Biometrische Kontrolle im Alltag

Gestohlene Finger

Längst gehören Zugangskontrollen per Fingerabdruck zum Alltag, und die Biometrie-Industrie feiert ihre Wachstumszahlen. Ist unsere Identität das begehrteste Diebesgut der Zukunft?

Seit 2003 sind in Deutschland rund 900 Videotheken mit Ausleihautomaten entstanden, an denen sich Mitglieder mit ihrem Fingerabdruck identifizieren müssen. Bild: ap

Der Scanner lässt nur die mit dem richtigen Finger rein. Um vom Zugangssystem der Bibliothek akzeptiert zu werden, müssen die Schüler des Hamburger Heilwig-Gymnasiums ihren Fingerabdruck hinterlassen. Gleichzeitig speichert das System, wer wann wie lange in der Schülerbibliothek war - um mögliche Diebe und Vandalen unter den Kids ermitteln zu können.

Sorge um den Datenschutz macht sich die Schule keine. "Das ist eine völlig unverdächtige Geschichte", versichert Peter Klix vom Schulleitungsteam. "Die Fingerabdruck-Daten lassen sich nicht für andere Zwecke verwenden." Die Schule kann sich eine Aufsicht nur an zwei Tagen leisten. Und ohne Aufsicht, so die Angst der Schulleitung, könnten Bücher geklaut und Rechner ruiniert werden. Also installierte die Schule im vergangenen Jahr den Fingerabdruckscanner.

Mit Unwohlsein sieht das der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar: "Der Fall der Hamburger Schule ist problematisch", sagt Schaar. Bei Kindern rate er zu besonderer Vorsicht, denn biometrische Merkmale blieben lebenslang der Person zugeordnet. Es bestehe die Gefahr, dass sich Kriminelle heute aus den schlecht gesicherten Datenbanken die digitalisierten Fingerabdrücke besorgen würden, glaubt der oberste deutsche Datenschützer. "Später könnten sie missbräuchlich verwendet werden."

Zugangskontrolle per Fingerabdruck, Gesichtserkennung, Iris-Scanner: Sogenannte biometrische Verfahren wie diese tauchen in der Öffentlichkeit meist nur auf, wenn Politiker im Kampf gegen den Terror die Notwendigkeit immer neuer Sicherheitsmaßnahmen beschwören. Seit November 2007 werden auf Chips in den neuen Reisepässen die Daten von zwei Fingerabdrücken gespeichert. Das Speichern von Gesichtsdaten in dem Dokument ist sogar schon zwei Jahre älter. Kürzlich einigten sich SPD und Union, dass künftig auch auf den Personalausweisen Fingerabdrücke gespeichert sein sollen - vorerst allerdings noch freiwillig.

Doch während im Parlament noch diskutiert wird, ob der Staat mit den Fingerabdrücken im Ausweis seine Bürger unter Generalverdacht stellt, werden biometrische Techniken immer alltäglicher. In den vergangenen fünf Jahren sind in Deutschland rund 900 Videotheken mit Ausleihautomaten entstanden, an denen sich Mitglieder mit ihrem Fingerabdruck identifizieren müssen. Die rund 90.000 Dauerkarteninhaber des Zoos in Hannover werden beim Einlass von einem Gesichtsscanner überprüft. Und in rund 70 Edeka-Märkten können die Kunden ihre Waren inzwischen per Fingerabdruck bezahlen. Abgerechnet wird per Lastschrift.

Die Biometrie-Branche boomt. Der Branchenverband Bitkom schätzt, dass sich der Jahresumsatz von 120 Millionen Euro im Jahr 2006 auf rund 300 Millionen Euro im Jahr 2010 mehr als verdoppeln wird. "Diese Technologie ist einfach, für alle verständlich und bequem", sagt Lutz Neugebauer, Bereichsleiter Sicherheit bei Bitkom. "Die Nachfrage ist groß, insbesondere der Luftverkehr beschäftigt sich schon seit fast zehn Jahren intensiv mit den Möglichkeiten der Biometrie." Seine Zukunftsvision: Bald schon könnten an den Flughäfen lange Warteschlangen bei Grenzabfertigung und Check-In wegfallen, weil die Fluggäste nur noch ihren Finger oder ihr Auge in einen Scanner halten müssten.

Was die Industrie freut, beunruhigt Experten wie Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor und Leiter der Datenschutz- und Sicherheitsgruppe an der Technischen Universität Dresden. "Biometrie wird als harmloses Allheilmittel verkauft. Das ist aber falsch. Das Risiko des Missbrauchs ist enorm."

"Identitätsdiebstahl" ist das Wort, das die Mahner oft im Munde führen. Sie warnen vor einer nicht allzu fernen Zukunft, in der biometrische Merkmale wie Fingerkuppen, Iris oder Gesichtsform standardmäßig zur Identifizierung benutzt werden könnten - ob am Bankautomaten oder beim Einkauf im Supermarkt. Dann nämlich könnte bei Kriminellen das Interesse wachsen, sich die biometrischen Merkmale anderer Menschen zu besorgen. "Was ist, wenn jemand meine Fingerabdrücke dafür benutzt, um Geld von meinem Konto abzuheben?", fragt Datenschützer Schaar.

So kann man nach Ansicht von Experten etwa aus einem Fingerabdruck, den jemand auf einem Glas hinterlassen hat, relativ leicht eine Fälschung herstellen, mit der sich Fingerabdruckscanner täuschen lassen. Sekundenkleber, eine Digitalkamera und ein Tintenstrahldrucker sollen ausreichen, wie eine Bastelanleitung des Chaos Computer Clubs zeigt. Der Hacker-Club hatte jüngst mit der Veröffentlichung eines Fingerabdrucks auf sich aufmerksam gemacht, der von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble stammen soll.

Wenn Fingerabdrücke künftig in elektronischen Datenbanken von Schulen oder Zoos vorhanden sind, dann bräuchte es diesen Bastelaufwand vielleicht gar nicht mehr. Datendiebe könnten in die Archive eindringen und die Fingerabdruckdaten stehlen. Datenschützer halten es für denkbar, dass Terroristen falsche Spuren legen, indem sie beispielsweise biometrische Daten auf Bankautomaten in der Nähe von Anschlagsorten zurücklassen. "Das Problem ist, dass ich meine Fingerabdrücke nicht wechseln kann, wenn sie kompromittiert sind", sagt Peter Schaar. "Für die Betroffenen kann das gravierende Folgen haben."

Für die Biometrie-Branche bedienen solche Warnungen durchgedrehte Horrorfantasien: "Das Schreckenszenario von den vermeintlich leicht zu stehlenden Biometrien wird immer wieder thematisiert", sagt Bitkom-Sicherheitsleiter Neugebauer. Sein Verband kenne keinen Fall, in dem tatsächlich eine Identität gestohlen wurde und ein konkreter Schaden entstanden ist. Deswegen steht für Neugebauer fest: "Auch wenn ein solcher Fall theoretisch nicht auszuschließen ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass PIN-Nummern oder Passworte vergessen oder von Betrügern missbraucht werden, ist ungleich höher."

Und tatsächlich haben die Biometrie-Kritiker das Kassandra-Problem. Wie die antike Seherin Kassandra können sie nur Künftiges prognostizieren. Glauben mag den Datenschützern wie der trojanischen Königstochter jedoch derzeit noch kaum jemand, weil ihre Voraussagen nach düsterer Science-Fiction klingen. Und sollte tatsächlich etwas eintreffen, welches die Warnungen der Datenschützer belegen würde, wäre es bereits zu spät.

Um dieses Problem zu umgehen, fragen die Biometrie-Kritiker: Wel- ches Interesse könnten Kriminelle, Wirtschaftsunternehmen, aber auch der Staat haben, um mit biometrischen Daten Missbrauch zu betrei- ben? Auf diese Weise wollen sie Logik in die Debatte bringen. Freundlicher werden die Voraussagen dadurch nicht.

So sieht der kühle Informatiker Pfitzmann beispielsweise die Gefahr, dass Kriminelle eines Tages ganze Finger amputieren könnten, um ein Sicherheitssystem zu überwinden. Natürlich nicht, um in eine Schulbibliothek zu kommen, sagt Pfitzmann. "Aber was ist, wenn ein Krimineller mit diesem Finger in einen Computer eindringen, ein Auto stehlen, Bankkonten plündern und in ein Haus einbrechen kann?"

Zwar entwickelt die Industrie inzwischen auch Systeme, die erkennen können, ob ein Finger noch warm und durchblutet ist - und nicht abgetrennt und kalt. Aber auch das beunruhigt die Mahner nicht. "Sollte biometrische Lebenderkennung jemals funktionieren, dürfte Entführung oder Erpressung an die Stelle des Diebstahls von Körperteilen treten", schreibt Pfitzmann, der auch schon als Gutachter für die Online-Durchsuchung vor dem Bundesverfassungsgericht sprechen durfte.

Schulen hält Pfitzmann jedenfalls für Orte, die biometriefrei bleiben sollten - auch aus erzieherischen Gründen. "Die Schüler werden ansonsten zu einem Verhalten konditioniert, dass es unbedenklich ist, bei jeder Gelegenheit seinen Fingerabdruck abzugeben."

Doch genau in diese Richtung geht der Trend. In England scannen bereits mehrere hundert Schulen die Fingerabdrücke ihrer Schüler, um die Anwesenheit zu kontrollieren. Oder um das Essen in der Mensa abrechnen zu können.

Auch im badischen Offenburg können die Schüler inzwischen an den acht Ganztagsschulen in der Mensa per Fingerabdruck ihr Mittagessen bezahlen. Man wolle einen hochmodernen Weg gehen, heißt es bei der Stadt zur Begründung. Bargeld oder Karten können verlorengehen, der Finger nicht, heißt es bei der Herstellerfirma.

Doch der Datenschutzbeauftragte des Landes, Peter Zimmermann, sieht das Bezahlsystem per Fingerabdruck deutlich skeptischer. Seine Forderung: Wer will, muss auch weiterhin bar bezahlen können. Das haben die Schulen eingehalten, allerdings mit einer Ausnahme: Kinder aus Hartz-IV-Familien müssen, um ein ermäßigten Essen zu bekommen, per Finger bezahlen. Denn ansonsten würde jeder merken, dass ihr Essen nicht drei Euro, sondern nur ein Euro kostet. Diese Stigmatisierung wollte man ihnen ersparen. "Dafür werden sie nun zur Fingerabdruck-Bezahlung gezwungen", kritisiert Datenschützer Zimmermann.

Auch das deutet eine Entwicklung an, die Datenschützer und Techniker für möglich halten: dass Datenschutz für Menschen mit mehr Geld leichter zu haben ist als für Arme.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de