Migration im Museum: "Reconstruire la Nation"

Das Einwanderungsmuseum im Kolonialpalast Porte Dorée in Paris ist eines der ersten und größten in Europa. Aktuelle Konflikte wie in den Banlieues spielen jedoch keine große Rolle.

Demonstration gegen Immigrationsgesetze in Paris im September 2006. Bild: dpa

Das Palais Porte Dorée im Pariser Osten ist ein beeindruckendes Zeugnis kolonialer Herrschaft. Der Prachtbau am Rande des Stadtzentrums wurde 1931 zur Eröffnung der Internationalen Kolonialausstellung errichtet. Die großen Reliefs an der Fassade und die Fresken in der Festhalle und den Salons des Palasts sollten die Reichtümer der Kolonien und die Überlegenheit des Mutterlands Frankreich symbolisieren. Das Palais ist seit 1935 ständiges Kolonialmuseum, zuletzt unter dem Namen "Museum für afrikanische und ozeanische Kunst". Seit Oktober 2007 beherbergt der Kolonialpalast nun auch die Cité nationale lhistoire de limmigration, das staatliche Einwanderungsmuseum.

Der Anstoß für das Projekt ging 1990 von kritischen Wissenschaftlern aus. Doch die damals regierenden Sozialisten lehnten das Vorhaben ab. Erst 2002, in der zweiten Amtszeit des konservativen Präsidenten Jacques Chirac, kam Bewegung in das Projekt. Schließlich wurde der konservative Politiker Jacques Toubon, der heutige Direktor, zum Vorsitzenden einer Regierungskommission berufen, die zur Etablierung des Museums führte. Als Standorte waren auch eine Seine-Insel und das ehemalige Renault-Werk Billancourt im Gespräch. Die Wahl fiel jedoch auf das Palais Porte Dorée. Die Entscheidung für den Kolonialpalast war unter den Beteiligten jedoch umstritten.

Ziel des Museums sei es, die bisher weitgehend marginalisierte Geschichte der Einwanderung prominent sichtbar zu machen und mit der aktuellen Diskussion über nationale Identität zu verknüpfen, sagt zum Beispiel Agnès Arguez-Roth, eine der verantwortlichen Ausstellungsmacherinnen. Kurz vor der Eröffnung der Cité hatte der Rückzug von acht wissenschaftlichen Beiräten für einen Eklat gesorgt. Darunter waren namhafte Historiker wie Gérard Noiriel oder der Soziologe Patrick Weil, die beide zu den Initiatoren des Projekts zählten. Sie befürchteten "eine Vereinnahmung" durch die konservative Regierung und protestierten auch gegen das frisch geschaffene Ministerium für Einwanderung und nationale Identität. Die Eröffnung fiel zudem zeitlich mit der hitzigen Debatte über die Verschärfung des Familiennachzugs und die Einführung von DNA-Tests für Visumbewerber zusammen. Der frisch gewählte neue Präsident Nicolas Sarkozy und seine konservative Ministerriege blieben der Einweihung des Museum im Oktober demonstrativ fern. Nur die Kulturministerin gab sich die Ehre.

Die ursprüngliche Architektur und der koloniale Charakter des Gebäudes blieben auch jetzt aus Gründen des Denkmalschutzes fast vollständig erhalten. Von der Geschichte des Palastes erfahren die Besucher jedoch wenig. Material, das den kolonialen Nimbus des Gebäudes gebrochen hätte, verbannte man in eine unscheinbare Publikation. Und in der Dauerausstellung weist eine kleine Fotoserie von Eugène Atget aus den Jahren 1912 bis 1913 darauf hin, dass die Pariser Bürger früher diese Gegend mieden. Denn die Bewohner des Quartiers, überwiegend Einwanderer, hausten oftmals noch in Bretterverschlägen oder Planwagen, galten als Vagabunden und "classes dangereuses".

Für die Dauerausstellung stehen nun im dritten Obergeschoss 1.100 und für wechselnde Ausstellungen rund 600 Quadratmeter zur Verfügung. Der Veranstaltungsbereich und die Mediathek sollen im Laufe des Jahres den Betrieb aufnehmen. Die permanente Schau umfasst derzeit zwei Jahrhunderte Einwanderungsgeschichte, ist thematisch klar gegliedert und wird von großformatigen und bewegten Bildern, farbigen Vitrinen, raumfüllenden Installationen und interaktiven Lichttischen dominiert. Ein kostenloser Audioguide bietet weitere Orientierung, leider nur auf Französisch. Der Rundgang beginnt mit Fotos von Robert Capa und David Seymour zum Exodus der republikanischen Spanienkämpfer 1939 über die Pyrenäen und endet mit einer Galerie großer Einwanderer, von Francisco Goya bis zu Emir Kusturica. Deren Präsentation scheint programmatisch. Im Rampenlicht stehen Einwanderer, die es geschafft haben. Ihre Lebensgeschichten erscheinen als Erfolgsgeschichte der multikulturellen Gesellschaft. Legenden wie Zinédine Zidane dürfen da nicht fehlen. Sie machen sich besser als Bilder von Aufständischen aus den Banlieues. Diese, die "jeunes", schaffens nicht ins Museum. Einige sehr schöne Farbfotos von Florence Delahaye über die Werke von Sprayern im öffentlichen Raum bleiben der einzige Hinweis auf diese Szene.

Zu kurz gegriffen erscheint insgesamt die Darstellung der Einwanderer-Communities. So wird das Maison de Russ in Sainte-Genevièves des Bois als Prototyp der Multikultur zur Geltung gebracht, mit Reliquien aus den Zwanzigerjahren. Spannend wäre jedoch eine Darstellung der Brüche und Veränderungen, denen die russische Gemeinschaft in Frankreich seit 1917 unterworfen war, insbesondere seit dem Ende der Sowjetunion. Oftmals erscheint die Darstellung der französischen Grande Nation als ein sicherer Hafen für die verschiedenen ethnischen Container. Tatsächlich verstellt die folkloristische Vorstellung von Kulturen den Blick auf die Realität in der Migrationsgesellschaft, die einer ständigen Veränderung unterliegen. Kultur ist in Bewegung, nicht gefestigt und entzieht sich ethnizistischen Zuschreibungen. Gerade die Jugendlichen aus den Communities erschließen sich im Urbanen laufend neue transnationale urbane Räume. Dafür steht die französische Rap-Szene, die Konservative für die Aufstände in den Vorstädten mitverantwortlich sehen.

Eindrucksvoll ist dagegen die Fotoserie von Oliver Jobard "Kingsley" über die gefährliche Reise von zweiundzwanzig Kamerunern quer durch Afrika nach Europa. Oder die Bilder von Bruno Serralongue über die Kundgebungen des Collectif des Sans-Papiers am Place du Châtelet in Paris. Bei der Bildkonzeption wird allerdings auch eine Schwäche der Schau deutlich: Sie hat keine Idee entwickelt, um den politischen Kontext der Migrationsbewegungen zu reflektieren. Wer nicht weiß, dass die Bewegung der Sans Papiers Ende der Neunzigerjahre eine bemerkenswerte gesellschaftliche Unterstützung fand, eine Ausstrahlungskraft weit über die Grenzen Frankreichs hinaus besaß, der erfährt es in der Ausstellung nicht.

Die transnationale Perspektive der Migration bleibt in in dem neuen französischen Staatsmuseum außen vor. Frankreich bleibt der fixe Standort, von dem aus auf eine bewegliche "Peripherie" geschaut wird. Dieser Sichtweise haftet stets der Beigeschmack des Randständigen an. In der Forschung wird Migration heute dagegen als grenzüberschreitende Mobilität von Menschen beschrieben, deren soziale Beziehungen und Praktiken mindestens zwei oder mehrere Staaten verbinden. Das binäre Modell von Emigration und Immigration, von "push" und "pull" ist längst passé.

Besonders irritiert, dass die kolonialen Hintergründe der Migration in der Ausstellung explizit nicht thematisiert werden. Dabei ist die Einwanderung in Frankreich bis heute stark von der Kolonialgeschichte früherer Jahrhunderte geprägt. Unverständlich ist auch, warum das Massaker von 1961 in Paris, bei dem die Polizei eine friedliche Kundgebung von 30.000 algerischen Immigranten mit äußerster Gewalt auflöste und zahlreiche Demonstranten erschoss, keinen Platz in der Ausstellung fand. Dabei wäre dieses jahrzehntelang tabuisierte Verbrechen exemplarisch für den Umgang der französischen Gesellschaft mit ihrer Kolonialgeschichte. Kaum sichtbar wird zudem die Geschichte sozialer Bewegungen. Und doch spielten Einwanderer in den Kämpfen der Arbeiterbewegung, im Mai 68 oder bei Protesten gegen die Diktaturen in der Ära des Kalten Krieges zumeist eine tragende Rolle.

Das Interesse wäre zweifellos vorhanden: Der Publikumserfolg des neuen Museums ist enorm und übertrifft die kühnsten Erwartungen. Seit Eröffnung im Oktober zählte die Cité bereits im Januar über 70.000 Gäste. Tag für Tag drängeln sich mehrere hundert Besucher aller Altersgruppen durch die ständige Ausstellung. Beieindruckend ist vor allem der Erfolg beim jungen Publikum.

Ihre Familiengeschichte kennen Jugendliche aus Einwandererfamilien oft nur bruchstückhaft. Viele Eltern tabuisieren ihre Migrationserfahrung. Nicht zuletzt aus Scham wollen viele nicht über die erfahrenen Demütigungen durch die Aufnahmegesellschaft sprechen. So finden sie auch ihre Familiengeschichten in den "großen Erzählungen" des Einwanderungslandes meist nicht wieder. In der Cité findet die historische Migration erstmals an einem repräsentativen Ort Eingang in die Geschichtsschreibung eines europäischen Landes. Und dies ist bedeutsam. Die Geschichte der Migration mit dem herrschenden Diskurs über eine ominöse "nationale Identität" zu verbinden, entspricht zum Glück nicht der Lebenswelt Jugendlicher und ist wirklichkeitsfremd, genauso der Titel einer aktuellen Ausstellung in der Cité zur Geschichte armenischer Flüchtlinge "Reconstruire la Nation".

Die derzeitige Ausstellung ist zum Glück nicht auf Dauer angelegt. Das bietet die Chance, gesellschaftliche Veränderungsprozesse künftig im Kontext globaler Migrationsbewegungen stärker sichtbar werden zu lassen. Schließlich ist die programmatische Ausrichtung ein Aushandlungsprozess, ganz im Gegensatz zur Architektur des Kolonialpalastes.

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