass Läden mittlerweile ebenso wie Museen Orte der Selbstreflexion geworden sind. Und vielleicht geht die Annäherung sogar demnächst noch weiter. Wann also öffnet ein Supermarkt etwa auch an einem Sonntag, aber nicht um noch zusätzliche Einkaufszeiten zu offerieren, sondern um die Waren wie Exponate in Museen betrachten zu lassen: als etwas, das man dann, ausnahmsweise, gerade nicht kaufen, dafür aber umso ausgiebiger betrachten kann? Dann wäre endgültig klar, dass der Gebrauchswert von Konsumgütern ganz unwichtig werden kann - und dass sie der Erbauung dienen und das Werteprofil schärfen, ja dass sie, nicht anders als es von Kunstwerken behauptet wird, dazu da sind, "weitere Dimensionen von der Welt zu erschließen".

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