Zum Tod von Regisseur Klaus Michael Grüber: Zu den großen Dichtern hinaufgestiegen

Klaus Michael Grüber, der zerfurchte Schweiger unter Deutschlands Theaterregisseuren, ist tot. Weltruhm brachten ihm Antikenprojekte, Hölderlin-Studien und die "Magd Zerline"

2002 inszenierte Grüber die Mozart-Oper "Don Giovanni" bei der Ruhrtriennale in Recklinghausen. Bild: dpa

Seine Aura muss gigantisch gewesen sein. Alle berichten davon, die mit Klaus Michael Grüber zu tun hatten, damals in den Siebzigern, als der Theaterregisseur von Berlin aus zu Weltruhm gelangte. Es waren die Zeiten, da man wirklich glaubte (oder sich wenigstens im Umfeld solcher Theatersekten wie der damaligen Berliner Schaubühne einreden konnte), dass man tiefe Geheimnisse über das Menschsein und die Welt erfahren konnte, wenn man nur ernsthaft genug zu den großen Dichtern hinabsteigt. Klaus Michael Grüber war bei diesen Exkursionen so etwas wie der wichtigste Seelenführer.

Nach seiner Inszenierung der "Bakchen" von Euripides 1974 setzte eine ganze Theatermode ein, sich in sogenannten Antikenprojekten in alten griechischen Stücken zu spiegeln, in denen die abendländische Vernunft noch mit archaischen Zeiten rang. 1975 befeuerte er mit "Empedokles - Hölderlin lesen" die eh schon erhitzte Hölderlin-Renaissance in Deutschland. Ein brennendes Leiden an den Zuständen der Gegenwart fand hier Material - und dass er oft bis an den Rand des Wahnsinns gehe, gehörte fortan ebenso zu den Grüber-Klischees wie seine späten Probenzeiten (nie vor mittags). Die Legende besagt, dass er auf Proben wenig sprach, aber den Schauspielern mit gelegentlichen Berührungen beinahe hypnotisch Eingebungen vermitteln konnte. Viele Schauspieler haben ihn verehrt: Bruno Ganz, Jutta Lampe, Bernhard Minetti und später, in der Pariser Zeit, auch Jeanne Moreau, mit der Grüber eine umjubelte "Magd Zerline" inszenierte. Auch zur Öffentlichkeit sprach Grüber nicht. Keine Interviews, kaum Selbstauskünfte.

Seine Karriere begann Grüber als Regieassistent bei Giorgio Strehler in Mailand, die allererste Adresse der frühen Sechziger. 1969 kam er ans Bremer Schauspielhaus, damals der wichtigste Durchlauferhitzer für junge Regisseure innerhalb einer sich von der Gründgens-Brecht-Dualität hin zu neuen Möglichkeiten wandelnden Theaterlandschaft: Pop war plötzlich ebenso möglich wie akribische Einarbeitungsanstrengungen in die Klassiker, und Grüber brillierte mit Inszenierungen von Shakespeare, Kleist oder Horváth.

In den Siebzigern wurde er der große Konterpart zu Peter Stein an der Berliner Schaubühne: der rationale Stein, der jede Bewegung auf der Bühne wissenschaftlich begründen konnte - und der ans Mystische heranreichende Grüber, der sich Konzeptionsgesprächen verweigerte und seine Schauspieler am liebsten gewähren ließ.

Seit den späten Siebzigern wechselte Grüber zwischen Frankreich und Deutschland hin und her und inszenierte auch für die Oper. 1991 trat er in einer Gastrolle als Obdachloser in dem Film "Die Liebenden von Pont Neuf" auf, und für einige Augenblicke konnte man auch als Nachgeborener einen Hauch seiner Aura erhaschen und zugleich sehen, dass ihm das Leben nicht leichtgefallen sein kann. Zerfurcht war dies Gesicht wie aus dem Bereich jenseits der Verzweiflung. In der Nacht auf Montag ist Klaus Michael Grüber 67-jährig auf einer bretonischen Insel gestorben.

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