Debatte Ölpreis: Das unsichtbare Monster

Die Empörung über dramatische Preissteigerungen bei Erdöl und Lebensmitteln wächst. Spekulanten werden dafür verantwortlich gemacht. Aber keiner weiß, ob das stimmt.

Erst kam die Internetblase, dann die Immobilienblase und jetzt die Rohstoffblase - in unregelmäßigen Abständen wird die Weltwirtschaft von globalen Krisen erschüttert. Seit Anfang 2005 ist der Preis für Erdöl, in Dollar ausgedrückt, um rund 260 Prozent gestiegen. Mais ist um 200 Prozent teurer geworden, Soja um 150 Prozent - die Folgen für die globale Konjunktur, mehr noch aber für die Ernährung vieler Menschen sind unabsehbar.

Ungewöhnlich einig waren sich Politiker aus Nord und Süd am Sonntag auf dem "Ölgipfel" von Dschidda in Saudi-Arabien, als es darum ging, die Schuldigen am Ölpreishoch zu benennen: Es seien die Spekulanten, die ohne Rücksicht auf Verluste die Preise an den Rohstoffbörsen in die Höhe trieben. Die Finanzmärkte seien zum Monster geworden, meinte schon Bundespräsident Horst Köhler. "Spekulationssumpf trockenlegen", forderte nun Wirtschaftsminister Michael Glos in bester globalisierungskritischer Diktion.

Erstaunlich bei diesen forschen Tönen ist: Niemand scheint auch nur eine ungefähre Ahnung zu haben, ob die Preissteigerungen wirklich auf spekulative Aktivitäten zurückgehen - und wenn ja, in welchem Ausmaß das zutrifft. Die Finanzminister der G 8 haben den Internationalen Währungsfonds und die Internationale Energieagentur mit einer Untersuchung zu dieser Frage beauftragt, und der Kongress in den USA suchte Klarheit in einer Anhörung. Auch die US-Aufsichtsbehörde für den Rohstoffterminhandel (CFTC) wusste erst mal keine Antwort und hat eine Überprüfung eingeleitet.

Der Terminhandel dient vor allem dazu, dass sich Lieferanten und Käufer einer Ware gegen Preisschwankungen absichern. Der Bäcker verspricht beispielsweise schon jetzt einem Landwirt, im Herbst dessen Weizen zu einem fest vereinbarten Preis abzunehmen - gleichgültig, wie hoch der Marktpreis zum Liefertermin ist. Spekulanten wollen dagegen gar keine Ware geliefert bekommen, sondern nur von fallenden oder steigenden Kursen profitieren. In normalen Zeiten dienen sie als durchaus nützliches Scharnier, denn dadurch finden die Bauern und Bäcker stets einen Abnehmer für ihre Gebote.

Jetzt aber wollen plötzlich immer mehr an der Rallye teilnehmen: Hedgefonds, Pensionsfonds, Indexfonds und sogar Privatanleger, die mit Zertifikaten auf die Rohstoffpreisentwicklung spekulieren können. Etwa 200 Milliarden Dollar hatten Fonds Ende 2007 auf den Rohstoffmärkten angelegt - das sind 20-mal so viel wie noch zu Beginn des Jahrzehnts. Vier Monate später waren es schon 230 Milliarden, schätzte die britische Barclays-Bank. Die Papiere werden von einem Spekulanten zum nächsten weitergereicht und bei Fälligkeit gleich wieder in neue Kontrakte mit längerer Laufzeit umgewandelt. Nur noch ein winziger Teil der Deals hat etwas mit realen Warenlieferungen zu tun. Steigt aber dadurch auch der Preis der realen Waren, der Öl-Barrels oder Weizen-Bushels?

An dieser Stelle gehen die Meinungen auseinander. Jeffrey Harris, Chefökonom der Aufsichtsbehörde CFTC, verteidigt die Spekulanten: Ölkonzerne, Energieversorger oder Fluggesellschaften reagierten zuerst auf die Preisschwankungen. "Die Spekulanten nehmen dann nur die Gegenposition ein. Es gibt keinen Beweis, dass von der Veränderung spekulativer Kaufpositionen auch Preisveränderungen ausgehen." Spekulanten nehmen Preissteigerungen zwar oft vorweg und gehen dabei auch Risiken ein - Ernteausfälle etwa, wie jetzt durch die Überschwemmungen am Mississippi, oder Misserfolge bei der Ölsuche müssen sie einkalkulieren. Aber irgendwann wird jeder Terminkontrakt fällig, die Ware wird geliefert. Wer regelmäßig viel mehr für die Papiere zahlt, als sich hinterher mit den Rohstoffen erlösen lassen, wäre bald pleite.

Ein weiteres Argument kommt von den Analysten der Investmentbank Lehman Brothers: Wenn Spekulanten schuld sind, müssten in erster Linie diejenigen Rohstoffe teurer werden, mit denen viel spekuliert wird. Aber weit gefehlt: Bei Rohstoffen wie Eisenerz oder Reis, die so gut wie gar nicht an den Terminbörsen gehandelt werden, seien die Preise genauso heftig gestiegen.

Die Spekulationskritiker halten dagegen, dass Knappheit als Erklärung für die Preissteigerungen einfach nicht tauge. Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern und der Boom bei den Biotreibstoffen hätten zwar die Nachfrage nach Öl und nach vielen Ackerfrüchten in die Höhe getrieben - aber doch bei weitem nicht in einem Ausmaß, das eine derartige Preisexplosion an den Terminbörsen, wie sie derzeit zu verzeichnen sei, in irgendeiner Weise rechtfertigen könnte. Ihre Schlussfolgerung: Anscheinend hätten sich Finanzmärkte und Realwirtschaft entkoppelt. Aber wie? Und selbst wenn Spekulanten die Preise übermäßig in die Höhe trieben - wieso reagieren die Produzenten dann nicht mit einer Ausweitung des Angebots? Jetzt seien ja höhere Erlöse möglich - durch eine Ausweitung des Angebots aber könnten sich die Preise wieder normalisieren.

Stephan Schulmeister vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) hat dafür eine Erklärung (s. taz vom Freitag, 20. 6.): "Wenn alle Reishändler an weitere Preissteigerungen glauben, warum sollen sie dann zusätzlichen Reis anbieten?", fragt er. Stattdessen halten sie ihre Erzeugnisse lieber auf Halde und warten darauf, dass die Preise noch weiter steigen. Zugleich erlassen manche Länder Exportbeschränkungen - besonders für Reis, und importabhängige Länder sowie große Lebensmittelkonzerne sichern sich mit Hamsterkäufen ab. All dies verknappt das Angebot.

Also letztlich doch eine Frage von Angebot und Nachfrage? Die Spekulanten wären dieser Lesart nach lediglich dafür verantwortlich, die Erwartung immer weiterer Preissteigerungen anzuheizen. Dadurch beeinflussen sie die Entscheidungen von Produzenten und Käufern der realen Waren - und die sorgen dafür, dass Öl oder Weizen tatsächlich knapp werden.

Aber selbst diese These ist nicht unumstritten. Der renommierte Princeton-Ökonom Paul Krugman argumentiert, dass Spekulanten nur eine künstliche Verknappung herbeiführen könnten, indem sie irgendwo gewaltige Lager anlegen. Darauf gebe es aber zumindest für Öl keine Hinweise - im Gegenteil, die Ölreserven werden derzeit abgebaut.

Krugman hegt einen bösen Verdacht, warum gerade nicht zuletzt auch Politiker jetzt so gern die Schuld an den Preissteigerungen bei Spekulanten suchen: Nur so könnten sie vermeiden, den wahren Tatsachen ins Gesicht zu sehen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen: dass die Ressourcen endlich sind und Sparen die einzig wahre Lösung des Problems ist.

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