Faule Eier auf neue Autoritäten

Frankreich vor 40 Jahren: Wie die Bewegung 22. März den Campus von Nanterre lahmlegte und welchen Anteil die Situationisten daran hatten.

Krawalle bei den Pariser Maiunruhen 1968. Bei der Besetzung der Uni Nanterre am 22. März nahm die Revolte ihren Anfang. Bild: ap

Im kalten Januar von 1968 waren Meldungen über gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und streikenden, vornehmlich jugendlichen Arbeitern in Frankreich ein Signal der Überschreitung, das sofort kriminalisiert wurde. Brennende Autos, Barrikaden, Steine in den Gebäuden der politischen Verwaltung - die Bilder kamen aus Kleinstädten in der Provinz, und mit allen Zeichen der Abscheu präsentierten die Medien das Unheil dem Publikum. Ganz so wie heute, wenn die französische Vorstadt auf die alltägliche Gewalt des Staates antwortet.

Schon damals standen die Randalierer im Abseits, aber sie hatten noch Arbeit, in den Fabriken am Rand der Städte. Natürlich nahm nicht jeder diese Botschaft mit der verordneten Ablehnung auf. Die Mitglieder der Situationistischen Internationale hatten in ihrer Zeitschrift sogar die Aufstände, die 1965 in den schwarzen Elendsvierteln der USA ausgebrochen waren, als eine moderne Kritik an der Warengesellschaft dargestellt.

1966 begannen die Situationisten, ihre Thesen an den französischen Universitäten zu verbreiten. Ihr erfolgreiches Pamphlet "Über das Elend im Studentenmilieu" machte vor allem die Studenten selbst lächerlich, deren Anpassungsfähigkeit, Bereitschaft zur Unterordnung und soziale Dummheit, die sich als beredtes Geschwätz über die Produkte der Kulturindustrie etablierte. Ein geradezu ideales Terrain bot sich den Situationisten in Nanterre, einem neuen Universitätskomplex, der 1964 in der Pariser Vorstadt seinen Betrieb aufgenommen hatte. Die moderne Anlage lag zwar Richtung Westen und war insofern den reichen Vororten zugeordnet, aber dennoch spiegelte sie die Politik der Vertreibung, die in Paris im Laufe der 60er Jahre in Fahrt kam.

Die ärmere Bevölkerung wurde systematisch über die Stadtgrenzen hinaus in Neubauviertel abgeschoben, in hässliche und billig zusammengeschusterte Wohnsilos, irgendwo im Niemandsland hochgezogen. Kulturelle Angebote gab es dort überhaupt nicht, und auch die übrige Versorgung war skandalös - es ist das solide Fundament der Verachtung, mit dem die politische Klasse Frankreichs ihre Ordnung diktiert (und mit dem sie sich ein Problem in den banlieus geschaffen hat, das sie seit Anfang der 90er Jahre nur mehr durch erhöhte Gewalt zu beantworten weiß).

Anlass für Streit gab es in Nanterre genug, auch außerhalb der Lehre, wie etwa die strikte Geschlechtertrennung in den Studentenwohnheimen, das Verbot, sich nachts in den Gebäuden herumzutreiben, die dem anderen Geschlecht vorbehalten waren. Dort kam es zu den ersten kollektiven Besetzungen. Verschärft wurden die Situation auch direkt in den Seminaren und Vorlesungen. Moderne und jüngere Soziologen sollten in Nanterre ihr nützliches Wissen vermitteln. Die Situationisten machten sich diese Reformfiguren zur Zielscheibe ihrer Kritik. Systematisch behinderten sie den Lehrbetrieb, provozierten die neuen Autoritäten, notfalls mit faulen Eiern, und brachten sie dazu, die harte Grundlage ihres Wissen preiszugeben: dass sie einige wenige Zuhörer zu gehorsamen Funktionsträgern der Industrie ausbildeten; für die meisten gab es ohnehin keine Perspektive.

So vermehrten die Konfliktherde sich ständig, und die Polizei stand immer häufiger auf dem Campus. Es bedurfte nur einer kleinen, entschlossenen Gruppe, die das Selbstbewusstsein aller demonstrierte und jedes Kompromissangebot durchkreuzte. Nanterre war schließlich ein Schauplatz, der von Tag zu Tag in die Nachrichten kam. Zum militanten Widerstand gegen Polizeigewalt gehörte vor allem die Technik, Gebäude der Verwaltung zu besetzen und sie zum Forum der eigenen Diskussionen zu machen. Am 21. und 22. März produzierten die Konflikte wieder den Anlass für eine Besetzung, doch diesmal begriffen die Studenten ihre Versammlung als Ausgangspunkt einer eigenständigen Organisation.

Langsam kam die Dynamik der Ereignisse zum Vorschein. Nun sahen die Akteure selbst, hier und da in verschiedenen politischen Organisationen engagiert, das Zentrum ihrer Praxis nicht mehr in ihren Zirkeln, sondern in den Ereignissen auf dem Campus, in der "Bewegung des 22.März". Keine zwei Monate später griff die Praxis der Besetzungen auf die Sorbonne über. Plötzlich war sie im Zentrum Frankreichs, und dann flammte sie - zur Überraschung aller Beteiligten - in den Fabriken auf. Die Besetzung wurde zum strategischen Kern des ersten wilden Generalstreiks. Überall im Land drangen die Arbeiter in die Verwaltungsgebäude der Fabriken ein, setzten ihre Chefs fest, die Funktionäre, die von den Universitäten gekommen waren, und legten ihnen ihre eigenen Ansichten vor.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de