Neues Mars Volta-Album: Sukzessiv entfesselte Energie

The Mars Volta liefern auf ihrem manisch vielschichtigen Album "Bedlam In Goliath" mäandernde Melodien in Massen. Wers aushält, der wird glücklich.

Sehen merkwürdig aus. Sind aber super. Bild: ross halfin/universal

Wollte man einem irritierten Gehörlosen erklären, warum man bei dieser Musik so über alle Maßen aus dem Häuschen geraten kann, dann nehme man am besten einen Golfball zu Hand.

So ein Golfball ist ein ganz erstaunlich Ding. Wenn man ihn an den Kopf bekommt, kann er verdammt hart sein. Wenn man ihn aber mit einem scharfen Messer aufschneidet, mit der Klinge nur ein wenig unter die Hülle geht, ist der Ball alles andere als kompakt: Es kommen kunstvoll verknäulte Gummifäden zum Vorschein, wie Muskelstränge, die unter einer enormen Spannung stehen.

Einmal durchtrennt und vom äußeren Druck befreit, lösen sich diese Stränge nun schnappend, einer nach dem anderen, während der Ball unter dieser sich sukzessive selbst entfesselnden Energie wie irre in der Gegend herumhüpft. Und genau so, könnte man sagen, klingt "Bedlam In Goliath": nämlich nach maximal komprimierter Komplexität. An keiner zeitgenössischen Musik scheiden sich die Geister so sehr wie der von The Mars Volta.

Kein einziger Song auf "Bedlam In Goliath" lässt sich "mal nett nebenbei" hören, so wenig wie "Birth Of Cool" von Miles Davis oder "Come To Daddy" von Aphex Twin irgendwo brav im Hintergrund laufen könnte. Unberührt geht dieser wirbelnde Irrsinn nur an Scheintoten oder eben Gehörlosen vorüber. Zwischen "Mach das bitte sofort aus, bitte!" und "Stell das bitte nie wieder ab, danke!" gähnt unterdessen eine Kluft, die tiefer nicht sein könnte.

Natürlich ist diese Musik beim ersten, zweiten oder auch zwölften Durchhören noch erschlagend, anstrengend und alles andere als anheimelnd - was allein schon an der fast schon massiven atmosphärischen Dichte liegt, um die diese Gruppe sich bemüht. Da gibt es auf fast 80 Minuten kein einziges E-Gitarrensolo von Mastermind Omar Rodriquez-Lopez zu hören, weil das ganze Album eigentlich ein einziges E-Gitarrensolo ist, genau genommen sogar zwei, weil Rodriquez-Lopez, beeinflusst von Robert Fripp und John McLaughlin, sich ohne Unterlass mit John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers duelliert und beide fortwährend klirrende Akkordfolgen im 7/5-Takt abschießen, heillos ineinander verdreht wie DNA-Stränge.

Rhythmisch strukturiert wird das herrliche Gewichse auf zwei Griffbrettern von einem vielarmigen Hindu-Gott am Schlagzeug und einem praktizierenden Quantenphysiker am Bass, aufgelockert nur durch die sporadisch ausgelegten Blitzeisflächen aus dem Keyboard. Darüber turnt und tanzt und turtelt Cedric Bixler-Zavala mit einer Stimme, die er ebenso lustvoll verfremdet wie der Kollege seine Gitarre - das ist nie eitel, sondern steht immer im Dienst der mäandernden, giftigen Melodien, von denen es auf diesem Album wimmelt wie von Schlangen in der Grube.

Erst später, wenn das Tempo ein wenig gedrosselt wird, enthüllt sich die manische Vielschichtigkeit dieser Musik auch dem ungeübteren Ohr: "Soothsayer" beispielsweise bezieht seine Spannung aus einem orientalischen Streicher-Arrangement und Sprachsamples aus den Gassen von Jerusalem, garniert mit Slalomläufen auf der Sitar, bevor der Refrain, wie ein Seufzer, diese Spannung in akustischen Wohlklang auflöst - und der Song mit mehrstimmigen Gesängen aus einem orthodoxen Gottesdienst ausklingt. Und "Goliath" - ein wütendes, an seinen Ketten zerrendes Monster von einem Song - klingt, wie Muse klingen müssten, würden die sich was trauen.

The Mars Volta, und das ist das Geheimnis, trauen sich. Sie kommen musikalisch nirgendwo "auf den Punkt", und genau das ist der Punkt. Wie bei den verwirrend flirrenden Speichen eines Rades, die ab einer gewissen Geschwindigkeit seltsam stillzustehen scheinen, so entwickelt diese Musik ihre eigentümliche, absolut unverwechselbare Magie immer dann, wenn sie am ungestümsten voranprescht.

Abgestoßen oder angerührt haben The Mars Volta zwar schon immer. Aber erst hier, auf seinem vierten Studioalbum, bringt das bunte Septett aus Los Angeles sein polarisierendes Potenzial zu voller Entfaltung. Wobei diese Pole mit "Punk" und "Prog" nur sehr unzureichend markiert wären, auch wenn die beiden kategorischen Koordinaten von verzweifelten Kritikern schon häufiger bemüht wurden. Vom pathetischen Progrock mit seiner weihevollen Ausstellung der eigenen Virtuosität aber sind Mars Volta ebenso weit entfernt wie vom selbstgefälligen Breitwandstumpfsinn des stupiden Punkrock. Tatsächlich erhebt sich dieser radikale Entwurf mit der Majestät eines Himalaya über der schwülen, flachen und konsensuell vernebelten Musiklandschaft unserer Tage. Es ist ein Kunstwerk von eigener Geltung, und man müsste schon ohne Sauerstoff alle seine Gipfel besteigen, um dafür einen Begriff zu finden. Einmal oben angekommen, lässt uns die Aussicht aber nur noch stammeln. Groß.

The Mars Volta: "Bedlam In Goliath" (Universal)

Einmal zahlen
.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben