Kolumne Wechseljahr 2008: Gute schlechte Karten

Wie fühlt sich Amerika? Dagmar Herzog über die Verfasstheit einer Changing Nation.

"Alle reden vom Wetter. Wir nicht." Das war vor vierzig Jahren ein Slogan des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Das war damals. Nun reden wir fast nur vom Wetter. Es war nicht mehr nur das Elend in Übersee - erst Birma, dann China -, sondern im eigenen Mittleren Westen. Im Bundesstaat Iowa gab es Fluten von dort noch nie gesehenen Ausmaßen. Wohngegenden fast vollständig unter Wasser. Tausende traumatisierte Menschen.

Beflissen, sein offensichtliches Desinteresse beim Orkan "Katrina" 2005 nicht zu wiederholen, schaffte es Präsident Bush trotzdem, nicht den richtigen Ton zu treffen. Er sagte den Menschen, dass sie aus diesem Desaster noch stärker als zuvor hervorgehen würden: "Manchmal kriegt man im Leben unerwartet schlechte Karten; worauf es ankommt, ist, wie man sie spielt."

Ein Unterschied zu 1968: Inzwischen ist das Wetter tatsächlich selbst ein politisches Thema; die globale Erwärmung ist ohne Frage die Ursache der vermehrten intensiven Regenfälle. Davon aber kein Wort in den Fernsehnachrichten. Die Handhabung der Misere mischte einfach Entsetzen mit Sentimentalität.

Zugleich behält aber das Wetter seine Funktion als Ablenkungsthema. Gerade am 12. Juni war das besonders deutlich zu beobachten. Es war ein Tag von monumentaler historischer Bedeutung. Aber egal, welchen der drei Hauptsender man einschaltete, um die (halbstündigen) Nachrichten zu sehen, volle sieben Minuten waren erst mal dem Unwetter gewidmet.

Erst dann wurde die eigentliche Sensation vermeldet: Der Oberste Gerichtshof der USA hatte mit knapper Mehrheit entschieden, dass die Gefangenen in Guantanamo Bay das Recht hätten, in zivilen Gerichten den Grund ihrer Festnahme nachzufragen, bevor sie vor Militärtribunale gestellt werden. Nach sechs Jahren, in denen die Bush-Regierung den Antiterrorkrieg nach ihren eigenen Regeln gespielt hatte, war endlich Einhalt geboten. Die USA sollten sich wie der Rechtsstaat benehmen, als den sie sich ausgeben. Es wurde den immerfort wiederholten falschen Alternativen widersprochen. Die ausschlaggebenden Richter sagten deutlich: "Freiheit und Sicherheit sind vereinbar."

Aber so wurde es vorerst nicht berichtet. Stattdessen wurde den Zuschauern nahegelegt, dass diese Entscheidung bedrohlich sei, weil sie die Effektivität der US-Regierung einschränke; freigelassene Gefangene würden sich im Handumdrehen wieder dem antiamerikanischen Terror anschließen. Die Berichterstatter taten erstaunt und verstört. Wie konnte es bloß dazu kommen, dass der Gerichtshof dem Präsidenten so die Hände bindet?

In den darauf folgenden Tagen, während Barack Obama die Entscheidung lobte und "das schwarze Loch" von Guantánamo als Schmach für die USA bezeichnete, nannte John McCain die Entscheidung "eine der schlimmsten in der Geschichte dieses Landes." Nun will er im Senat versuchen, durch die Herstellung neuer Sondergerichte einen Umweg um die Entscheidung zu finden. Was unterdessen mit den 270 Gefangenen passiert, hängt weiter in der Schwebe.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de