Unkonventionelles US-Armutsprogramm

Einmal ganz unten sein

Wie Reiche in den USA im Selbstversuch die Armut kennenlernen. Savannah, die Hauptstadt des Staates Georgia, hat ein unkonvemtionelles Armutsprogramm

"Die Armen müssen sich halt anstrengen", dachte Banker Michael F. Kemp früher. Bild: Adrienne Woltersdorf

SAVANNAH taz Einen ganzen Nachmittag sollte Michael F. Kemp sich wie ein zwölfjähriger Schwarzer fühlen. Noch dazu wie einer, der sitzenbleiben wird, weil er wegen seiner Kurzsichtigkeit in der Schule nicht mehr mitkommt. "Ich fand das Ganze erst völlig quatschig", erzählt der 50-jährige Banker von diesem Tag. Den schwarzen Jungen hat er vor drei Jahren gespielt, damals veranstaltete seine Heimatstadt Savannah eine "Armutssimulation" für Bürger der oberen Mittelschicht.

Kemps Rolle, erinnert er sich deutlich, war "total frustrierend": Der Junge ist kurz davor sitzenzubleiben, denn seine Eltern - Vater arbeitslos, Mutter unterbezahlte Krankenschwester - haben nicht genug Geld, um ihm eine Brille zu kaufen. Sozialhilfe kann der Vater nicht fristgerecht beantragen, denn Mutter braucht das Auto, um zur Arbeit in die Nachbarstadt zu kommen. Der Bus, auf den der Vater wartet, fällt ausgerechnet an diesem Tag aus, weil wegen eines Wasserschadens die Straßen des Armenviertels überschwemmt sind. Und so kommt der Vater nicht mehr pünktlich zur Sozialbehörde, die Frist verstreicht. Das wars: kein Geld - keine Brille - kein Schulabschluss.

In seinem realen Leben hat Michael F. Kemp solch eine Situation nie erlebt. Er hat eine Privatschule besucht und wie sein Vater Jura studiert. Wenn er heute ein Problem hat, löst er es. Armut ist ihm selten begegnet, "vielleicht mal im Supermarkt", sagt er. "Ich dachte immer, die Armen müssten sich halt mal anstrengen."

Bis zu jenem Nachmittag vor drei Jahren im Gemeindezentrum von Savannah. Eine neue Initiative hatte ihn damals persönlich eingeladen, er solle sich doch mal, nur für einen Nachmittag, der Erfahrung der Machtlosigkeit und der Vergeblichkeit aussetzen. Weil der aktive Christ Kemp in Savannah einen Namen hat und weil er als Banker bei Wohltätigkeitsaktionen immer dabei ist, sagte er schließlich, wenig motiviert, zu. Der Nachmittag sollte sein Weltbild komplett verändern. "Ich habe erst durch die Simulation zum ersten Mal verstanden, was arm sein wirklich bedeutet", sagt er heute. "Das Leben dieser Leute ist so unglaublich kompliziert. Wenn man erst mal ganz unten ist, schafft man es kaum, selbst kleinste Hindernisse für sich oder seine Kinder aus dem Weg zu räumen." Kemp hat seitdem Geld gesammelt und seine Geschäftspartner, Kirchenfreunde und seine Familie zu den Simulationen geschickt. "Man versteht es sonst einfach nicht", ist er überzeugt.

Savannah ist ein architektonisches Juwel an der US-amerikanischen Ostküste. Die 250 Jahre alte Stadt schwelgt in Südstaateneleganz, der Ruch von altem Geld hängt ihr an. Wer, wie hunderttausende Touristen jährlich, hierher kommt, bemerkt kaum, dass 75.000 Bürger dieser Stadt in Armut leben - also jeder Fünfte. Arm sein in Savannah heißt für eine vierköpfige Familie, dass sie mit 20.000 Dollar im Jahr über die Runden kommen muss. Die Untergrenze liegt in den USA bei 34.000 Dollar. Verrückt ist, dass Savannah andererseits seit Jahren einen Boom erlebt. Tourismus und der neue Überseehafen bringen Wohlstand, gute Jobs und Perspektiven - nur eben nicht für Menschen, die all das noch nie hatten. In Savannah sind Schwarze dreimal so häufig arm wie Weiße.

Daniel Dodd ist seit 2005 der Projektdirektor von "step up", Savannahs Initiative zur Armutsbekämpfung. Er ist überzeugt, dass der Wohlstand nicht bleibt, "wenn wir nicht gegen die hartnäckige Armut in der Kommune angehen". Gerne zitiert er eine Studie der Denkfabrik Brookings, die am Beispiel Miamis nachgewiesen hat, dass Armut selbst reiche Städte am Wachstum hindern kann. "Die Stadt und ihr Umland prosperieren nur gemeinsam", predigt Dodd, der selbst aus Miami nach Savannah gekommen ist.

Möglich machte "step up" ein schwarzer Bürgermeister - Otis Johnson, dessen erste Amtshandlung es war, die rassistisch verstandene Konföderierten-Flagge der alten Südstaaten aus dem Rathaus zu entfernen. Als nächstes verordnete er der Stadt, endlich ihr Armutsproblem anzupacken. "Den Leuten hier ist es nicht egal, dass es so große Armut gibt", meint Dodd, "sie haben aber keine Ahnung, warum das so ist, und was dagegen zu tun ist." Er weiß, wovon er spricht. Als Kind einer kolumbianischen Migrantin ist er in Armut aufgewachsen und konnte erst nach vielen Umwegen Soziologie studieren. Sein Ansatz ist klar: Beide Enden, Arm und Reich, müssen zusammengebracht werden. Die Einflussreichen müssen zu Verbündeten der Stadtverwaltung und zu Mentoren der Armen werden. Wenn das geschafft ist, ist es nur noch eine Frage guter Koordination, dass Jobs und Lehrstellen entstehen.

So wie Michael F. Kemp haben bis heute mehr als hundert Manager, Lehrer, Unternehmer und Entscheidungsträger an den Rollenspielen teilgenommen. Tatsächlich sind viele von ihnen als Aktive des "step up"-Programms dabei geblieben. Sie haben begonnen, Lehrstellen und Jobs im Handwerksbereich an Jugendliche aus den Armutsvierteln statt an auswärtige Jobsuchende zu vergeben. Das Rathaus hat entsprechende Anreize geschaffen, die boomende Baubranche in der Region macht es ihnen leicht. Oder sie haben ihre Kontakte spielen lassen und für Geld und weitere Sponsoren gesorgt.

Dodd selbst leitet "step up" mit nur zweieinhalb Stellen und 140.000 Dollar Jahresetat. Möglich ist das, weil er zahlreiche ehrenamtliche Helfer hat. Die arbeiten in "Fokusgruppen" zu bestimmten Themen, etwa Sozialwohnungen, Transport, Gesundheitsfürsorge oder Schulpolitik. "Diese Teams arbeiten ganz eng mit den Bewohnern der jeweiligen Viertel zusammen", erklärt Todd. "Wir beziehen sie bei jedem Schritt mit ein, denn sie müssen uns sagen, wo ihre Schwierigkeiten liegen und woran sie bisher gescheitert sind." Schon nach dem ersten Jahr "step up" fuhren Busse endlich dorthin, wo sie gebraucht wurden, und es gab bessere soziale Angebote, vor allem im Gesundheitsbereich.

Pam Oglesby ist eine dieser Ehrenamtlichen. Die 54-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Die blinde Frau wohnt selbst im ärmsten Stadtteil, West-Savannah, nur einen Kilometer vom Prunk des Stadtzentrums entfernt. Die Straße weist knietiefe Schlaglöcher auf, Telegrafenmasten hängen schief im Straßengraben. Gemeinsam mit ihrer kranken Mutter lebt sie von Behinderten- und Sozialhilfe, 800 Dollar haben die beiden im Monat. Das kleine verwitterte Holzhaus hat ihr Vater vor Jahrzehnten gekauft, damals hatte er in einer Ziegelei noch gute Arbeit.

"Wenn 'step up' greift, wird es ein Riesenerfolg", ist sich die agile Frau sicher. Die Armutssimulationen für Nichtbetroffene findet sie vielversprechend, denn die könnten vermitteln, dass "arme Leute immer wieder eine zweite Chance brauchen, einfach weil sie oft blöde Entscheidungen treffen". Pam selbst hat Jahre benötigt, um herauszufinden, wo sie als Behinderte für sich und ihre Familie welche Hilfe bekommen kann. "Den Beamten bist du egal", erklärt sie die Situation Betroffener, "die schicken dich so lange im Kreis herum, bis du aufgibst. Keiner von denen sagt dir, was es alles an Unterstützung gibt, dass es Kinderbetreuung für arbeitende Alleinerziehende gibt, dass es Hausaufgabenbetreuung gibt, dass es mehr gibt als nur Essensgutscheine."

Oglesby ist so etwas wie die Mutter Courage ihres Viertels. Sie fragt nach, verfasst Beschwerden, rügt, lobt, geht von Tür zu Tür und versucht ihren Nachbarn den Kopf zurechtzurücken. "Ich sage den Leuten immer: Wenn du dich nicht verändern willst, lass es sein. Wir kommen nicht mit Lastwagen voller Geld bei dir vorbei. Du musst hart an dir arbeiten, um aus der Armut rauszukommen." Oft seien die Leute viel zu ungeduldig. "Wir Arme wollen, dass alles sofort passiert. Und weil das nicht so funktioniert, treffen wir weitere dumme Entscheidungen." Einen besonderen Brass hat sie auf die jungen schwarzen Mädchen in ihrem Viertel. "Die Girls sind zum Kotzen," meint sie brüsk. "Die wollen keinen anständigen Jungen, der sich ehrlich abmüht. Nee, die wollen den Drogenboss mit dem Sportwagen - und dann sitzen sie da mit drei Kindern, und der Typ ist im Knast oder tot. Und als alleinerziehende Mutter kommst du nicht mehr raus aus der Armut, aus deinen Kindern wird selten was. Und so gehts weiter, von Generation zu Generation." Pam hat wegen ihrer Direktheit nicht nur Freunde im Viertel.

Auf ein Zeichen dafür, dass sich in Savannah wirklich etwas ändert, hofft sie noch. Für sie wäre das ausgerechnet eine eiserne Gedenktafel. Darauf sollte stehen, dass genau dort, wo ihres und die Häuser der anderen Armen von West-Savannah stehen, einst die Reisfelder einer großen Plantage lagen. Als der Besitz 1859 aufgelöst wurde, wurden alle 436 Sklaven binnen einem Tag versteigert. Wegen der hohen Zahl war der Menschenhandel ein so aufsehenerregendes Ereignis, dass damals sogar New Yorker Zeitungen darüber berichteten. "Das war der Tag der Tränen", sagt Pam Oglesby. Sie will, dass die Leute aus West-Savannah ihre eigene Geschichte begreifen. "Die Kids wollen Dope verkaufen und träumen von Downtown", sagt sie wütend. "Ihre falschen Erwartungen kommen daher, dass sie nichts über ihre Vergangenheit wissen." Wer aber nicht weiß, was gewesen ist, "kann seine Zukunft nicht verstehen." Daher steht für sie am Anfang aller Armutsbekämpfung ein eisernes Schild.

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