Geschichte aus einer verlorenen Zeit: Kaugummiautomaten und Neubausiedlungen

Ulf Erdmann Ziegler erzählt in "Wilde Wiesen" von Kindheit und Jugend in der Provinz und rückt die alte Bundesrepublik in die Ferne.

Es sind die Sechziger-, Siebziger- und auch noch frühen Achtzigerjahre in einem Land namens Bundesrepublik Deutschland. Auf den freien Feldern rund um die Städte entstehen Neubausiedlungen, in Dimensionen von Quadratkilometern "nach Kompass bebaut", die Straßen verlaufen westöstlich und nordsüdlich. Aufstiegs-, Westwendungs- und Modernisierungszeit. Aber bei Besuchen bei älteren Verwandten trifft man noch auf Wohnungen, "die komplett mit Möbelstücken aus Vorkriegszeiten bestückt" waren; und in den Nachbarhäusern der Neubausiedlung gibt es auch die "Schläger und Rotzer", grobe Kinder von überforderten Vertriebenen, die noch immer keinen Anschluss ans Wirtschaftswunder gefunden hatten.

Nachrichten aus einem inzwischen versunkenen Land. Es gibt Schulreformen und Kaugummiautomaten, Badeseen, christliche Jugendgruppen und Ausflüge zu Verwandten in ein fernes Gebiet, das DDR heißt. Und inmitten all dieser Phänomene schlägt ein Erzähler seine Augen auf und versucht sich einen Reim auf das alles zu machen.

Dass mit der Wiedervereinigung nicht nur die DDR unterging, sondern auch die alte Bundesrepublik, ist eine Erkenntnis, die zuerst Niklas Luhmann stark vertreten hat. In "Wilde Wiesen" - nebenbei: was für ein schöner Titel für Kindheits- und Jugenderinnerungen aus der norddeutschen Provinz! - erzählt Ulf Erdmann Ziegler von dieser verlorenen Zeit. Das haben vor ihm bereits viele Erzähler getan. Aber in "Wilde Wiesen" kann man beim Lesen einen neuen, bislang noch nicht eingeübten Ton erspüren: Ulf Erdmann Ziegler will einem diese Zeit nicht nahebringen, sondern im Gegenteil weit wegrücken. Nichts funktioniert in diesem Buch über einfache Wiedererkennung geteilter Generationsmuster (obwohl sie natürlich vorkommen, die Parka-und-Jeans-Uniformen und Simon-and-Garfunkel-Töne der Zeit). Die alte Bundesrepublik ist hier schon so weit in der Vergangenheit versunken, dass man sie geradezu neu erfinden muss, aus dem Geiste eines genau registrierenden, die eigenen Erinnerungen stets eher abtastenden als ausmalenden Blicks.

Deshalb ist dieser schmale, gerade einmal 150 Seiten umfassende Band mehr als ein Nebenwerk zu dem großen Achtzigerjahre-Roman "Hamburger Hochbahn", mit dem sich Ziegler, Jahrgang 1959, im vergangenen Jahr als Erzähler eindrucksvoll etablierte. Es ist die Entwicklung und zugleich die Darstellung einer erzählerischen Haltung: Mit dem Außenseiterblick eines begabten Kindes, das sich damals letztlich hoffnungslos daran abarbeitete, in der bundesrepublikanischen Realität heimisch zu werden, lässt sich im Rückblick ein ganzes Land rekonstruieren.

Ulf Erdmann Ziegler tut das punktuell und stets konkret, indem er die Stätten seiner Kindheit und Jugend schildert. Erinnerungen an Neumünster, Lindenthal, Pillnitz, an solche Kleinstädte und Stadtteile, werden in diesem Buch zum Schwingen gebracht. Als Journalist und Kritiker hat sich Ziegler viel mit Stil- und Architekturfragen beschäftigt; das ist "Wilde Wiesen" zugutegekommen. Über Zimmereinrichtungen kann er in ein, zwei Absätzen ein ganzes Lebensgefühl beschreiben; aus den Erschließungen der Neubauviertel liest er die Hoffnungsfreudigkeit, aber auch die Tristesse eines Siebzigerjahre-Lebens in der Provinz ab.

Eine Zäsur setzt dann ein Jahr als Austauschschüler in den USA, lange Nachmittage mit dem Rauschen der Klimaanlagen und Wäschetrockner in einem Haus mit der in Deutschland undenkbar hohen Nummer 2717. "Es war mein letztes Zuhaus. Danach war ich mir selbst ein Fremder", merkt der Erzähler an.

Was folgt, sind verschiedene Versuche, an anderen Orten und in größeren Lebensromanen heimisch zu werden. Unter dem Titel "Neukölln" gibt es Ansätze zu einem Berlinroman inklusive des großen Neins zum Rest der Bundesrepublik, das ein Umzug in die Mauerstadt bedeutete. Im Kapitel "Dorstfeldt" kann man Bruchstücke zu einem desillusionierend verlaufenden Künstlerroman lesen; schon vorher hat der Erzähler deutlich gemacht, dass die Kunst der Fotografie eine Zeitlang identitätsstiftend für ihn war.

Das alles sind individuelle Versuche des Erzählers, sich nach den Außenseiter- und Fremdheitserfahrungen, die ihm die Normalität der Bundesrepublik vermittelte, so etwas wie ein eigenes Leben zu suchen. Davon könnte man noch einmal ausführlicher erzählen. Die Darstellung dieser Fremdheitserfahrungen selbst ist, wenngleich in vielen Details ein spezieller, einzelner Fall, unbedingt überindividuell geglückt.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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