Jahrgangsübergreifendes Lernen: Die Angst vor der neuen Lehre

Keine Frage spaltet die LehrerInnen so tief wie das jahrgangsübergreifende Lernen. Statt Paukunterricht für alle Schüler sollen die Lehrer individuelle Angebote machen.

Jül bedeutet bestenfalls: Weg vom Frontalunterricht, hin zum individuellen Angebot - aber mit welchem Personal? Bild: dpa

"Es geht mir gut. Wir warn beimeine Tante. Am Sontag. Da war auch meine Cusine. Wir haben Compiuter gespielt. Wir haben immer apgewechselt."

Filiz hat aufgeschrieben, was sie am Wochenende gemacht hat. Filiz liest vor, laut und flüssig. Hanna Rojczyk lobt sie. "Das hast Du richtig gut gemacht. Bald kannst Du Dir Arbeitslätter der Stufe drei nehmen". Die Mitschüler klatschen. Filiz strahlt.

Sie ist eine der Pfiffigen in der Gruppe, erzählt Hanna Rojczyk. Mit ihren sieben Jahren kann sie schon mehr als mancher Drittklässler. Aber Klasse eins bis drei gibt es seit diesem Schuljahr nicht mehr an der Karlsgarten-Grundschule in Neukölln. Die Übergänge sind fließend, Kinder von sechs bis neun Jahren lernen zusammen in zwölf gemischten Gruppen. Und Hanna Rojczyk ist keine Klassenleiterin sondern "Stammgruppenleiterin".

Jeden Schultag beginnt sie mit einem Morgenkreis, die 19 Kinder sitzen Stuhl an Stuhl, geben einen gelben Gummiball reihum und berichten, was sie erlebt und geübt haben. Manche haben etwas geschrieben wie Filiz, andere haben gemalt, sie müssen die Buchstaben erst noch lernen. Einer wiederholt gerade die erste Klasse. "Und kommt trotzdem nicht recht weiter", sagt Hanna Rojczyk. Für sie bringt die Mischung eine Menge Mehrarbeit: Sie muss den Unterricht nicht nur für einen sondern für drei Jahrgänge vorbereiten. Aber sie ist auch enthusiastisch. Legt sie doch die Grundlage für eine neue Art des Unterrichts, der offener ist und motivierender: "Es ist toll zu sehen, wie unsere Kinder sich anstrengen selbst zu lernen."

Das Land Berlin hält das jahrgangsübergreifende Lernen für ein zukunftsweisendes pädagogisches Konzept. Deshalb hat es 2004 per Schulgesetz beschlossen, dass die Kinder in den ersten zwei bis drei Jahren ihrer Schulzeit nicht mehr klassenweise unterrichtet werden sollen. Eigentlich sollte diese grundlegendste Reform der Grundschule seit 50 Jahren schon in diesem Jahr flächendeckend umgesetzt sein. Doch lediglich die Hälfte der über 400 Berliner Grundschulen macht mit. Deshalb hat die Senatsverwaltung die Frist auf unbestimmte Zeit verlängert. Nun kann die Schulkonferenz einer Schule sich einfach mit zwei Dritteln gegen die Einführung entscheiden und dies der Senatsverwaltung mitteilen. Das läuft darauf hinaus, dass die Schulen selbst entscheiden, wann sie die Reform umsetzen wollen.

Wie tief die Berliner Lehrerschaft in der Frage altersgemischter Lerngruppen gespalten ist, zeigt sich Mitte Februar in der Aula der Karlsgarten-Schule. Die Neuköllner Ortsgruppe der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die Kollegen eingeladen: Thema ist das jahrgangsübergreifende Lernen. Gekommen sind Lehrerinnen und Erzieher aus allen Teilen Berlin, der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch Robert Peiser, Lehrer an der Karlsgarten-Schule, meldet sich zu Wort: "Wir haben jahrgangsübergreifende Lernen vor einem Jahr freiwillig eingeführt..." - "Na ja, freiwillig", höhnt es vernehmlich aus der Mitte des Saales. "Ja, freiwillig", bekräftigt Peiser. Selbst im eigenen Kollegium ist das Jül, wie es abgekürzt heißt, bis heute nicht unumstritten.

Die meisten Neuköllner Grundschulen sind wie die Karlsgarten-Schule so genannte Brennpunktschulen, heißt: neun von zehn Kindern sprechen Deutsch nur als Zweitsprache, bei vielen Familien zahlt das Jobcenter die Miete. Die Mehrheit der Neuköllner Grundschulen hat das Jül bisher nicht eingeführt. Manchmal scheitert es am nötigen Platz, häufiger jedoch an mangelnder Überzeugung: "Viele unserer Schüler sind in ihren sozialen und intellektuellen Fähigkeiten erheblich eingeschränkt, sie wissen nicht, wie man selbständig lernt", meldet sich eine Lehrerin zu Wort in der Aula. Beifälliges Nicken. "Unsere Schüler neigen zu gewalttätigen Ausbrüchen. Sie brauchen Kontinuität und Verlässlichkeit, und das finden sie nicht in Gruppen, die nach einem Jahr wieder auseinander gerissen werden", meint eine andere. Zustimmendes Raunen. "Wir können unseren Eltern nur raten: 'Schickt eure Kinder auf Privatschulen! Die sagen nämlich, wir machen diesen bildungspolitischen Quatsch nicht mit'", rät die Schulleiterin einer Pankower Grundschule. Spontaner Applaus.

Der Adressat dieser Anwürfe sitzt auf dem Podium: Jürgen Zöllner, Berliner SPD-Bildungssenator seit gut einem Jahr, und selbstredend verantwortlich für alle Übel aus den letzten vier Reformjahren der Berliner Bildungspolitik.

Gerade der Erlass, das Jül einzuführen, bringt die Lehrer an den Rand ihrer Contenance und Lernbereitschaft. Verlangen ihnen jahrgangsgemischte Gruppen doch eine völlig neue Einstellung zum Beruf ab - einen Beruf, den die Vorsitzende der Berliner GEW, Rosemarie Seggelke vorsichtig als "strukturkonservativ" beschreibt. Ein Neuköllner Schulleiter wird deutlicher: "Hier geht es vor allem um berufsbedingte Sturheit und Reformangst." Viele Kollegen wollten den Paukunterricht nicht aufgeben, weil sie glaubten, was sie seit 20 Jahren praktizieren, sei prima. "Der einzelne Schüler soll ans Gruppenziel herangeführt werden, damit alle beim gleichen Datum stramm stehen - das ist doch grausame Schule. Und die können wir mit Jül überwinden."

Dialektisch gedacht soll die Zusammenlegung zweier Klassenstufen auch in eine neue Qualität des Lehrens münden. Der Pauker hinterm Pult ist nicht mehr gefragt. "Ich muss mich aus dem Unterricht viel mehr rausziehen", berichtet Rojczyk. Sie sei nun eher die Beobachterin, die Angebote unterbreitet.

Ist wie an diesem Tag eine zweite Lehrerin in der Klasse, gelingt es ihr leicht, ihre Schüler im Auge zu behalten, die sich mit ihren jeweiligen Aufgaben über Bänke, Tische und auf dem Boden verteilt haben. Ali, der hyperaktiv ist, übt mit der zweiten Lehrerin Regine Liekenbrok lesen. Zwei Mädchen haben sich mit Karteikarten auf den Fußboden gesetzt und fragen sich ab. Hassan beugt sich über sein Heft und schreibt eifrig und konzentriert.

Doch wenn Rojczyk allein ist, wird es kritisch. Manche Kinder können mit acht Jahren noch nicht mit einer Schere umgehen. Viele verstehen den Inhalt deutscher Bücher nicht. Drei kommen aus "sehr sehr schwierigen" Familienverhältnissen und haben eine Menge hinter sich. "Es sind kluge Kinder, sie brauchen aber Förderung auf allen Ebenen", erzählt Rojczyk. "Alles hängt davon ab, dass ausreichend Personal zur Verfügung steht."

Die Neuköllner Lehrerin befürchtet Einbußen. Denn der Bildungssenator plant, die Förderstunden, die bisher allein den Kindern aus nichtdeutschen Elternhäusern vorbehalten waren, ab September auch auf deutsche Schüler auszuweiten, deren Eltern langzeitarbeitslos sind. Das könnte die Schulen in Neukölln, im Wedding und in Kreuzberg Lehrer und Erzieher kosten. Rojczyk kann die Vorbehalte ihrer Kollegen daher zum großen Teil verstehen. "Der Senat will eine Reform zum Nulltarif. Alles lastet auf den Schultern der Lehrer."

Auf die Eltern kommt es an

Die Jül-Skeptiker unter den Kollegen bewegt noch eine andere Frage: "Wer garantiert uns denn, dass die Kinder tatsächlich erfolgreicher lernen?", richtet eine Lehrerin ihre Bedenken an das Auditorium in der Karlsgarten-Aula. Die Antwort bleibt aus. Noch gibt es keine. Sowohl in nationalen als auch in internationalen Untersuchungen ließen sich keine signifikanten Unterschiede in den Lernleistungen der Schüler feststellen, informiert der Grundschulverband über den Forschungsstand.

Erst in drei Jahren, wenn die berlinweiten Vergleichsarbeiten der Viertklässler anstehen, wird man sehen, ob die Jül-Anfänger von 2007 genauso weit sind wie ihre Kameraden an anderen Schulen. "Bis dahin sollte man es wenigstens versuchen." Diese Auffassung vertritt Wilfried Wolff von der Richard-Wagner-Grundschule in Lichtenberg.

Ein orangfarbener Schulbau aus der DDR-Serie "Polytechnische Oberschule". Funktional sollte er sein, an jahrgangsgemischtes Lernen dachten die Architekten nicht. Die Räume sind denn auch knapp, die Jahrgangsgruppen können kaum geteilt werden, wenn etwa für die jeweilige Stufe etwas Neues erklärt wird. Dennoch: "Das jahrgangsgemischte Lernen läuft gut", schätzt Wolff ein. Seit diesem Schuljahr gibt es sechs altersgemischte Lerngruppen. Die Schule hatte schon vorher Förderstunden für Hochbegabte im Angebot und lockte mit diesem Konzept bildungsbewusste Mittelschichtler an. Skeptisch waren anfänglich eher die Eltern der Zweitklässler, die glaubten, ihre Kinder würden im Verein mit den Erstklässlern zu kurz kommen, berichtet Schulleiter Wolff.

Also holte die Schule sie mit ins Boot - Eltern, Lehrer und Erzieher gründeten eine Arbeitsgemeinschaft Jül, die das Jahrgangsübergreifende Lernen überwacht und dokumentiert. Die Bilanz nach einem halben Jahr fällt positiv aus. "Wenn Herr Zöllner jetzt sagt: 'Wählen Sie!', dann würden wir uns wieder für das jahrgangsübergreifende Lernen entscheiden", erzählt Wolff.

Rüpel werden ruhiger

In Neukölln kann Rojczyk die ersten unmittelbaren Erfolge von Jül am Geräuschpegel messen: "Vor allem das soziale Klima hat sich verbessert. Ahmed, der hat sich in seiner Klasse nur geprügelt. Hier nehmen die Großen mehr Rücksicht, auch auf die Kleinen." Es sind eben nicht mehr 21, sondern nur noch 7 Drittklässler in einer Stammgruppe und müssen sich beweisen, wer der Boss ist.

Die Lernfortschritte sind deswegen nicht sprunghaft gestiegen: "Im Mathebuch sind wir ganz schön weit hinten", sagt Rojczyk. Aber sie bleibt gelassen. Die Erstklässler, die von Anfang an jahrgangsgemischt unterrichtet werden, seien viel selbständiger als ihre Mitschüler, die zwei Jahre Frontalunterricht hinter sich haben. "Rückstände holen sie ganz schnell wieder auf." Denn die Kinder lernen hier zu lernen. "Wichtig ist, dass sie von Anfang an mitbekommen, wieviel Spaß das macht."

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