Vorstudien zur Gesellschaftstheorie: Die Computernetzwerke der Gesellschaft

Wird das die nächste große Erzählung? In seinen "Studien zur nächsten Gesellschaft" schlägt der Soziologe Dirk Baecker einen Bogen über die gesamte Menschheitsgeschichte.

Es gibt unzählige Beispiele in der Geistesgeschichte, in denen eine folgenreiche technische Innovation als Grund dafür ausgegeben wird, dass ein neues Zeitalter beginnt. Bei der Erfindung des Pfluges, des Rades, des Kompasses, der Dampfmaschine oder der Glühbirne wurde so verfahren.

Auch Dirk Baeckers "Studien zur nächsten Gesellschaft" scheinen sich auf den ersten Blick in dieses Welterklärungsmuster einzureihen; in ihnen vertritt der Soziologe die Behauptung, dass die Erfindung des Computers eine solche Epochenzäsur markiert. Genau genommen wird hier aber die Geschichte nicht simpel aus einem Punkt heraus erklärt - die These ist in eine umfassendere Geschichtstheorie eingebettet. Sie besagt, dass der Computer genauso wie die Sprache, die Schrift und der Buchdruck als ein Verbreitungsmedium der Kommunikation fungiert und dass der Computer als ein solches neues Verbreitungsmedium im Hier und Jetzt Geschichte schreibt. "Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft", heißt es programmatisch im Vorwort.

Auf diese "nächste Gesellschaft" zielen Baeckers Überlegungen hin; und manches lässt darauf schließen, dass Baecker, um sie begrifflich zu fassen, daran arbeitet, die Systemtheorie seines Lehrers Niklas Luhmann zu historisieren: Den Computer konnte diese eben noch nicht systematisch berücksichtigen.

Damit geht Baecker mit Luhmann über Luhmann hinaus. Einerseits greift er Luhmanns Idee auf, dass die Erfindung von Sprache, Schrift und Buchdruck einen Sinnüberschuss in der Gesellschaft erzeugt, der die alten Gesellschaftsstrukturen systematisch überfordert. Das neue Verbreitungsmedium erzeugt ein Komplexitätsproblem, das als Attraktor der gesellschaftlichen Entwicklung zu arbeiten beginnt; die neu entstehenden Struktur- und Kulturformen sind entsprechend die Lösungen für dieses Problem. Andererseits verlängert Baecker dieses Geschichtsmodell in die Zukunft hinein und ergänzt es um eine vierte Epoche: eben die "nächste Gesellschaft". Damit ist eine Gesellschaftsformation bezeichnet, die die Moderne ablöst und sich dennoch nicht bloß auf den Verlegenheitsbegriff der Postmoderne verrechnen lässt. Vielmehr beruft sich Baecker auf Peter F. Druckers Begriff der "next society", in ihm sieht er eine Minimalbestimmung, über die sich diese heraufziehende Gesellschaftsformation konstituiert: "Die nächste Gesellschaft [] wird in all ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden."

Allerdings bleibt der Eindruck zurück, dass Druckers Konzept der "next society" sich nicht richtig in das Luhmannsche Modell einpassen lässt. So beschreibt Baecker den "Sinnüberschuss" der Computergesellschaft als einen "Kontrollüberschuss", ein Begriff, der eher an ein Defizit als an einen Überschuss von Möglichkeiten denken lässt. Auch die Lösung, die Baecker für den Sinnüberschuss der Computergesellschaft anbietet und worüber er diese Gesellschaftsformation charakterisiert, scheint systematisch unterbestimmt zu bleiben. Nicht nur die "nächste Gesellschaft", sondern auch die Stammesgesellschaft, die antiken Hochkultur und die modernen Gesellschaft standen vor demselben Problem, eine Kulturform zu entwickeln, die es erlaubt, in einer durch neue Verbreitungsmedien hyperkomplex gewordenen Welt einen "nächsten Schritt" zu finden.

Für Luhmann-Fachleute gesprochen: Die Antwort, auf die Baeckers Konzept der "nächsten Gesellschaft" letztendlich zielt, ist, dass hier das Formenkalkül von George Spencer Brown als neue Kulturform einspringen könnte. Leider wird in keiner Stelle vorgeführt, wie sich mit Hilfe dieses Kalküls in der "nächsten Gesellschaft" rechnen lässt, wie also zum Beispiel der in den innovativen Wirtschaftsunternehmen anfallende "Kontrollüberschuss" tatsächlich über die Bildung und Nutzung solcher "Zweiseitenformen" in sinnvolle Entscheidungsprozeduren überführt werden kann.

Trotz dieser theoretischen Unschärfen besitzt das Gesamtkonzept einen hohen Grad an Plausibilität, was etwas mit der Darstellungsform zu tun hat. Baeckers "Studien" bestehen aus elf Aufsätzen, die sich grob gesprochen auf die vier Themenfelder Wirtschaft, Kunst, Bildung, Familie beziehen; zudem widmen sich zwei Beiträge der Verfasstheit der Gesellschaft im Allgemeinen. Alle Aufsätze sind nach demselben Prinzip aufgebaut, sie spielen je konkret durch, wie etwa die Familie, die Architektur, das Unternehmen oder die Universität sich verändern, wenn sie plötzlich dem Sinnüberschuss der Schrift, des Buchdrucks oder eben des Computers ausgesetzt werden. Um einen solchen weiten historischen Bogen schlagen zu können, sind begriffliche Rück- und Vorausprojektionen unvermeidlich. Sicherlich werden sich an dieser Arbeitsweise die Meinungen scheiden, aber Baecker gelangt über den Vergleich von derart unvergleichbaren Zeitaltern, wie es die Computergesellschaft und die Stammesgesellschaft nun einmal sind, immer wieder zu erhellenden Einsichten.

Der Sinnüberschuss der Sprache wurde in der Stammesgesellschaft über die Figur des "Geheimnisses" aufgefangen, das regelt, "wer wann worüber sprechen darf und worüber nicht". Baecker zeigt nun zum Beispiel, dass dieser Kulturform auch die Dorfarchitektur entsprach, wo jede Hütte, jedes Haus und jeder Platz das Geheimnis schützen würden, dessen Existenz sie zugleich ausstellten. Bei der Frage nach dem Sinn einer wissenschaftlichen Promotion kommt er unter demselben Argumentationsschema zu dem Rückschluss, dass die Schamanen in der Stammesgesellschaft eine vergleichbare Rolle wie der heutige Wissenschaftler erfüllt hätten und dass die Initiation zum Schamanen der Rolle einer Promotion entspricht.

Umgekehrt erzeugt der epochenübergreifende generalisierende Blick aber auch verblüffende Hypothesen in Bezug auf die "nächste Gesellschaft". So bekommt man eine plausible Erklärung dafür, dass die "nächste Familie" aller Wahrscheinlichkeit nach auch den "gender trouble" hinter sich lässt, "der wenig mehr leistet als die Subversion der alten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zugunsten der Verweigerung dieser Arbeitsteilung. Das kann im Zuge der Auflösung der bürgerlichen Familie niemanden mehr interessieren", heißt es lapidar.

Im Bildungskontext wiederum vertritt Baecker die These: "Die Universität ist primär nicht eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung, sondern eine Sozialisationsagentur für die Heranführung des Nachwuchses an die komplexeren Fragen von Welt, Leben und Gesellschaft." Sicherlich ist es eine Qualität dieses Buches, dass es immer wieder derart überraschende Gedanken parat hält, die ein aktuelles Thema wie das Verhältnis von Forschung und Lehre an der Universität berühren, vor allem wenn es sich wie hier explizit "gegen das Interesse von Hochschullehrern richtet, die sich ihre Reputationsgewinne aus ihren Forschungsbeiträgen versprechen".

Fragt man sich aber, wie weit sich diese These durchhalten lässt, zeigt sich sofort die Kehrseite dieser Arbeitsweise. So ließe sich bei diesem Beispiel leicht die Gegenthese aufstellen, dass die Universität primär eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung sein müsse, weil nur die maßgeblichen Forscher die Studenten in etwa 15 Semestern an den aktuellen Wissensstand einer Wissensgesellschaft heranführen können. Ganz gleich, ob dieses Argument nun besser oder schlechter funktioniert, auf jeden Fall besitzen Baeckers "Studien" nicht jene Tiefenschärfe, bei der sich solche Einwände bei genauem Nachlesen von selbst beantworten würden. In diesem Sinne muss man sie wohl eher als Vorstudien zu einer Theorie der nächsten Gesellschaft verstehen, die noch zu schreiben ist.

Obwohl der Autor ausdrücklich betont, dass es ihm "nicht um den Entwurf einer Universalgeschichte" ginge, macht er doch praktisch etwas, was seit der postmodernen Abklärung eigentlich als unmöglich gilt: Er schreibt eine große Erzählung, die einen Bogen über vier Millionen Jahre Menschheitsgeschichte schlägt. Im Prinzip ist die großformatige Unterscheidung dieser Gesellschaftsformationen im Kontext der Systemtheorie nichts Neues, denn auch Luhmann hatte stets eine segmentäre, eine hierarchische und eine funktional differenzierte Gesellschaft unterschieden. In Baeckers "Studien" fällt die Inanspruchnahme dieser Denkfigur aber ganz anders ins Gewicht, da sie jetzt in jedem einzelnen Aufsatz konfirmiert wird und damit auch ein detailreiches Geschichtsbild dem Leser vermittelt. Allein diese Geschichtskonstruktion macht das Buch zu einer jederzeit spannenden Lektüre.

Baeckers Konzept der "nächsten Gesellschaft" markiert darüber eine Sollbruchstelle zu Luhmanns Systemtheorie, die bemerkenswert ist. Es impliziert, dass das Prinzip der funktionalen Differenzierung, das die moderne Gesellschaft konstituiert, sich auflösen würde. "Die nächste Gesellschaft wird eine Gesellschaft sein, die die feudale Ordnung der Tradition ebenso hinter sich gelassen hat wie die funktionale Differenzierung der Moderne." Baecker verzichtet zwar auf eine explizite Bestimmung der Gesellschaftsstruktur der "nächsten Gesellschaft", aber die Idee zeichnet sich deutlich genug ab, dass die funktionale Differenzierung durch operative "Netzwerke" überformt und ersetzt wird.

So heißt es in Bezug auf die "innovativen Unternehmen" in der nächsten Gesellschaft: "Das Schicksal der Unternehmen entscheidet sich einerseits hier, auf den Märkten der Wirtschaft, aber es entscheidet sich gleichzeitig auch in den Labors der Wissenschaft, in den Gebetshallen der Kirchen, in den Sälen der Gerichte, in den Hinterzimmern der Politik und in den Redaktionen der Zeitungen, Fernsehanstalten und Internetportalbetreiber." Wie aber ist es dann um die Systemtheorie bestellt, wenn das Prinzip der funktionalen Differenzierung dermaßen außer Kraft gesetzt wird? Würde daraus nicht folgen, dass die Systemtheorie mit ihrer Basisunterscheidung von System und Umwelt die "nächste Gesellschaft" überhaupt nicht mehr adäquat beschreiben kann?

Es wird interessant sein, welche Theorieentwicklungen die Einarbeitung der Netzwerktheorie in die Systemtheorie auslösen wird. Auch darf man nach der Lektüre von Baeckers "Studien zur nächsten Gesellschaft" auf seinen nächsten Schritt, sprich auf sein nächstes Buch gespannt sein, ob und wie die hier aufgeworfenen Fragen zur zukünftigen Gesellschaft aufgegriffen und ausgearbeitet werden.

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