Zweiklassensystem Bildung: Halb Madrid lernt privat

Knapp die Hälfte aller Schulen um Madrid sind in privater Hand. Öffentliche Ausgaben für Bildung liegen derweil auf einem Tiefstand. Die Auswirkungen sind nur schwer messbar.

Sechs von sieben Neueingeschulten gehen auf Privatschulen - 80 Prozent der Migranten nicht. Bild: dpa

MADRID taz An Madrids Schulen hängt der Haussegen schief. Die konservative Landesregierung unter der regionalen Vorsitzenden der Partido Popular (PP), Esperanza Aguirre, bringt mit ihrer neoliberalen Schulpolitik, die sie gerne als Vorbild für Gesamtspanien verkauft, Lehrer und Eltern gegen sich auf. Vergangene Woche streikten 80 Prozent des Schulpersonals für einen Tag. Es ging dabei nicht um mehr Lohn, sondern gegen die zunehmende Privatisierung des Schulsystems. "Die Bildung verkauft man nicht!", heißt das Motto der Proteste. Für Ende des Monats ist ein weiterer Streiktag angesetzt.

Die Situation der freien Schulen ist in Deutschland eine ganz andere als in Spanien. Es gibt nur wenige - und sie werden stark benachteiligt, formell heißen sie auch nur "Ersatzschulen". Gerade versucht der Bundesfinanzminister auch noch die Möglichkeiten abzuschaffen, das Schulgeld steuerlich abzusetzen. Das wird die Situation der freien und privaten Schulen weiter verschlechtern. In Deutschland lernen nur 7,3 Prozent der SchülerInnen an nichtstaatlichen Einrichtungen - das bedeutet seit dem Jahr 2000 eine Steigerung um 17 Prozent. Freie Schulen erhalten staatlichen Zuschüsse, diese decken aber nur 50 bis 90 Prozent der tatsächlichen Kosten.

"Die Schulbildung ist in Madrid zu einer Ware verkommen", beschwert sich Isabel Galvín, Aktionssekretärin der Madrider Lehrerverbandes der größten spanischen Gewerkschaft CCOO. Nirgends in Spanien gibt es so viele Privatschulen wie im Land Madrid. Über 40 Prozent der Grund- und Hauptschulen werden von privaten Unternehmen betrieben. Die Regionalregierung finanziert sie - anders als in Deutschland - zu 100 Prozent. In der Hauptstadt selbst sind sogar sechs von zehn Schulen in der Hand von meist religiösen Unternehmern und Verbänden. Zum Vergleich: In ganz Spanien liegt der Anteil der Privatschulen bei knapp 24 Prozent - mehr als dreimal so viel wie in Deutschland.

Der Anteil der öffentlichen Schulen nimmt gleichzeitig stetig ab. Wo neue Stadtteile entstehen, vergibt die Regierung Aguirre Baugelände an kirchliche Organisationen, um Schulen zu errichten. Der Preis liegt weit unter dem Marktwert. Oft werden die Grundstücke sogar kostenlos überlassen. "Wahlfreiheit für die Eltern", heißt das Schlagwort, mit dem die Konservativen diese Politik anpreisen. Es würde die Qualität der Ausbildung erhöhen, wenn die Eltern zwischen öffentlichen und privaten Schulen wählen könnten.

Das Schulsystem wird so zum Zweiklassensystem. Die Privatschulen wählen ihre Schüler aus. Immigrantenkinder und die Sprösslinge aus armen Elternhäusern bleiben außen vor. Ihnen steht nur das öffentliche Schulsystem offen, das so - vor allem in den städtischen Ballungsgebieten - zum Ghetto verkommt. 80 Prozent der Einwandererkinder gehen auf die öffentliche Schule. Während insgesamt sechs von sieben neuen Schülern in der subventionierten privaten Einrichtungen eingeschult werden.

"Die Qualität des Schulsystems sinkt durch diese Politik", erklärt Gewerkschafterin Galvín. "Denn wo die öffentlichen Schulen systematisch demontiert werden, müssen die Privatschulen immer weniger tun, um konkurrenzfähig zu sein."

Geringe Ausgaben im Bildungsbereich verschärfen die Entwicklung noch. Während des Inlandsprodukt der Region Madrid über dem europäischen Durchschnitt liegt, hinkt sie beim Bildungsetat rund 30 Prozent hinterher. Gerade einmal drei Prozent des regionalen Sozialprodukts kommt den Schulen zugute. Die OECD empfiehlt sechs Prozent. Madrid, Spaniens reichste Region, liegt damit am unteren Ende des innerspanischen Rankings. Das Ergebnis ist eine Schulabbrecherquote von 22 Prozent. In manchen Gegenden sind es bis zu 35 Prozent. Nirgends in Europa erreichen so wenige Schüler den Hauptschulabschluss wie hier.

Dennoch sind die Ergebnisse privater und öffentlicher Schulen durchaus paradox. Die Eltern glauben bis heute, dass die Zukunftschancen auf einer katholischen Schule größer sind. "Das stimmt nur zum Teil", sagt Gimeno Sacristán. Oft sei das Ergebnis der Privaten tatsächlich besser als das der Öffentlichen - im Durchschnitt. Der Professor für Didaktik an der Philosophiefakultät der Universität Valencia hat das Schulsystem in ganz Spanien untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, "dass die wirklichen Spitzenschüler, die an der Uni die besten Abschlüsse machen, meist aus dem öffentlichen System kommen". Dies liege nicht zuletzt daran, dass die Lehrer an den öffentlichen Schulen komplizierte staatliche Aufnahmeprüfungen bestehen müssen, während die Privatschulen einstellen, wen sie wollen. Da sie auch noch schlechter bezahlen, und die Arbeitsbedingungen nicht mit denen eines Beamten zu vergleichen sind, geht wer kann in den Staatsdienst.

"Die beiden Systeme unterscheiden sich nicht nur, was die soziale Herkunft der Schüler angeht, sondern auch in der ideologischen Ausrichtung der Bildung", weiß José Gimeno Sacristán. Über 90 Prozent der subventionierten Privatschulen sind in der Hand von erzkatholischen Verbänden und Unternehmen. "Das zweigeteilte Schulsystem ist ein Erbe der Franco-Diktatur", erklärt Gimeno Sacristán. Die religiösen Privatschulen entstanden einst, um die Eliten der Diktatur auszubilden.

Alonso Gutiérrez, verantwortlich für eine Bildungsreform in Kantabrien, hingegen sagt: "Es geht auch anders als in Madrid." Seit fünf Jahren regiert hier im spanischen Nordwesten die sozialdemokratische PSOE. "Wir fördern gezielt die öffentliche Schulen", erklärt Gutiérrez. Die Bildungsausgaben stiegen seit 2003 um knapp 40 Prozent. 1.000 neue Lehrer wurden unter Vertrag genommen. Wo neue Stadtteile entstehen, werden öffentliche Schulen gebaut statt private zu fördern. "Wenn wir die Statistiken bereinigen, das heißt die Herkunft der Schüler mit in Betracht ziehen, stehen die Schüler an den öffentlichen Schulen denen an den Privatschulen um nichts nach", berichtet Gutiérrez.

Ein solcher Vergleich ist in Madrid nicht möglich und wohl auch nicht gewünscht. Denn die Konservativen, die sich die Qualität der Schulbildung auf die Fahnen geschrieben haben, setzten vor zwei Jahren die Beteiligung der Madrider Schüler an der international anerkannten Pisastudie ganz einfach aus.

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