Musik made in China: Cantopop, Mandopop, Cutiepop

Wenn 1,3 Milliarden Chinesen auf einen Musiktrend abfahren, klingelt bei den Plattenlabels kräftig die Kasse. Bislang konnten Emi und Co. das Reich der Mitte aber nicht knacken.

Zuckersüßer Mandopop Bild: dpa

Bereits im Taxi vom Flughafen zum Hotel macht sich Ernüchterung breit: Der Fahrer mit dem topmodernen Schirmmützchen legt eine CD mit Hits aus den Achtzigern ein, Songs von Elton John über Phil Collins bis Jennifer Rush. Palmen, heruntergekommene Hochhäuser und die knallbunten Leuchtreklamen Hongkongs sausen leider ohne den erhofften Cantopop-Soundtrack an uns vorbei.

Cantopop, jene sacharinsüße Musik "made in Hongkong", die noch vor wenigen Jahren aus allen von chinesischen Communitys betriebenen Radios und Karaokelokalen, rund um die Welt dröhnte, steckt in einer Krise: Darüber drehen sich anderntags auch alle Gespräche und Panels der Musikkonferenz "Music Matters". Dieses Forum wird von den Hongkong-Niederlassungen der drei übrig gebliebenen Global Player des Musikgeschäfts - EMI, Warner und Universal - ausgerichtet. Seit einem Vierteljahrhundert versuchen sie schon, den lukrativen asiatischen Markt abzuschöpfen. Man wird den Eindruck nicht los, als haben sie es sich vor allem in Hongkong gemütlich gemacht, um sich nun während dreier Tage Mut zuzusprechen. Längst steht Cantopop nämlich in Konkurrenz zu den Schlagern aus der Volksrepublik China. Und der chinesische Markt ist bislang auch nicht mal ansatzweise von Hongkong aus unter Kontrolle gebracht worden. So schwankt die Stimmung auf der Konferenz auch zwischen Durchhalteparolen und Zweckoptimismus.

Das Panel mit dem Titel "Markets that Matter: China - Breaking an Artist in the Middle Kingdom" sticht aus dem Veranstaltungsangebot allein schon durch seine Show heraus. Vor die Zuschauer treten unter großem Getöse, Lightshoweffekten und spuckender Nebelmaschine gewichtige Redner auf die Bühne: Rob McDermott, Manager der amerikanischen New-Metal-Band Linkin Park, die kürzlich eine erfolgreiche China-Tour absolviert haben, und Calvin Wong, Vizepräsident von Warner Music Asia. Prompt beginnen sie zu streiten: Das Reich der Mitte sei nicht nur Schatzkästlein voller kreativer Inspiration, sondern auch ein Kuchen, den man anschneiden müsse, behauptet der erfolgsgeile Manager von Linkin Park. Calvin Wong lehnt sich zurück und antwortet süffisant: "Theres no business right now."

In "Mainland China", wie China von Hongkong aus gern genannt wird, als liege es auf einem anderen Kontinent, existiert jedoch nach wie vor kein Urheberrecht. Ohnehin ist Musik-Piraterie als Geschäft viel einträglicher. Die großen Plattenfirmen siedeln sich daher gar nicht erst auf dem Festland an. Lokale Lizenznehmer in Peking und Schanghai bieten statt Einsicht in ihre Bilanzen einmalige Ablösesummen, die einer Firma der Größe von Warner Music gerade einmal die Kaffeekasse füllen dürften. Hinzu kommt, dass China nach überstandener Kulturrevolution in den Achtzigerjahren, im Goldenen Zeitalter des Cantopop, ausgehungert war nach den Verheißungen der Schlager voller Liebe und Leid. Heute aber, wo der längst Appetit gestillt ist, funktioniert die chinesische Musikindustrie unter dem Stichwort Mandopop besser denn je. Karaokesänger in China singen statt in Kantonesisch, einer Sprache, die sie nicht verstehen, lieber auf Mandarin, weil sie da viel besser schmachten können.

China gilt Bewohnern Hongkongs als ernste popkulturelle Bedrohung. Der Hunger der Festlandchinesen auf alles Neue verunsichert die florierende Wirtschaftsmetropole und stellt ihre traditionelle Selbstzufriedenheit in Frage. So sieht das auch Tan Chang, Manager von Hummingbird Music, einer der wenigen unabhängigen Schallplattenfirmen der Stadt. Die Tage von Cantopop seien gezählt, sagt er in gepflegtem Oxford-Englisch und empfiehlt ein Konzert der Schanghaier Band The Honeys, die am Abend tatsächlich durch ihre Bühnenpräsenz überzeugen. Man müsse sich schon auf andere Methoden stützen, um heute einigermaßen wahrgenommen zu werden, meint Tan Chang.

Anderntags in seinem Büro, im sechzehnten Stockwerk eines Hochhauses, erklärt er auch den Grund: Songs auf Kantonesisch zu schreiben sei eine Kunst, die im Cantopop zunehmend vernachlässigt worden sei. Im Kantonesischen gibt es neun Tonhöhen, also fünf mehr als in Mandarin. Es sei also schwer, so zu texten, dass die Töne auch in die Melodien passen. Als der Cantopop unter Schanghaier Exilanten in der damals britischen Kronkolonie Hongkong der Sechzigerjahre entstanden ist, war er noch eine Melange aus westlichen Einflüssen, von Elvis bis zu den Beatles und den musikalischen Techniken der Kantonoper. Trotz aller Lieblichkeit der Melodien unterscheidet sich Kantopop aber fundamental von dem Chartsfutter, das in unseren Breitengraden im Hitradio läuft.

Heute aber ist Cantopop nur noch vulgär und seicht, sagt Tan Chang, der in seinem zerschlissenen Designer-Sakko äußerst attraktiv wirkt. Cantopop-Helden wie Andy Lau oder Miriam Yeung würden darum besonders von jüngeren Hörern eher belächelt. "Meine Bands singen nur im Notfall, also aus Marketinggründen, Kantonesisch. So werden sie hier auch von allen wahrgenommen", sagt Tan Chang. "Lieber singen sie auf Mandarin oder auf Englisch." Dann schiebt er zur Demonstration eine CD in seinen nagelneuen Apple-Computer, und endlich erklingen die becircenden Melodien und hellen Stimmchen, die man einfach hören will, wenn man Hongkong besucht - und dabei ist völlig zweitrangig, dass hier kaum auf Kantonesisch gesungen wird. Aber, so fragt sich der westliche Besucher: "Ist das denn überhaupt noch Indie?"

Indie ist in Hongkong ein Begriff, der Verwirrung stiftet, meint Tan Chang. In Hongkong bedeutet Indie weniger, mit rebellischen Gesten und schrägen Sounds auf sich aufmerksam zu machen, als, ganz unabhängig von den Großen, etwas Anderes zu wagen. Eher soll der Cantopop neu definiert werden und einer urbanen Schicht von gebildeten und gut verdienenden White Collars zugänglich gemacht werden. Ganz egal, ob sie in Hongkong, China, Taiwan oder Chinatown New York leben.

Mitten im Hongkonger Ausgehviertel Soho jedenfalls, wo sich nach Feierabend junge Banker und Wirtschaftsstudenten aus England, Frankreich und Australien amüsieren, liegt auch der Kulturladen Fringe Club, der neben Theater und Kunst "Hong Kong live" eingerichtet hat, einen regelmäßigen Abend für kleinere Lokalbands. Heute sind Elf Fatima, 22 Cats und Pixel Toys annonciert - und entgegen der Werbung im Programmheftchen, wo sie mit Sonic Youth, Pink Floyd und Mogwai verglichen werden, kommt hier vor allem auf seine Kosten, der einfach etwas anderes hören will als das, was er auch zu Hause bekommt.

Neben den leicht schrullig charmanten 22 Cats, die an ihren Gitarren x-beinig wirken, bestechen vor allem die Pixel Toys, eine Art fernöstliche Stereo Total nach einem Weichspülgang. Die Sängerin rockt, der Gitarrist trägt eine coole Sonnenbrille und macht ein wenig Lärm, im Hintergrund knurrt verwegen etwas Elektronik und dennoch löst sich am Ende alles in sentimentalen Melodien auf. Man ist versucht, zu sagen: Egal ob Indie oder nicht und trotz aller Bedrohung, die vielleicht zwischenzeitlich von China ausgehen mag: Cantopop lebt und heißt jetzt Cutiepop. Solange er weder nach Sportstadien klingt noch nach durchzechten Nächten in rauchfreien Clubs in New York und London, so lange können westliche Besucher auch beruhigt nach Hause fahren. In Hongkong haben die Dinge noch immer mehr Ordnung als in anderen Megacitys in dieser globalisierten Welt.

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