Kommentar CSU: Das bayerische Missverständnis

Stoiber weg, Transradpid weg, Wirtschaft wackelig: Die CSU hat schon bessere Zeiten erlebt. Nun laufen auch noch die Wähler weg. Die Ursachen dafür liegen allerdings tiefer.

Letztes Jahr noch war die CSU glücklich. Nach quälenden Querelen hatten Erwin Huber und Günther Beckstein endlich Edmund Stoiber abgelöst, der Transrapid war beschlossene Sache, und die Wirtschaft florierte wie lange nicht. Nur ein halbes Jahr später ist die Freude dahin: Finanzminister Huber muss Ausfälle der Bayerischen Landesbank in Milliardenhöhe verantworten, der Transrapid ist endgültig Vergangenheit und die parteiinterne Kritik an Huber und Ministerpräsident Beckstein nicht zu überhören.

Schlimmer noch: Die Wähler laufen der CSU davon. Bei den Kommunalwahlen Anfang März musste die Partei herbe Verluste einstecken. Und Umfragen deuten an, dass die CSU bei den Landtagswahlen im Herbst 10 Prozentpunkte einbüßen könnte. Das hat sicher mit dem schwachen Führungsduo Beckstein/Huber zu tun. Doch die Ursachen liegen tiefer.

Die CSU erlebt jetzt das, was die anderen Parteien, allen voran die SPD, schon längst erlebt haben. Die klassischen sozialen Milieus lösen sich auf. Heute ist jeder Wähler irgendwie ein bisschen sozialdemokratisch, ein bisschen neoliberal, ein bisschen christlich und ein bisschen grün. Die Auflösung der Milieus wird zudem durch ein Grundmissverständnis unserer Gesellschaft verschärft: Wir leben zwar in einer modernen Kooperations- und Verhandlungsdemokratie, aber Politiker und Medien tun gern so, als gäbe es noch charismatische Patriarchen, die zielstrebig und kühn politische Projekte entwerfen und durchboxen. Solche wie Franz Josef Strauß eben oder, in geringerem Maße, Edmund Stoiber.

Nur: Weder ist deren Politikstil heute noch möglich, noch waren sie die großen Macher, zu denen sie im Rückblick verklärt werden. Ihre Krisen, die wirtschaftlichen Fehlentscheidungen und uneingelösten Wahlversprechen sind vergessen, weil sie trotzdem ein Gefühl der Sicherheit vermittelt haben.

Das wird künftig weder Beckstein/Huber gelingen noch einem anderen CSUler. Die Partei muss sich darauf einstellen, ihre absolute Mehrheit zu verlieren - wenn nicht bei diesen Landtagswahlen, dann bei den nächsten. Und das wäre für Bayern nicht das Schlechteste.

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