Die Eurokolumne: Hauptsache, Mutter freut sich

Noch vier Wochen bis zur Fußball-EM: Im angespannt ruhigen Zürich interessieren sich die eigenen Eltern seit Renteneintritt für Fussball. Sie schwärmen aber für den falschen Verein: Basel.

Die letzten zwei Wochen habe ich tagsüber zwischen Umzugskartons und Staubflocken verbracht und mich nachts im geduschten Glanz des Berliner Theatertreffens herumgetrieben.

Das Theatertreffen repräsentiert die Champions League deutschsprachiger Schauspielkunst. Und am Schluss von Thomas Ostermeiers eleganter Bühnenadaption des Fassbinder-Films "Die Ehe der Maria Braun" hört man den Fernsehkommentar von 1954, als Deutschland das WM-Endspiel in Bern gewann. Das war auch schon alles, was mir Sportliches in den Sucher kam. Ich dachte, bestimmt liegt diese Fußballstille - so kurz vor dem EM-Start - bloß an meiner Berliner Kultur- und Kisten-Klausur. Der Laden muss doch brummen zu Hause! Die gute alte Telefonrecherche zu schlechten Roaming-Preisen sollte mich eines Besseren belehren. Und die gute alte Phrase auf den Plan rufen: Es herrscht Ruhe vor dem Sturm. Bildlich wie sportlich gesprochen. Zum Schweizer Nati-Sturm später.

Knallhartes Nachfragen hat dann doch die eine oder andere Fußballflamme ans Licht gezerrt. Zum Beispiel bei der Mutter am Muttertag. Seit meine Eltern in Rente sind, finden sie auf einmal Gefallen am Fußball im Fernsehen. Somit wusste ich nicht wirklich genau, wie es meinen Eltern geht.

Aber ich habe bis ins Detail erfahren, warum der FC Basel gegen die Young Boys Bern vor einer Woche Schweizer Meister geworden ist und wo die Fans wie lange gefeiert haben. Jedes Tor sei schön gewesen, von verdient brauche man ja gar nicht reden, meinte Mutter. Sie sagte dies mit einer stimmlich noch nicht mal ironischen Miene, die an Provokation grenzte. Denn ungesagt blieb in dieser zeitverzögerten Sportreportage, dass der FC Zürich - mein Verein - nach zwei Titeln in Serie nicht mehr Meister ist.

Meine Eltern haben seit jeher einen Basel-Fimmel, ganz egal, ob Kunst, Theater, Kulinarik oder neuerdings eben Fußball. Zwischen Basel und Zürich herrscht in etwa das gleiche Verhältnis wie zwischen Schweizern und Deutschen (die Zürcher wären dann die Deutschen: also schneller sprechend, großstädtischer - ach was: klüger!). Das einzige Problem in diesem überholten Städtekampf ist der Trainer des FCB: Christian Gross kommt aus Zürich-Höngg. Und leider entspricht er auch ziemlich genau dem Bild des Hauptstädters, pardon, Zürchers. Schnittige Anzüge, eine Naturglatze, die nach Lifestyle-Glatze aussieht, Whisky und Zigarre. Man sieht ihn bisweilen auch im Zürcher Trendviertel Kreis 5 am Tresen stehen. Oder im mittelständischen Höngg, wo ihn ein vorlauter Freund von mir auf der Straße mit den Worten ansprach: "Aha, Prominenz im Quartier!" Christian Gross knallte die Autotür zu und erwiderte in lockerem Kasernenton: "Das isch … richtig!"

Aber zurück zu Muttern. Sie schwärmte also bildlichst von diesem 19-jährigen Basler Offensivspieler Valentin Stocker. Auf meine Frage, ob denn Jakob "Köbi" Kuhn, der Schweizer Nationaltrainer, diesen Stocker aufstellen werde, kam ein schnelles und auch ein Tick gelangweiltes "keine Ahnung". Weitere Telefonate und preiswertes Surfen machten aus meiner Mutter einen relativ repräsentativen Schnitt: Die Euro scheint auch außerdem des familiären Umfelds gerade wenig Betriebshitze freizusetzen.

Die Ruhe vor dem Sturm wird aber kaum halten. Schon gar nicht im Sturm selbst, jetzt als Offensive der Schweizer Mannschaft verstanden. Captain Alex Frei war schon besser in Form und bei Borussia Dortmund auch schon präsenter als in der abgelaufenen Saison. Und seit Marco Streller wieder in der Schweiz kickt - äh, bei Basel -, spielt und trifft er sogar das Tor. Aber wenn ich mich richtig erinnere, heißt das kommende Turnier Europameisterschaft.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de